Immer wieder Blasenentzündung: Hilft vaginales Östrogen?

Immer wieder Blasenentzündung: Hilft vaginales Östrogen?

Unter den Risikofaktoren für wiederkehrende Harnwegsinfekte nach der Menopause steht in einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt (Schmiemann et al., 2024, Jg. 121, Heft 11) ein Wert, der heraussticht: atrophische Vaginitis durch lokalen Östrogenmangel, Odds Ratio 20,3 (Konfidenzintervall 8,9 bis 46,0). Die Scheidenschleimhaut ist dünn und trocken geworden, und das geht mit einem gut zwanzigfach höheren Risiko einher. Die Autorinnen und Autoren waren an der Aktualisierung der S3-Leitlinie zu Harnwegsinfektionen beteiligt. Zum Vergleich: Harninkontinenz steht in derselben Liste mit einer Odds Ratio von 5,8.

Wer nach der Menopause zum dritten Mal in einem Jahr mit Brennen und Dauerdrang auf der Toilette sitzt, bekommt meist ein Antibiotikum und die Empfehlung, mehr zu trinken. Dass die Ursache auch in der Scheide liegen kann, steht seltener im Gespräch. Dieser Text erklärt den Zusammenhang, zeigt, was in den Leitlinien dazu steht, und sortiert, was zur Vorbeugung sonst belegt ist.

Wann eine Blasenentzündung „wiederkehrend“ heißt

Die DEGAM-Anwenderversion zur Harnwegsinfektions-Leitlinie (Stand August 2025) definiert rezidivierende Harnwegsinfektionen, kurz rHWI, so: mindestens zwei symptomatische Episoden innerhalb von sechs Monaten oder mindestens drei innerhalb von zwölf Monaten. Dasselbe steht im Ärzteblatt-Artikel.

Wie häufig das ist, zeigt eine Auswertung dort: Eine Harnwegsinfektion gehört mit einer Jahresprävalenz von 11 Prozent bei Frauen über 16 Jahren zu den häufigsten Gründen für einen Hausarztbesuch und für ein Antibiotikarezept. In einer Befragung gaben 3 Prozent der Teilnehmerinnen rezidivierende Infekte an. Nach der DEGAM-Anwenderversion haben fast 80 Prozent der Frauen, die schon einmal einen Harnwegsinfekt hatten, später weitere erlitten. Und: Die Rate steigt nach der Menopause an.

Mit der Blasenschwäche aus dem Beitrag über Blasenschwäche und Harndrang in den Wechseljahren hat das zu tun, aber es ist ein anderes Problem. Dort geht es um Drang und Inkontinenz ohne Infektion. Hier geht es um nachgewiesene bakterielle Infekte, die immer wiederkommen.

Was der Östrogenmangel mit der Blase zu tun hat

Das Ärzteblatt beschreibt den Mechanismus vorsichtig: Ursächlich seien „vermutlich“ die sinkenden Östrogenspiegel. Sie lassen den pH-Wert in der Scheide steigen, und dadurch wird die schützende Besiedlung mit Laktobazillen geringer. Gesunde Scheidenflora ist sauer. Sie hält Darmkeime wie E. coli, den häufigsten Erreger von Harnwegsinfekten, auf Abstand. Fehlt der Säureschutz, finden diese Keime es leichter, aufzusteigen.

Die S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (AWMF-Registernummer 015-062, Version 1.1, Stand Januar 2020 inklusive Addendum vom September 2020) formuliert das als evidenzbasiertes Statement mit Evidenzgrad 2b, Konsens 94,7 Prozent:

„Die Veränderung des Vaginalmilieus postmenopausaler Frauen disponiert zu Harnwegsinfektionen. Es besteht eine positive Korrelation mit höherem Alter.“

Das Fachwort für das Gesamtbild aus trockener Scheide, Brennen, Schmerzen beim Sex und Harnwegsbeschwerden lautet urogenitales Menopausensyndrom. Wie sich die Scheidenseite davon anfühlt und mit welchen Mitteln man sie behandelt, steht im Beitrag zu vaginaler Trockenheit und Cremes.

Was in den Leitlinien zur Vorbeugung steht

Zwei Leitlinien sagen etwas dazu, und sie sagen es unterschiedlich laut.

Zur S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (015-062) gehört eine Empfehlung mit Empfehlungsgrad B, Evidenzgrad 2a und einem Konsens von 84,2 Prozent (16 von 19):

„Bei rezidivierenden Zystitiden postmenopausaler Frauen sollte vor Beginn einer antibiotischen Langzeitprävention eine vaginale ET durchgeführt werden.“

ET steht für Östrogentherapie. Die Reihenfolge ist der Kern: Die Leitlinie rät, das lokale Östrogen zu versuchen, bevor man zu einer Dauerprophylaxe mit Antibiotika greift. Ein Heilversprechen steckt darin nicht, es ist eine Staffelung.

Die S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (043-044) stammt von der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Die DEGAM ist beteiligt, und ihre Anwenderversion von 2025 fasst die Empfehlungen für die Hausarztpraxis zusammen. Dort steht unter nicht antimikrobiellen Präventionsmaßnahmen: Der vaginale Einsatz von Östrogenpräparaten (0,5 mg Estriol pro Tag) reduziere das Risiko von rHWI bei Frauen in der Postmenopause, mit Verweis auf Empfehlung 12.8 der S3-Leitlinie, Evidenzgrad 1a. Den Wortlaut der Empfehlung selbst gibt die Anwenderversion nicht wieder, nur diese Zusammenfassung mit Nummer.

Die Menopause-Leitlinie hält in ihrem Methodenteil fest, dass sich die Frage, ob orale Hormontherapie oder vaginales Östrogen rezidivierende Harnwegsinfekte verhindern, nicht durch ihre eigene Literaturrecherche beantworten lasse. Die Empfehlung stützt sich dort auf die Harnwegsinfektions-Leitlinie von 2017 (Langversion 1.1-2) und drei Studien. Zwei unabhängige Evidenzstränge sind das also nicht, sondern einer, den beide Leitlinien übernehmen.

Wie stark die Wirkung ist

Das Ärzteblatt nennt eine Metaanalyse (Chen und Kollegen), die Cremes und Vaginalringe mit Placebo bei postmenopausalen Frauen verglich, Studiendauer sechs Wochen bis zwölf Monate. Ergebnis: Das Risiko für Harnwegsinfekte sinkt, relatives Risiko 0,42 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,30 bis 0,59). Grob gesagt: Unter lokalem Östrogen traten in den Studien etwa 58 Prozent weniger Infekte auf als unter Placebo. Das ist eine Gruppenaussage, keine Vorhersage für die einzelne Frau.

Zwei Einschränkungen gehören dazu:

  • Nur lokal: Das Ärzteblatt schreibt ausdrücklich, die lokale Behandlung könne die Rate senken „im Gegensatz zu einer oralen Substitution“. Tabletten oder Pflaster sind für diesen Zweck nicht das Mittel.
  • Kurze Studien: Die untersuchten Zeiträume reichen bis höchstens zwölf Monate. Was über Jahre geschieht, sagen diese Studien nicht.

Praktisch empfiehlt das Ärzteblatt die vaginale Gabe von 0,5 mg Estriol zwei- bis dreimal pro Woche. Die DEGAM-Anwenderversion nennt 0,5 mg Estriol pro Tag als Dosis. Beide Angaben sind Teil der Quellen, und sie unterscheiden sich. Welches Präparat in welcher Dosierung und wie lange passt, entscheidet die behandelnde Ärztin. Estriol-Cremes, Zäpfchen und Vaginaltabletten sind verschreibungspflichtig. Erfahrungen mit Cremes und Anwendung beschreibt der Beitrag zu Östrogencreme: Erfahrungen.

Was sonst zur Vorbeugung belegt ist

Vaginales Östrogen ist nur ein Baustein. Das Ärzteblatt und die DEGAM-Anwenderversion führen weitere Maßnahmen auf, mit sehr unterschiedlicher Belegqualität:

MaßnahmeBefund laut Quelle
Antibiotika-ProphylaxeWirksamste Maßnahme (RR 0,15), aber hohes Risiko für unerwünschte Wirkungen (Ärzteblatt)
Mehr trinkenSteigerung auf 2,5 Liter am Tag senkt rHWI kurzfristig (S3, Empfehlung 12.2, Evidenzgrad 1a laut DEGAM); Ärzteblatt: Odds Ratio 0,13
CranberryRisiko sinkt leicht (RR 0,74; Konfidenzintervall 0,5 bis 0,99), Dosierung und Darreichung uneinheitlich, keine konkrete Empfehlung möglich
D-MannoseCochrane-Review 2022: keine verlässliche Aussage möglich; in der deutschen Leitlinie eine Option, die angeboten werden „kann“
Probiotika, LaktobazillenIn der S3-Leitlinie wegen fehlender Wirksamkeit nicht empfohlen (DEGAM)
Verhütung ohne SpermizideSpermizid-beschichtete Kondome und Diaphragmen erhöhen das Risiko, ein Wechsel kann versucht werden
Das Ärzteblatt nennt für Mannose in der Metaanalyse einen deutlichen Effekt (RR 0,23), weist aber im selben Text auf den Cochrane-Review hin, der keine verlässliche Aussage zulässt, und auf eine weitere Studie bei prä- und postmenopausalen Frauen ohne signifikanten Unterschied (RR 0,92; p = 0,22). Wer Mannose-Pulver kauft, kauft also ein Mittel mit widersprüchlicher Datenlage.

Eine Kleinigkeit zur Hygiene: Das Wischen von vorne nach hinten nach dem Stuhlgang senkt laut DEGAM „möglicherweise“ die Infektionsrate. Möglicherweise heißt hier, dass es kaum untersucht ist, aber auch nichts kostet.

Was vor der Prävention steht: Abklärung

Die DEGAM-Anwenderversion verweist auf Empfehlung 5.28 der S3-Leitlinie: Bei Frauen in der Postmenopause mit rezidivierenden Harnwegsinfekten sollen Urinkultur und Sonografie erfolgen, eine invasive Diagnostik dagegen nicht (Evidenzgrad IIb). Das Ärzteblatt nennt als begünstigende Faktoren nach der Menopause neben dem Östrogenmangel auch Harninkontinenz, eine Zystozele (Absenkung der Blase) und Restharn. Wer ständig Infekte hat, sollte klären lassen, ob einer dieser Faktoren mitspielt, statt nur den nächsten Infekt zu behandeln.

Die DEGAM weist außerdem darauf hin: Bleibt die Infektion auf die Blase begrenzt, sind auch bei Wiederholung keine gravierenden Komplikationen zu erwarten. Fieber, Flankenschmerzen oder Blut im Urin gehören trotzdem zeitnah in ärztliche Hände.

Fazit

Für Frauen nach der Menopause mit wiederkehrenden Blasenentzündungen ist vaginales Östrogen eines der wenigen Mittel, bei denen zwei Leitlinien und eine Metaanalyse in dieselbe Richtung zeigen. Es ersetzt weder die Abklärung beim Arzt noch die akute Behandlung. Und der Nutzen ist an eine lokale Anwendung gebunden: Orale Hormone helfen hier laut Ärzteblatt nicht. Ein Rezept ist die Voraussetzung, und ein Gespräch über Dosierung und Dauer gehört dazu, denn die Quellen nennen zwei verschiedene Schemata.

Wer das Thema beim nächsten Termin ansprechen will, kann direkt fragen: „Könnte bei meinen wiederkehrenden Infekten auch die Scheidenschleimhaut eine Rolle spielen, und wäre lokales Östriol vor einer Antibiotika-Prophylaxe eine Option?“ Genau diese Reihenfolge sieht die Menopause-Leitlinie vor.

Quellen

  • AWMF-S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, Diagnostik und Interventionen, Registernummer 015-062, Version 1.1, Stand Januar 2020 inkl. Addendum September 2020
  • AWMF-S3-Leitlinie Harnwegsinfektionen (unkomplizierte, bakterielle, ambulant erworbene Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen), Registernummer 043-044, zitiert nach der DEGAM-Anwenderversion, Stand August 2025
  • Schmiemann G, Kranz J, Mandraka F, Schubert S, Wagenlehner F, Gágyor I: The diagnosis, treatment, and prevention of recurrent urinary tract infection. Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 373-382, DOI 10.3238/arztebl.m2024.0068

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