Es ist ein Mittwochnachmittag im Mai, kurz nach vier, als Anke in der Apotheke ihrer Kleinstadt im Sauerland steht und sich vorkommt wie auf einem Markt für Unentschlossene. Sie ist 52, seit gut acht Monaten quälen sie Hitzewallungen, im Schnitt acht Stück am Tag, mehrere davon nachts. Ihre Frauenärztin hat ihr in der Woche zuvor in einem längeren Gespräch eine Hormonersatztherapie vorgeschlagen, transdermales Estradiol mit Mikronisiertem Progesteron. Auf dem Papier ein vernünftiger Plan, Ankes Risikoprofil ist sauber, keine familiäre Brustkrebsbelastung, kein Thromboserisiko, kein erhöhter Blutdruck. Aber als Anke nachts im Bett liegt und an die Klebepflaster denkt, die sie jetzt jede Woche tragen soll, wird ihr eng. Sie ist nie eine Frau gewesen, die gern Medikamente nimmt. Sie hat ihre zwei Geburten ohne PDA hinter sich gebracht. Sie will, bevor sie das Hormon nimmt, erst noch eine sanftere Stufe probieren.
Die Apothekerin hört ihr zehn Minuten zu, holt dann zwei Packungen aus dem Regal hinter der Glasvitrine und legt sie vor Anke auf den Tresen. Auf der einen steht Klimadynon, auf der anderen Remifemin. "Traubensilberkerze", sagt die Apothekerin. "Das ist seit Jahrzehnten das pflanzliche Mittel der ersten Wahl in den Wechseljahren. Aber nehmen Sie ein vernünftiges Präparat, nicht das billige Generikum vom Discounter, da sind die Wirkstoffmengen nicht garantiert." Anke greift zu Klimadynon, zahlt einundzwanzig Euro, geht nach Hause.
Was Anke in den nächsten zwölf Wochen erlebt, ist eine sehr typische, sehr durchschnittliche Cimicifuga-Erfahrung, und genau die wollen wir in diesem Artikel ehrlich auseinandernehmen. In Woche eins und zwei: gar nichts. In Woche vier: die Vermutung, dass die Hitzewallungen vielleicht ein bisschen leiser sind, aber sie ist nicht sicher. In Woche acht: ein deutlicher Rückgang von acht auf etwa vier bis fünf Hitzewallungen am Tag, vor allem die nächtlichen sind seltener geworden. In Woche zwölf: stabil bei vier Hitzewallungen, weniger Schweißdurchbruch, etwas besserer Schlaf. Sie ist nicht beschwerdefrei, aber sie kommt durch den Alltag, ohne dass die Hitzewallungen sie noch als Hauptthema beschäftigen. Als sie nach drei Monaten zur Kontrolle bei der Frauenärztin geht, sagt diese: "Wenn Sie damit gut leben können, lassen wir die Hormone erstmal weg. Wenn die Wirkung nachlässt oder die Beschwerden zurückkommen, sprechen wir nochmal."
Anke ist nicht erfunden, und sie ist auch nicht die Ausnahme. Sie ist statistisch ziemlich genau der Mittelwert dessen, was die aktuelle Studienlage zur isopropanolischen Cimicifuga-Zubereitung iCR für eine durchschnittliche Anwenderin erwarten lässt: eine signifikante, aber moderate Reduktion vasomotorischer Symptome, kein vollständiges Verschwinden, dafür eine sehr gute Verträglichkeit. Und genau diese Mittelmäßigkeit ist der Grund, warum die Datenlage zu Cimicifuga so umstritten ist und warum eine Frau in Foren auf vier Erfahrungsberichte stößt, von denen zwei begeistert ("hat mir das Leben gerettet"), einer ratlos ("hat gar nichts gebracht") und einer skeptisch ("Placebo, glaube ich") ist. Genau so verteilen sich auch die Antworten in den Studien.
Schauen wir uns die Pflanze, den Wirkmechanismus, die Daten und die Präparate also genau an. Damit du am Ende weißt, ob es sich für dich lohnt, einen Versuch zu starten, in welcher Dosierung, in welcher Geduldsspanne und wann du den Arzt aufsuchen solltest.
Was Cimicifuga eigentlich ist
Cimicifuga racemosa, seit 1998 botanisch korrekt Actaea racemosa benannt, ist eine mehrjährige Hahnenfußgewächspflanze aus den feuchten Wäldern des östlichen Nordamerika, von Maine bis nach Georgia und westlich bis nach Missouri. Im Deutschen heißt sie Traubensilberkerze, weil die langen, schmalen Blütenstände im Sommer wie silbrig weiße Kerzen über den dunkelgrünen Blättern stehen, in Trauben angeordnet. In den Wald-Lichtungen Pennsylvanias wird sie bis zu zweieinhalb Meter hoch. Das medizinisch genutzte Teil ist nicht das Kraut, sondern der Wurzelstock, das Rhizom, das im Herbst geerntet wird.
In der indigenen Heilkunde der amerikanischen Ostküste war die Wurzel über Jahrhunderte ein Standardmittel der Frauenheilkunde. Die Cherokee, die Algonquin und die Irokesen nutzten Aufgüsse und Abkochungen gegen Menstruationsbeschwerden, gegen schwierige Geburten und gegen "weibliche Probleme", was in den damaligen Begriffen vermutlich auch Wechseljahrebeschwerden mit umfasste. Daneben galt sie als Mittel gegen Schlangenbisse, gegen Rheuma und gegen nervöse Unruhe. Im 19. Jahrhundert nahmen die englischen und deutschen Apotheker die Pflanze in ihre Materia medica auf, und seit 1956 gibt es in Deutschland mit Remifemin das erste industriell standardisierte Cimicifuga-Präparat, das bis heute auf dem Markt ist. Eine historische Übersicht der letzten sechzig Jahre Cimicifuga-Therapie ordnet die Entwicklung von der Volksheilkunde zur Arzneimittelregulierung gut nach.
Im pharmazeutischen Sinn ist Cimicifuga heute in Deutschland und in der Europäischen Union als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zugelassen. Das ist eine eigene Regulierungsklasse zwischen reinem Nahrungsergänzungsmittel und voll zugelassenem Arzneimittel. Eine EU-Monografie der Europäischen Arzneimittelagentur EMA aus 2018 regelt verbindlich, für welche Indikation und in welcher Form die Pflanze ausgelobt werden darf: zur Linderung leichter Symptome der Menopause wie Hitzewallungen und vermehrtem Schwitzen, in standardisierten Trockenextrakten von Wurzel und Rhizom. Die EMA-Bewertung stützt sich auf langjährige Anwendungserfahrung und auf eine wachsende, wenn auch heterogene klinische Evidenzlage.
Wichtig für das Verständnis: nicht jedes Cimicifuga-Präparat ist gleich. Die Wirkstoffe, die in der Wurzel stecken, sind eine komplexe Mischung aus Triterpenglykosiden wie Actein und Cimicifugosid, aus Cinnamoylestern, aus dem Spurenalkaloid Nomega-Methylserotonin und aus Phenolsäuren. Welche dieser Substanzen am Ende im Extrakt landen und in welcher Konzentration, hängt von der Extraktionsmethode ab. Ein isopropanolischer Auszug (mit Isopropylalkohol) hat ein anderes Wirkstoffprofil als ein ethanolischer Auszug (mit Ethanol), und beide sind nicht dasselbe wie ein wässriger Tee. Genau das ist auch der Grund, warum die Studienlage so verwirrend wirken kann.
Der Wirkmechanismus: was wir wissen, was wir nicht wissen
Hier kommt eine der interessantesten Wendungen der pflanzlichen Wechseljahre-Therapie. Lange Zeit, bis etwa in die späten Neunziger, war die herrschende Erklärung für den Cimicifuga-Effekt eine einfache: die Pflanze enthalte Phytöstrogene, also pflanzliche Stoffe, die wie Östrogen an die Östrogen-Rezeptoren binden und so den Hormonmangel der Wechseljahre teilweise ausgleichen. Diese Hypothese passt zu der Beobachtung, dass Cimicifuga gegen vasomotorische Symptome wirkt. Sie passt nur leider nicht zur Biologie. In den letzten zwei Jahrzehnten haben mehrere unabhängige Arbeitsgruppen gezeigt, dass die Extrakte praktisch nicht an die klassischen Östrogen-Rezeptoren ERalpha und ERbeta binden. Wenn überhaupt, dann mit so geringer Affinität, dass eine klinische Relevanz unwahrscheinlich ist. Eine experimentelle Studie zum Cimicifuga-Extrakt BNO 1055 in vitro hat dies sauber dokumentiert.
Was stattdessen wirkt, scheint vor allem ein serotonerges System zu sein. Die Arbeitsgruppe um Burdette an der Universität Illinois hat 2003 in der Zeitschrift für Agrar- und Lebensmittelchemie eine ganz wichtige Arbeit verröffentlicht, in der sie zeigen, dass Cimicifuga-Extrakte als gemischter kompetitiver Ligand und partieller Agonist an den Serotonin-Rezeptor 5-HT7 binden. Diese Befunde wurden in späteren Untersuchungen ausgeweitet auf die Rezeptoren 5-HT1A und 5-HT1D. Das Spurenalkaloid Nomega-Methylserotonin gilt heute als der wirksame Bote dieses Mechanismus, da es bereits in nanomolaren Konzentrationen an 5-HT1A und 5-HT7 bindet. Eine aktuelle Untersuchung zum Klimadynon-Extrakt BNO 1055 mit modernen Bindungsassays30247-5/abstract) bestätigt das Serotonin-Targeting für die heute klinisch genutzten Präparate.
Warum das so gut zur Klinik passt, ergibt sich aus der Neurobiologie der Hitzewallung. Eine Hitzewallung entsteht im Hypothalamus, im präoptischen Areal, das die Körperkerntemperatur regelt. Bei Frauen vor der Menopause ist die thermoneutrale Zone, in der der Körper Temperatur als angenehm empfindet, etwa drei bis fünf Zehntelgrad breit. Mit dem Östrogenabfall der Perimenopause schrumpft diese Zone auf wenige Hundertstel Grad. Kleinste Temperaturveränderungen, ein etwas wärmerer Schlafzimmer, ein heißer Kaffee, ein Stressmoment, kippen die Regulation, und der Körper antwortet mit dem klassischen Hitzewallungs-Programm: Hautgefäßerweiterung, Schweißausbruch, danach Auskühlung. Was das Serotoninsystem damit zu tun hat: der Serotonin-Rezeptor 5-HT2A ist an der Verschmälerung der thermoneutralen Zone direkt beteiligt, und die Aktivierung von 5-HT7 wirkt regulierend in die entgegengesetzte Richtung. Genau deshalb wirken auch niedrig dosierte SSRI- und SNRI-Antidepressiva wie Venlafaxin oder Paroxetin gegen Hitzewallungen. Cimicifuga setzt am gleichen System an, nur sehr viel sanfter.
Neben der serotonergen Wirkung gibt es Hinweise auf eine dopaminerge Komponente und auf eine mögliche GABAerge Wirkung, die zur leicht stimmungsausgleichenden und schlaffördernden Wirkung beitragen könnten. Belastbar dokumentiert ist das aber bisher nicht. Was ebenfalls in Diskussion ist: ein möglicher direkter Effekt am Hitzezentrum des Hypothalamus, vermittelt über die Triterpenglykoside, mit Modulation der Tachykinin- und Neurokinin-Signalwege. Genau dieser Weg ist auch das Ziel der neuen Hitzewallungs-Medikamente wie Fezolinetant. Ob Cimicifuga hier wirklich relevant eingreift oder nur am Rande, ist offen.
Was du dir merken solltest: Cimicifuga ist kein pflanzliches Östrogen. Das ist nicht nur eine biologische Korrektur, das hat unmittelbare klinische Konsequenzen, die wir später unter Sicherheit nochmal aufgreifen. Vor allem für Frauen mit Brustkrebsanamnese oder unter Tamoxifen-Therapie ist die Tatsache, dass Cimicifuga nicht an Östrogenrezeptoren bindet, der entscheidende Punkt für die Einsetzbarkeit.
Studienlage: zwischen Cochrane-Skepsis und iCR-Metaanalyse
Wer als Patientin im Internet zu Cimicifuga recherchiert, stößt sehr schnell auf zwei diametral entgegengesetzte Aussagen. In der einen heißt es: "Cochrane-Review hat keine Wirkung gezeigt." In der anderen: "Über 11.000 Patientinnen in Studien, eindeutig wirksam." Beides ist nicht falsch, und genau diese scheinbare Widersprüchlichkeit hat einen ganz konkreten Grund.
Die HALT-Studie 2006: der große Schock
Die wahrscheinlich folgenreichste Einzelstudie zu Cimicifuga war die HALT-Studie, die im Dezember 2006 in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht wurde. HALT steht für Herbal Alternatives for Menopause Trial, finanziert vom amerikanischen National Institute on Aging und vom National Center for Complementary and Alternative Medicine, durchgeführt am Group Health in Seattle, an der University of Washington und am Fred Hutchinson Cancer Research Center. 351 menopausale Frauen wurden in fünf Gruppen randomisiert: Cimicifuga 160 mg täglich, eine Mehrkräuter-Mischung mit niedrig dosiertem Cimicifuga und neun weiteren Kräutern, die Mehrkräuter-Mischung plus Soja-Diät, konjugierte Pferdeöstrogene plus Medroxyprogesteronacetat oder Placebo. Behandlungsdauer: ein Jahr.
Das Ergebnis war für die Phytotherapie-Welt ein Schock. Keine der drei Kräuterzubereitungen war dem Placebo statistisch überlegen. Die mittlere Differenz zwischen Cimicifuga und Placebo lag am Endpunkt bei weniger als 0,6 Hitzewallungen pro Tag, was klinisch nicht relevant ist. Nur die Hormontherapie zeigte den erwarteten deutlichen Effekt. Die Pressemitteilung der National Institutes of Health zur HALT-Studie titelte direkt: "Herbal Supplement Fails to Relieve Hot Flashes in Large NIH Trial".
Was an dieser Studie in den Folgejahren kritisch eingeordnet wurde: in der HALT-Studie wurde ein nicht-isopropanolischer Cimicifuga-Extrakt verwendet, dessen Wirkstoffprofil sich von den klinisch etablierten europäischen Präparaten Remifemin und Klimadynon deutlich unterscheidet. Die Dosierung von 160 mg täglich war zudem höher als die in Europa üblichen 40 mg, was die Frage aufwirft, ob ein zu hoher Extrakt-Gehalt die Bindung an die Serotonin-Rezeptoren paradox abgeschwächt haben könnte. Trotz dieser Einwände ist HALT bis heute die methodisch sauberste randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie zu Cimicifuga, und sie wirft einen langen Schatten auf die gesamte Evidenzlage.
Cochrane 2012: 16 Studien, ein heterogener Salat
Die zweite oft zitierte Bewertung ist das Cochrane-Review von Leach und Moore aus dem Jahr 2012. Die Autoren werteten 16 randomisierte Studien mit insgesamt 2.027 Frauen aus, die unterschiedlichste Cimicifuga-Zubereitungen mit Placebo, Hormonen oder anderen Wirkstoffen verglichen. Das gepoolte Ergebnis: kein signifikanter Unterschied zwischen Cimicifuga und Placebo bei der Häufigkeit der Hitzewallungen, mit einer mittleren Differenz von 0,07 Hitzewallungen pro Tag. Ein systematischer Überblick zur Cimicifuga-Wirkung fasst das Cochrane-Resultat zusammen und betont gleichzeitig die hohe Heterogenität der eingeschlossenen Studien.
Das ist genau der Punkt, an dem die Bewertung sich gabelt. Pharmakologen wenden ein: wer einen wässrigen Extrakt einer chinesischen Studie, einen ethanolischen Extrakt einer iranischen Studie und einen isopropanolischen Extrakt einer deutschen Studie in einen Topf wirft, der vergleicht im strengen Sinn drei verschiedene Wirkstoffe, nicht ein und dieselbe Pflanze. Die Cochrane-Methodik ist hier konservativ, das ist legitim. Aber die klinische Schlussfolgerung "Cimicifuga wirkt nicht" geht über das hinaus, was die Daten hergeben. Korrekter wäre: "Wir können über Cimicifuga als Sammelbegriff keine eindeutige Aussage treffen, weil die Extraktqualität nicht standardisiert ist."
Die iCR-Metaanalyse 2020: das andere Bild
Wenn man die Frage stellt, was wir über einen einzelnen, standardisierten Extrakt wissen, sieht die Datenlage anders aus. Die viel beachtete Metaanalyse zum isopropanolischen Black-Cohosh-Extrakt iCR aus 2020 hat alle verfügbaren Studien zu genau diesem Extrakt, der in Remifemin enthalten ist, ausgewertet. Eingeschlossen wurden 35 klinische Studien mit 43.759 Frauen, davon 13.096 mit iCR behandelt. Im Vergleich zu Placebo zeigte iCR einen signifikanten Vorteil bei neurovegetativen und psychischen Wechseljahresbeschwerden mit einer standardisierten mittleren Differenz von minus 0,694. Das ist eine Effektgröße, die in der Pharmakologie als mittel bis stark eingestuft wird und die in der Größenordnung niedrig dosierter SSRI-Antidepressiva liegt.
Die zweite klinisch wichtige Studie kommt von der Arbeitsgruppe um Wuttke aus Göttingen. In einer dreimonatigen doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit dem ethanolischen Extrakt BNO 1055, enthalten in Klimadynon, verglichen die Autoren 40 mg BNO 1055 täglich mit 0,6 mg konjugierten Östrogenen und mit Placebo. Ergebnis: BNO 1055 war den konjugierten Östrogenen gleichwertig in der Reduktion der Wechseljahresbeschwerden und beiden überlegen gegen Placebo. Auf das Endometrium hatte BNO 1055 keinen Einfluss, während die Östrogene erwartungsgemäß eine Verdickung verursachten. Eine zweite Wuttke-Studie verglich 40 mg BNO 1055 mit Tibolon und kam zu vergleichbaren Effekten beider Verfahren, mit besserem Verträglichkeitsprofil unter der pflanzlichen Zubereitung.
Was bedeutet das nun in der Summe?
Die ehrliche Synthese der Evidenz lautet etwa so: Cimicifuga ist nicht so wirksam wie eine systemische Hormonersatztherapie, und sie ist nicht so wirkungslos wie es das Cochrane-Review und die HALT-Studie nahelegen. Für Frauen mit leichten bis mittelschweren Hitzewallungen und Schweißausbrüchen ist ein standardisiertes Cimicifuga-Präparat eine sinnvolle erste Stufe, die in etwa der Hälfte bis zwei Drittel der Anwenderinnen eine klinisch spürbare Reduktion bringt. Bei schweren vasomotorischen Symptomen reicht die Wirkstärke meist nicht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus 2024 bestätigt diese Einordnung in einer aktuellen Lesart der Evidenz.
Ein Punkt, der in den Studien immer wieder auftaucht und in der Beratungspraxis oft übersehen wird: Cimicifuga wirkt nicht nur auf die Hitzewallung selbst, sondern auch auf die psychischen Begleitsymptome. Innere Unruhe, leichte depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Schlafstörungen ohne direktes Schwitzen. Das passt zur serotonergen Wirkung und macht die Pflanze gerade für Frauen interessant, deren Beschwerdebild breiter ist als reine Hitzewallungen.
Sicherheit: die Leberwarnung, ihre Geschichte und der heutige Stand
Hier kommt der Punkt, an dem viele Frauen bei der Recherche unsicher werden. Und es ist ein Punkt, der eine ausführliche, ehrliche Einordnung verdient.
Im Juli 2006 veröffentlichte die Europäische Arzneimittelagentur EMA, genauer das Committee on Herbal Medicinal Products HMPC, eine Risikomitteilung zu Cimicifuga. Anlass waren 42 weltweite Verdachtsfälle einer Leberreaktion bei Frauen, die Cimicifuga-haltige Präparate eingenommen hatten. Nach methodisch sauberer Kausalitätsbewertung mit dem RUCAM-Score waren von diesen 42 Fällen nur vier als wahrscheinlich oder möglich der Cimicifuga zuzuordnen, der Rest war methodisch nicht ausreichend belegbar. Trotzdem reagierte das deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM 2009 mit einem Stufenplanverfahren Stufe II zu Cimicifugahaltigen Arzneimitteln, in dessen Folge die Hersteller verpflichtet wurden, in Packungsbeilage und Fachinformation einen Hinweis auf mögliche Leberschäden aufzunehmen.
Was seitdem an Daten hinzugekommen ist, gibt eine deutlich ruhigere Sicht. Die umfangreiche Sicherheits-Analyse zur iCR-Zubereitung aus Remifemin hat 107 Patientinnen über ein Jahr nachbeobachtet und keine relevanten Leberwerteveränderungen gefunden. Eine strukturierte Kausalitätsanalyse zu Cimicifuga und Leberschaden kommt zu dem Schluss, dass die meisten gemeldeten Verdachtsfälle methodisch nicht haltbar sind. Eine Folgeauswertung von über 13.000 mit iCR behandelten Patientinnen zeigt keinen Hinweis auf ein systematisches Leberproblem.
Was sagt das in der Praxis? Die Datenlage spricht dafür, dass eine schwere Leberreaktion unter Cimicifuga, wenn überhaupt, ein extrem seltenes Ereignis ist, mit einer Wahrscheinlichkeit deutlich unter eins zu zehntausend Anwenderinnen. Trotzdem ist die Warnung im Beipackzettel nicht falsch, und sie gibt einen vernünftigen Hinweis auf das, was Anwenderinnen wissen sollten: wenn unter Cimicifuga ungewöhnliche Symptome wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit, dunkler Urin, hellerer Stuhl, Gelbsucht oder Druck im rechten Oberbauch auftreten, dann ist das ein Grund, sofort die Einnahme zu beenden und zur Ärztin zu gehen. Wer eine bekannte Lebererkrankung hat, sollte Cimicifuga nicht ohne Rücksprache mit der behandelnden Ärztin einnehmen. Wer regelmäßig andere Medikamente einnimmt, die selbst leberbelastend wirken können, etwa Statine oder bestimmte Antibiotika, sollte die Einnahme ebenfalls mit der Hausärztin abstimmen.
Eine vernünftige praktische Empfehlung ist es, vor Beginn einer dauerhaften Cimicifuga-Einnahme einmal die Leberwerte (GOT, GPT, gamma-GT) bestimmen zu lassen und nach etwa drei Monaten Therapie zu kontrollieren. Das macht keine Frauenärztin von sich aus, aber wenn du gezielt darum bittest, ist das ein vernünftiger Vorschlag, den jede Hausärztin im Rahmen einer regulären Blutkontrolle mitmachen kann.
Neben der Leberfrage sind weitere Nebenwirkungen unter Cimicifuga selten. Beschrieben sind leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, vereinzelt Hautausschläge. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind selten und meist nicht klinisch relevant. Ein theoretischer Punkt der Vorsicht ist die Kombination mit serotonerg wirkenden Antidepressiva wie SSRIs oder Venlafaxin. Hier wäre theoretisch eine Verstärkung der serotonergen Wirkung denkbar, in der praktischen Anwendung sind aber bisher kaum Fälle eines klinisch relevanten Serotonin-Syndroms berichtet worden.
Cimicifuga bei Brustkrebs-Anamnese: das wichtige Detail
Frauen mit einer überstandenen oder bestehenden Brustkrebserkrankung haben in den Wechseljahren oft ein doppeltes Problem. Erstens sind sie überhaupt anfälliger für Hitzewallungen, weil viele Therapien wie Tamoxifen, Aromatasehemmer oder die GnRH-Analoga eine künstliche Menopause induzieren oder verstärken. Zweitens ist eine systemische Hormonersatztherapie in dieser Gruppe in der Regel kontraindiziert, weil die Tumorbiologie es nicht erlaubt. Genau hier kann Cimicifuga eine wichtige Rolle spielen, weil die Pflanze gerade nicht an Östrogenrezeptoren bindet und damit den hormonsensitiven Tumor nicht aktivieren sollte.
Die Datenlage dazu ist mittlerweile recht solide. Eine italienische offene randomisierte Studie zur Wirksamkeit von Cimicifuga BNO 1055 bei Brustkrebsüberlebenden unter Tamoxifen hat 136 Patientinnen über zwölf Monate beobachtet. Die kombinierte Gabe von Tamoxifen plus Cimicifuga BNO 1055 reduzierte die Anzahl und Schwere der Hitzewallungen zufriedenstellend im Vergleich zur Tamoxifen-Monotherapie. Eine prospektive Beobachtungsstudie an 50 Brustkrebspatientinnen unter Tamoxifen mit isopropanolischer Cimicifuga-Zubereitung über sechs Monate zeigte eine signifikante Reduktion der Menopause Rating Scale II von 17,6 auf 13,6 Punkte. Wichtig: in keiner dieser Studien gab es Hinweise auf eine erhöhte Rezidivrate oder eine Tumorprogression.
Die deutschen Leitlinien zur Komplementärmedizin in der Onkologie haben diese Datenlage aufgegriffen und Cimicifuga als eines der wenigen pflanzlichen Mittel benannt, die für Frauen mit Brustkrebsanamnese "erwogen werden können", wie es im vorsichtigen Wortlaut der medizinischen Leitliniensprache heißt. Das ist mehr als ein Freibrief, aber weniger als eine uneingeschränkte Empfehlung, und es bedeutet vor allem: die Entscheidung gehört in das Gespräch mit der behandelnden Onkologin oder Frauenärztin, nicht in einen Selbstversuch.
Praktisch wird Cimicifuga in der onkologischen Begleittherapie oft vor SSRI- oder Venlafaxin-Therapien getestet, weil die Verträglichkeit besser ist und die Wirkung gerade bei vasomotorischen Tamoxifen-Nebenwirkungen relevant sein kann. Eine chinesische randomisierte Studie zur Wirkung von Cimicifuga auf Hitzewallungen unter GnRH-Analoga bei Brustkrebs bestätigt diesen Therapieansatz auch für die GnRH-induzierte Menopause.
Was Cimicifuga nicht kann: der ehrliche Vergleich mit HRT
Hier ist es wichtig, klar zu sein, damit du keine Erwartungen entwickelst, die enttäuscht werden müssen. Cimicifuga ist eine therapeutische Option für einen Teil der Wechseljahrebeschwerden, nicht für alle.
Cimicifuga wirkt nicht auf die vaginale Atrophie. Die dünne, trockene, brennende Vaginalschleimhaut, die viele Frauen ab der mittleren Perimenopause entwickeln und die zu Schmerzen beim Sex, zu wiederkehrenden Harnwegsinfekten und zu chronischem Unwohlsein führt, braucht eine lokale Therapie, in der Regel mit einer östriolhaltigen Vaginalcreme oder einem Vaginalring. Das ist ein topisches Niedrigdosis-Hormon, das praktisch nicht ins Blut übergeht und das auch für die meisten Brustkrebsüberlebenden nach onkologischer Rücksprache vertretbar ist. Wer hier mit Cimicifuga arbeitet, behandelt am Problem vorbei. Mehr dazu im Artikel zur vaginalen Trockenheit in den Wechseljahren.
Cimicifuga schützt nicht vor Osteoporose. Die fallenden Östrogenspiegel der Wechseljahre führen in der Wirbelsäule und an Hüft- und Oberschenkelhalsknochen zu einem messbaren Knochendichteverlust, der das Risiko für Osteoporose und Frakturen erhöht. Die einzige medikamentöse Strategie, die hier in der Lebensmitte sinnvoll greift, ist die systemische Hormonersatztherapie oder, bei spezifischer Indikation, ein Bisphosphonat. Cimicifuga hat in einigen Studien moderate Effekte auf Knochenmarker gezeigt, aber das ist weit entfernt von einer Osteoporose-Prävention.
Cimicifuga wirkt nicht auf die kognitive Performance, auf den Brainfog, auf die Konzentration. Wer in den Wechseljahren über Wortfindungsstörungen, über Aufmerksamkeitsprobleme und über das berühmte Gefühl, "nicht mehr scharfe denken zu können", klagt, wird unter Cimicifuga keine Verbesserung erleben. Mehr zu diesen Themen im Artikel zum Brainfog in den Wechseljahren.
Und Cimicifuga reicht in der Regel nicht bei schweren Hitzewallungen, also wenn du zehn oder mehr Hitzewallungen am Tag hast, wenn die nächtlichen Schweißausbrüche dich mehrmals pro Nacht weckt, wenn du den Tagesablauf wegen der Hitzewallungen kaum noch organisieren kannst. In dieser Konstellation ist eine Hormonersatztherapie die effizientere Option, und es gibt heute genügend differenzierte Hormonschemata, die für die meisten Frauen ein vernünftiges Risikoprofil bieten. Die aktuelle Datenlage haben wir im Artikel HRT in 2026: Was wirklich zählt systematisch zusammengefasst.
Dosierung, Behandlungsdauer und Wartezeit
Die Standard-Dosierung in den europäischen Studien und in der EMA-Monografie liegt bei 40 mg standardisiertem Cimicifuga-Trockenextrakt pro Tag, in einer oder zwei Einzeldosen. Das entspricht bei Klimadynon einer Tablette zweimal täglich, bei Remifemin in der klassischen Variante zwei Tabletten zweimal täglich. Die Packungsangaben sind verbindlich, weil sie sich auf die spezifische Extraktqualität des jeweiligen Präparats beziehen.
Höhere Dosen bringen nach Datenlage keinen Vorteil. Die Diskussion um die Dosis-Wirkungs-Beziehung von Cimicifuga zeigt, dass es bei der Pflanze nicht das simple Schema "mehr ist mehr" gibt. Im Gegenteil, einige Untersuchungen deuten auf eine biphasische Dosis-Wirkungs-Kurve hin, mit optimaler Wirkung in einem mittleren Bereich.
Die Wartezeit auf einen klinisch spürbaren Effekt liegt bei vier bis acht Wochen. Das ist langsam, und es ist genau die Geduldsspanne, an der viele Frauen scheitern, weil sie nach zwei Wochen den Eindruck haben, das Mittel wirke nicht und es deshalb wieder absetzen. Wenn du Cimicifuga ehrlich testen willst, plane mindestens zwölf Wochen Behandlung ein, und beurteile den Effekt erst dann. Führe in dieser Zeit ein einfaches Tagebuch über die Anzahl der Hitzewallungen am Tag und in der Nacht. Dann hast du am Ende des Tests eine ehrliche Bewertungsgrundlage.
Die Behandlungsdauer ist im EMA-Monografie auf in der Regel sechs Monate begrenzt. Danach soll eine Pause oder eine erneute Bewertung erfolgen. In der Praxis nehmen viele Frauen Cimicifuga länger, und nach dem aktuellen Sicherheitsprofil ist das auch vertretbar, wenn die Leberwerte regelmäßig kontrolliert werden und kein neues Symptom auftritt. Eine sinnvolle Strategie ist es, nach einem Jahr durchgehender Anwendung eine vierwöchige Pause einzulegen. Das hat zwei Vorteile: es zeigt dir, wie viel von der Wirkung tatsächlich auf das Präparat zurückgeht, und es gibt dem Körper eine Auszeit von der dauerhaften Serotonin-Modulation.
Präparate-Markt: was kaufen, was nicht kaufen
Hier wird es konkret praktisch, und hier wird es auch wirtschaftlich relevant, weil die Preisunterschiede zwischen den verschiedenen Präparaten zum Teil erheblich sind, ohne dass das immer mit Qualitätsunterschieden korreliert.
Remifemin (Schaper und Brümmer) ist das älteste industrielle Cimicifuga-Präparat in Deutschland, auf dem Markt seit 1956. Es enthält den isopropanolischen Trockenextrakt iCR, der in den genannten Wirksamkeits- und Sicherheitsstudien am besten untersucht ist. Eine Packung mit 100 Tabletten liegt zwischen etwa 22 und 30 Euro, je nach Apotheke. Die Standard-Tagesdosis von vier Tabletten kommt damit auf etwa 22 bis 30 Cent pro Tag. Remifemin gibt es auch in einer Plus-Variante mit Johanniskraut, die für Frauen mit zusätzlicher leichter Verstimmung gedacht ist. Eine Bewertung verschiedener Cimicifuga-Präparate durch Öko-Test hat Remifemin als einziges der getesteten Präparate mit gut bewertet. Klimadynon (Bionorica) ist das zweite große europäische Standardpräparat. Es enthält den ethanolischen Extrakt BNO 1055, in einer Tagesdosis von 40 mg. Klinisch untersucht ist es vor allem durch die Wuttke-Studien, die auch die Vergleichbarkeit mit niedrig dosierten konjugierten Östrogenen zeigen. Eine Packung mit 60 Tabletten kostet etwa 20 bis 26 Euro. Klimadynon Uno als Einmal-täglich-Variante kostet etwa gleich viel. In der praktischen Wirkung sind Klimadynon und Remifemin sehr ähnlich, der wesentliche Unterschied liegt in der Extraktqualität, und damit in einem geringfügig anderen Wirkstoffspektrum, was klinisch bisher nicht zu eindeutigen Unterschieden geführt hat. Femikliman uno, Aktea und vergleichbare apothekenexklusive Präparate belegen den mittleren Preissegment. Sie enthalten ebenfalls standardisierte Cimicifuga-Extrakte, allerdings nicht in der gleichen Tiefe der klinischen Dokumentation wie iCR oder BNO 1055. Wirkung und Verträglichkeit sind in der Regel vergleichbar, aber wer den methodisch besten Datenstand will, greift zu Remifemin oder Klimadynon. Apotheken-Generika und Drogerie-Produkte sind die unterste Preisstufe, oft unter zehn Euro für eine vergleichbare Packungsgröße. Hier ist Vorsicht geboten. Die Wirkstoffmenge kann zwischen Chargen schwanken, die Extraktqualität ist nicht so streng standardisiert, und einige Produkte enthalten nicht Cimicifuga racemosa, sondern andere Cimicifuga-Arten wie Cimicifuga foetida oder Cimicifuga heracleifolia, deren klinisches Profil deutlich anders und schlechter untersucht ist. Wenn der Preis sehr deutlich unter dem der Standardpräparate liegt, lohnt sich ein Blick in die Packungsbeilage und ein Vergleich der Extraktangaben. Kombinationspräparate sind ein eigenes Kapitel. Es gibt am Markt Mischungen aus Cimicifuga und Salbei (etwa für das gleichzeitige Adressieren von Schwitzen und Hitzewallungen), aus Cimicifuga und Johanniskraut (Remifemin Plus, für die Kombination mit leichter Verstimmung) oder aus Cimicifuga und Rhapontikrhabarber (Femi-loges, allerdings ist hier der ERr 731-Rhapontikextrakt der eigentliche Wirkstoff, nicht das Cimicifuga). Eine Diskussion zu Kombinationspräparaten in der Wechseljahrebehandlung ordnet die Konzepte ein. Klinisch überlegen sind diese Kombinationen den Monopräparaten nicht zwingend, aber für bestimmte Beschwerdebilder kann eine Kombination Sinn ergeben.Den direkten Vergleich von Cimicifuga und Salbei haben wir im Artikel Salbei vs Cimicifuga in den Wechseljahren ausführlich gegenübergestellt. Wer mit reinen Schweißausbrüchen kämpft, hat oft mit Salbei einen einfacheren und günstigeren Einstieg. Wer ein breiteres Symptomspektrum hat, ist mit Cimicifuga meist besser bedient.
Was Frauen in Foren berichten: der Realtalk
Wer ein paar Stunden in Wechseljahre-Foren wie awmf-online, im rund-um-die-frau-Forum, in einem reddit-Sub wie Menopause oder in den Kommentarsektionen entsprechender Instagram-Kanäle verbringt, bekommt ein Bild, das nicht eins zu eins zur Studienlage passt, und das gleichzeitig die Studienlage gut illustriert.
Die häufigste Erfahrung lautet ungefähr so: ich habe Klimadynon oder Remifemin acht bis zwölf Wochen genommen, die Hitzewallungen sind deutlich weniger geworden, aber nicht weg, ich nehme es weiter, weil es das erträglicher macht. Etwa die Hälfte der Erfahrungsberichte fallen in dieses Muster. Es entspricht ziemlich genau dem, was die iCR-Metaanalyse mit einer Effektgröße von minus 0,694 vorhersagen würde: spürbar, aber nicht spektakulär.
Die zweite häufige Erfahrung lautet: ich habe Cimicifuga drei oder vier Wochen genommen, gar nichts gespürt, abgesetzt. Diese Frauen haben oft die zu kurze Therapiedauer als Hauptproblem, und manchmal die zu hohe Erwartung. Cimicifuga ist nicht Aspirin, das nach zwanzig Minuten wirkt. Wer die acht Wochen nicht durchhält, kann nicht beurteilen, ob das Präparat für sie wirkt.
Die dritte Erfahrung, seltener aber existent: ich habe Cimicifuga genommen, fast keine Wirkung gespürt, dann auf HRT gewechselt, und der Unterschied war wie Tag und Nacht. Auch das ist eine valide und ehrliche Beschreibung. Es bestätigt nur, dass Cimicifuga keine Hormonersatztherapie ist und auch nicht den Anspruch hat, eine zu sein.
Und es gibt vereinzelt Berichte über Nebenwirkungen, am häufigsten Magen-Darm-Beschwerden in der Anfangsphase, gelegentlich leichte Kopfschmerzen, sehr selten Hautausschläge. Die ganz seltenen Berichte über Leberreaktionen sind in den Foren deutlich präsenter als die epidemiologische Datenlage es rechtfertigen würde, was eine natürliche Folge der selektiven Aufmerksamkeit auf solche Ereignisse ist.
Was viele Frauen unterschätzen: die psychische Wirkung. Mehrere Anwenderinnen beschreiben, dass die Schlafqualität besser geworden ist, dass die innere Unruhe nachgelassen hat, dass die Reizbarkeit etwas gedämpft ist. Das ist genau die Stimmungs- und Schlaf-Wirkung, die zur serotonergen Modulation passt. Wer nur auf die Anzahl der Hitzewallungen schaut, übersieht diese begleitenden Effekte leicht.
Wann zur Ärztin
Es gibt drei Konstellationen, in denen du eine Cimicifuga-Selbstmedikation in eine ärztliche Beratung übergeben solltest.
Erstens, wenn nach acht bis zwölf Wochen Therapie in voller Dosis keine spürbare Besserung eingetreten ist. Dann lohnt sich ein Gespräch, ob du eine andere pflanzliche Option versuchen oder direkt in die Hormonersatztherapie wechseln willst. Auch eine Kombination ist denkbar, etwa Cimicifuga plus topisches Östrogen vaginal.
Zweitens, wenn während der Therapie neue Symptome auftreten, die zu einer Leberbelastung passen könnten: Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Druck im rechten Oberbauch, dunkler Urin, hellerer Stuhl, Hautjucken, gelbliche Augen oder Hautfarbe. In dieser Konstellation sofort Präparat absetzen, Hausärztin oder Frauenärztin aufsuchen, Leberwerte bestimmen lassen. Das ist sehr selten, und in den allermeisten Fällen wird sich kein leberbezogener Befund ergeben. Aber die Symptomkombination ist es wert, ernst genommen zu werden.
Drittens, wenn du eine bekannte Brustkrebsanamnese hast und unter Cimicifuga eine deutliche Verbesserung erlebst, aber dein Onkologe noch nicht informiert ist. Auch wenn die Datenlage für den Einsatz bei dieser Indikation eher beruhigend ist, gehört die Information in die onkologische Akte, weil sie für die Gesamtbeurteilung deines Therapiekonzepts relevant ist.
Davon abgesehen ist Cimicifuga eines der gut untersuchten und in der Selbstmedikation gut handhabbaren pflanzlichen Mittel der Wechseljahretherapie. Eine vorherige ärztliche Beratung ist nicht zwingend, aber sinnvoll, wenn du andere Erkrankungen hast, regelmäßig andere Medikamente nimmst oder dir bei der Entscheidung unsicher bist.
Der Stand 2026: was hat sich geändert
Drei Entwicklungen der letzten Jahre sind für die heutige Einordnung relevant.
Erstens ist die Sicherheitsbewertung zur Leberfrage durch neuere Studien und Anwendungsbeobachtungen deutlich entspannter geworden als zur Zeit des BfArM-Stufenplans 2009. Die Datenlage spricht heute eindeutig dafür, dass eine relevante Lebertoxizität, wenn überhaupt, ein extrem seltenes idiosynkratisches Ereignis ist, und nicht ein systematischer Pharmakologie-Effekt der Pflanze. Die Warnhinweise im Beipackzettel bleiben formal bestehen, aber die klinische Bewertung in den Fachkreisen ist heute ruhiger.
Zweitens hat die aktuelle Diskussion in der Deutschen Apotheker Zeitung zum Stellenwert von Cimicifuga in der Perimenopause die Pflanze als legitime erste therapeutische Stufe vor dem Einstieg in die HRT positioniert, vor allem bei leichten bis mittelschweren Beschwerden und bei Frauen, die einer Hormontherapie zunächst skeptisch gegenüberstehen. Die in Vorbereitung befindliche S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wird Cimicifuga voraussichtlich als überzeugend untersuchte Option bei leichten Hitzewallungen aufnehmen.
Drittens hat sich die Datenlage zur Sicherheit bei Brustkrebspatientinnen weiter stabilisiert. Die deutschen onkologischen Leitlinien zur Komplementärmedizin bewerten Cimicifuga als eine der wenigen pflanzlichen Optionen, die nach Datenlage in dieser Gruppe einsetzbar ist, immer in Abstimmung mit der behandelnden Onkologin. Das ist ein bedeutender Wandel gegenüber der defensiven Haltung vor zehn Jahren, als die Brustkrebs-Anamnese pauschal als Kontraindikation gegen jede pflanzliche Wechseljahrebehandlung gehandhabt wurde.
Was sich nicht geändert hat: die Pflanze bleibt eine moderat wirksame Option, sie ist keine HRT-Ersatz für alle Beschwerden, und sie braucht Geduld und eine standardisierte Zubereitung, um ihr Potenzial zu zeigen.
Was du diese Woche tun kannst
- Heute oder morgen: Wenn du Cimicifuga ausprobieren willst, hol dir in der Apotheke ein standardisiertes Präparat, entweder Remifemin oder Klimadynon. Achte bewusst darauf, nicht das billigste Drogerie-Produkt zu nehmen, weil die Wirkstoffqualität dort weniger gut belegt ist.
- Ab heute: Fang an, ein einfaches Tagebuch über deine Hitzewallungen zu führen. Tageshitzewallungen und nächtliche Schweißausbrüche, jeweils einfach mit Strichliste. Das ist die Datengrundlage, um in zwölf Wochen ehrlich zu entscheiden, ob das Präparat für dich wirkt.
- Diese Woche: Lass bei der Hausärztin im Rahmen einer regulären Blutkontrolle einmal die Leberwerte bestimmen (GOT, GPT, gamma-GT). Das ist die Baseline, mit der du in drei Monaten vergleichen kannst.
- Geduldsphase: Plane mindestens acht bis zwölf Wochen Therapie ein, bevor du die Wirkung beurteilst. Wenn du nach vier Wochen unentschieden bist, weitermachen. Das ist normal, der Wirkungseintritt ist langsam.
- Bei Brustkrebsanamnese: Sprich vor Beginn der Cimicifuga-Einnahme mit deiner Onkologin oder Frauenärztin, auch wenn die Datenlage für den Einsatz spricht. Es gehört in die Behandlungsakte.
- Bei zusätzlichen Medikamenten: Wenn du Statine, bestimmte Antibiotika oder andere leberbelastende Präparate dauerhaft nimmst, kurz mit der Hausärztin abklären.
- Warnsignale beachten: Ungewöhnliche Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Druck im rechten Oberbauch, gelbliche Augen oder Haut sind ein Grund zum sofortigen Absetzen und zum Arzttermin.
- Wenn nach zwölf Wochen wenig Wirkung: Geh in die Frauenärztin-Sprechstunde und besprich die nächste Stufe. Das kann ein anderer pflanzlicher Ansatz sein, ein Kombinationspräparat, oder der Wechsel in eine Hormontherapie.
- Wenn die Wirkung gut ist: Eine sinnvolle langfristige Strategie ist ein Jahr durchgehender Anwendung, dann eine vierwöchige Pause, um zu sehen, wo du ohne das Präparat stehst.
Verwandte Artikel
- Salbei vs Cimicifuga in den Wechseljahren: Welche Heilpflanze wirkt bei welchen Symptomen?
- Salbei gegen Hitzewallungen: Was die Bommer-Studie wirklich zeigt
- HRT in 2026: Was wirklich zählt
- Hitzewallungen in den Wechseljahren: was hilft?
- Phytöstrogene: Erfahrungen, Wirkung, Sicherheit
- Perimenopause: Was im Körper passiert
Disclaimer
Dieser Artikel ist eine redaktionelle Einordnung der aktuellen Datenlage zu Cimicifuga und ersetzt keine ärztliche Beratung. Pflanzliche Präparate sind in den Wechseljahren in der Regel gut verträglich, können aber in seltenen Fällen Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten verursachen. Insbesondere die Frage nach einer möglichen Leberbelastung, die Frage nach einer parallelen Hormontherapie und die Frage nach dem Einsatz bei Brustkrebsanamnese gehören in das Gespräch mit der Frauenärztin, Hausärztin oder Onkologin. Die in diesem Artikel genannten Präparate sind Beispiele aus dem deutschen Markt und keine Kaufempfehlung im engeren Sinn. Die genannten Dosierungen entsprechen den heute gültigen Fachinformationen und sollen die Orientierung erleichtern, ersetzen aber nicht die individuelle Verordnung.
Quellen
- Cimicifugae rhizoma, EU-Monographie der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, HMPC, 2018. ema.europa.eu
- Beer A.-M. et al., Review and meta-analysis: isopropanolic black cohosh extract iCR for menopausal symptoms, Climacteric 2020. Taylor and Francis
- Wuttke W. et al., The Cimicifuga preparation BNO 1055 vs. conjugated estrogens in a double-blind placebo-controlled study, Maturitas 2003. PubMed
- Newton K.M. et al., Treatment of vasomotor symptoms of menopause with black cohosh, multibotanicals, soy, hormone therapy or placebo, Annals of Internal Medicine 2006 (HALT-Studie). NIH-Pressemitteilung
- Leach M.J. und Moore V., Black cohosh for menopausal symptoms, Cochrane Database of Systematic Reviews 2012. PMC
- Drewe J. et al., 60 years of Cimicifuga racemosa medicinal products, Wiener Medizinische Wochenschrift 2017. PMC
- Burdette J.E. et al., Black cohosh acts as a mixed competitive ligand and partial agonist of the serotonin receptor, Journal of Agricultural and Food Chemistry 2003. ACS Publications
- Wuttke W. et al., Serotonin receptor targeting activities for Cimicifuga racemosa dry extract BNO 1055, Maturitas 2017. Maturitas30247-5/abstract)
- Hernandez Munoz G. und Pluchino S., Cimicifuga racemosa for the treatment of hot flushes in women surviving breast cancer, Maturitas 2003. ScienceDirect
- Rostock M. et al., Black cohosh in tamoxifen-treated breast cancer patients with climacteric complaints, Gynecological Endocrinology 2011. Taylor and Francis
- BfArM, Risikoinformation Cimicifugahaltige Arzneimittel, Stufenplanverfahren, Stufe II, 2009. bfarm.de
- Naser B. et al., Black cohosh hepatic safety: follow-up of 107 patients consuming a special Cimicifuga racemosa rhizome herbal extract and review of literature, Evidence-Based Complementary and Alternative Medicine 2011. PMC
- Teschke R. und Schwarzenböck A., Suspected hepatotoxicity by Cimicifugae racemosae rhizoma, Phytomedicine 2009. ScienceDirect
- Castelo-Branco C. et al., Exploring the Efficacy and Safety of Black Cohosh (Cimicifuga racemosa) in Menopausal Symptom Management, PMC 2024. PMC
- Apotheken Umschau, Traubensilberkerze: Pflanzliche Hilfe in den Wechseljahren. apotheken-umschau.de
- Deutsche Apotheker Zeitung, Perimenopause: Cimicifuga statt Hormone, 2024. deutsche-apotheker-zeitung.de
- Carstens-Stiftung, Mit Pflanzenkraft gegen Wechseljahresbeschwerden. carstens-stiftung.de
- Saller R., Cimicifuga racemosa: Die Wirksamkeit ist dosisabhängig, Universitätsspital Zürich, Abteilung Naturheilkunde. docplayer.org
- Öko-Test Bewertung Cimicifuga-Präparate, Apotheke Adhoc. apotheke-adhoc.de
- Netzwerk Frauengesundheit, Mit Pflanzenkraft gegen Wechseljahresbeschwerden. netzwerk-frauengesundheit.com
Noch keine Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.
Kommentar schreiben