Libidoverlust in den Wechseljahren: Wenn das Verlangen weg ist, und was wirklich wieder hilft

Libidoverlust in den Wechseljahren: Wenn das Verlangen weg ist, und was wirklich wieder hilft

Es ist Mittwochabend, halb elf.

Dein Mann schiebt sich näher, legt eine Hand auf deinen Bauch, und du spürst, wie dein Körper sich nicht öffnet, sondern stiller wird. Nichts kribbelt. Nichts zieht. Du wartest auf das, was früher fast automatisch kam, und es kommt einfach nicht. Du denkst: ich liebe ihn. Ich finde ihn attraktiv. Ich will ihn nicht enttäuschen. Du sagst „heute bin ich müde", und du weißt, dass das stimmt und nicht stimmt zugleich. Später liegst du wach, hörst seinen Atem, und in dir entsteht dieser stille, schmerzhafte Satz: Was ist mit mir nicht in Ordnung?

Wenn du das kennst, gehörst du zu einer sehr großen, sehr leisen Gruppe.

In den USA hat eine repräsentative Erhebung von Shifren et al., publiziert 2008 im Fachblatt Obstetrics & Gynecology, gezeigt, dass bei Frauen zwischen 45 und 64 die Häufigkeit von belastend niedrigem sexuellen Verlangen bei rund 12,3 Prozent liegt. Bei Frauen, die operativ in die Wechseljahre gerieten, lag die Quote der diagnostizierten HSDD in der WISHeS-Studie sogar bei bis zu 26 Prozent in jüngeren chirurgisch postmenopausalen Frauen. Die SWAN-Studie, die über 14 Jahre hinweg Frauen quer durch die Menopause begleitet hat, zeigt klar: Sexuelles Verlangen sinkt im Mittel über die Menopause-Transition, Schmerzen beim Sex steigen, und Frauen ziehen sich oft schon Jahre vor der letzten Periode aus dem aktiven Sexleben zurück.

Niemand erzählt dir das vorher. Nicht in der Frauenarztpraxis, weil dort niemand fragt. Nicht von der besten Freundin, weil sie selbst Stillschweigen gelernt hat. Du googelst irgendwann „kein verlangen mehr wechseljahre" und findest entweder Wundermittel-Werbung oder Texte, die dich zwischen Hormonangst und Beziehungs-Schuldgefühlen zerreiben.

Hier ist, was die Forschung wirklich weiß, und was du tun kannst, ohne dich selbst krank zu reden oder dich unter Performance-Druck zu setzen.

Was du da spürst, hat einen Namen, und der ist wichtig

Lange wurde „weniger Lust auf Sex" entweder belächelt („das ist halt das Alter") oder pathologisiert („eine Störung"). Beides hat Frauen geschadet.

Die International Society for the Study of Women's Sexual Health hat den Begriff präzisiert. Wenn fehlendes sexuelles Verlangen über mindestens sechs Monate besteht und dich belastet oder die Beziehung belastet, sprechen wir von Hypoactive Sexual Desire Disorder, HSDD. In der neueren Klassifikation manchmal auch als Female Sexual Interest/Arousal Disorder (FSIAD) gebündelt. Der entscheidende Punkt steht im Wort „belastend": Geringere Lust ist allein noch keine Diagnose. Manche Frauen sind mit weniger Lust ganz im Reinen, leben in Phasen ohne Sex, und niemand muss daraus ein Problem machen.

HSDD ist erst dann relevant, wenn dich das Fehlen stört. Wenn du dich entfremdet fühlst von dir selbst, von deinem Körper, von deinem Partner, oder wenn die Frage „was ist mit mir los?" dich verfolgt. Dann reden wir über etwas, das man verstehen, einordnen und in vielen Fällen behandeln kann.

Eine Übersichtsarbeit von Goldstein et al. im Fachblatt Mayo Clinic Proceedings beschreibt, dass etwa eine von zehn Frauen in den USA die Kriterien erfüllt. Die Quote ist in den Wechseljahren nicht höher als in anderen Lebensphasen, aber die Belastung ist oft am größten, weil Beziehungen länger laufen, der eigene Körper sich verändert und die Frage „warum jetzt?" dazukommt.

Wichtig ist der Unterschied zwischen spontanem und reaktivem Verlangen. Die kanadische Sexualmedizinerin Rosemary Basson hat ein Modell vorgeschlagen, das viele Frauen erleichtert: Spontane Lust („ich denke an Sex, ich will Sex") ist die Form, die in Filmen und Werbung dominiert. Reaktive Lust entsteht erst, nachdem Berührung, Nähe, vielleicht eine bewusste Entscheidung den Körper geöffnet haben. Beides ist normal. Spontane Lust nimmt in den Wechseljahren oft ab. Reaktive Lust bleibt häufig erhalten und kann gepflegt werden. Das ist eine ganz andere Botschaft als „ich bin defekt".

Was hormonell wirklich passiert (und was die einfache Erzählung weglässt)

Die populäre Erzählung sagt: Östrogen sinkt, also Lust weg. Das ist ungefähr so präzise, wie zu sagen: Ich habe eine Erkältung, also ist mein Immunsystem kaputt.

Tatsächlich verändert sich in den Wechseljahren ein ganzes Hormonorchester. Drei Spieler sind besonders interessant.

Östrogen. Östrogen wirkt auf Schleimhaut, Durchblutung, Lubrikation, Stimmung, Schlaf. Sinkt es, wird Sex körperlich oft unangenehm: trocken, brennend, manchmal schmerzhaft. Daraus entsteht eine Vermeidungsspirale: Du erwartest Schmerz, dein Körper macht zu, du lehnst Berührung ab, dein Partner wird unsicher. Niedriges Östrogen führt also nicht direkt zu „weniger Lust", aber sehr oft zu „weniger angenehmem Sex" und damit zu „weniger Lust an dem, was Sex gerade bedeutet". Wer unter vaginaler Trockenheit leidet, sollte das zuerst behandeln, bevor Lust überhaupt eine faire Chance hat. Progesteron. Sinkt in der Perimenopause oft als erstes und unregelmäßig. Progesteron wirkt beruhigend und schlaffördernd, sein Wegfall kann zu schlechtem Schlaf, Reizbarkeit, innerer Unruhe führen. Eine Frau, die seit Monaten nicht durchschläft, verliert mit ziemlicher Sicherheit auch Verlangen. Nicht, weil ihr Hormon-System direkt das Lust-Programm abdreht, sondern weil ein erschöpfter Körper nicht in den Modus von Erotik und Spiel wechselt. Schlaf ist die unterschätzteste Libido-Variable überhaupt. Testosteron. Frauen produzieren Testosteron in Eierstöcken und Nebennieren. Die Werte sinken ab dem 30. Lebensjahr kontinuierlich, eine Frau Mitte 40 hat häufig nur noch die Hälfte ihres Spitzenwerts. In der Menopause nimmt die Eierstockproduktion weiter ab.

Die SWAN-Studie hat in der Längsschnittanalyse durch Avis und Kolleginnen gezeigt: Östradiol-Spiegel waren mit keiner sexuellen Funktions-Domäne korreliert, Testosteron-Spiegel dagegen positiv mit sexuellem Verlangen, Erregung und Masturbation. Den klinischen Beleg lieferte 2019 die australische Endokrinologin Susan Davis: Ihre Meta-Analyse im Fachjournal The Lancet Diabetes & Endocrinology wertete 36 randomisierte Studien mit 8.480 Frauen aus. Ergebnis: Bei postmenopausalen Frauen mit HSDD verbesserte transdermales Testosteron Verlangen, Erregung, Lubrikation, Orgasmusfähigkeit und Zufriedenheit signifikant. Nebenwirkungen blieben bei nicht-oraler Anwendung kosmetisch (leichter Haarwuchs, gelegentlich Akne), Lipidwerte unverändert.

Auf dieser Basis publizierte ein internationales Konsortium 2019 das Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women, unterzeichnet von International Menopause Society, Endocrine Society, NAMS, ISSWSH und weiteren Fachgesellschaften. Die Kernaussage: Die einzige evidenzbasierte Indikation für Testosteron bei Frauen ist HSDD nach der Menopause. Für Energie, Stimmung, Knochen oder Muskelmasse reicht die Datenlage nicht.

Testosteron ist also nicht das „Wundermittel für die Wechseljahre", als das es manche Privatkliniken bewerben. Es ist aber die wirksamste medikamentöse Option, die wir aktuell für gezielten Libidoverlust haben.

Was psychisch und sozial mitspielt, und warum es niemand „nur im Kopf" hat

Der Satz „das ist nur in deinem Kopf" ist so gemeint, als wäre er beruhigend, fühlt sich aber an wie ein Schlag auf den Hinterkopf. Er suggeriert, du bildest dir was ein. Das ist nicht der Punkt. Sexuelles Verlangen entsteht im Gehirn, und das Gehirn rechnet eine Vielzahl von Eingaben gleichzeitig aus. Hormone sind nur ein Teil. Andere Faktoren, die in der Forschung konsistent als bedeutsam gelten:

  • Schlaf. Frauen mit schwerer Insomnie haben drei- bis viermal höhere Raten sexueller Dysfunktion. Wenn du seit zwei Jahren um 3:14 Uhr wach liegst, ist „keine Lust" eine logische Antwort, kein Defekt.
  • Stress und Cortisol. Sympathikus-Dauerlast hemmt das parasympathische Nervensystem, das du für Erregung brauchst. Eine Frau in der Sandwich-Phase (alte Eltern, Teenager, fordernder Job) hat schlicht keine Reserven. Das ist Biologie, nicht Versagen.
  • Beziehungsdynamik. Lori Brotto, kanadische Sexualforscherin, beschreibt in ihren Studien, dass die wichtigste vorhersagende Variable für sexuelles Verlangen oft die Qualität der nicht-sexuellen Verbindung ist. Wenn du dich tagsüber unsichtbar fühlst, kippst du abends nicht in Lust, nur weil dein Partner dich berührt.
  • Körperbild. Gewichtszunahme, veränderte Haut, ein Gesicht, das anders aussieht als mit 30: das kann zu leiser, dauernder Selbstabwehr führen. „Ich will nicht, dass er mich so sieht" ist ein häufiger Hintergrund-Gedanke, den niemand ausspricht.
  • Antidepressiva. SSRI wie Citalopram, Sertralin oder Paroxetin verursachen in 30 bis 80 Prozent der Fälle sexuelle Funktionsstörungen. Wenn dein Verlangen seit Beginn der Therapie flach ist, ist das oft die schnellste Erklärung, lange bevor du an Hormone denken musst. Die Lösung kann ein Wechsel auf Bupropion sein, das deutlich seltener Sexualfunktions-Probleme verursacht.

Wer „mein Körper produziert weniger Lust" liest und sofort an Hormonpräparate denkt, übersieht oft den großen Strauß an Variablen, die meist mehr ausmachen als die Hormone allein.

Was wirklich hilft, von leise bis konkret

Ich sortiere die Optionen wieder nach Eingriffstiefe. Fang oben an, arbeite dich runter, kombiniere wo es Sinn macht.

Stufe 1: Was du in den nächsten zwei Wochen ändern kannst

Schlaf vor allem anderen. Klingt banal, ist es nicht. Wer sechs Stunden schläft statt acht, hat statistisch geringeres sexuelles Verlangen, schlechtere Stimmung und weniger Energie. Wenn du in der Perimenopause unter Hitzewallungen oder nächtlichen Schweißausbrüchen leidest, ist das oft der erste Schritt: kühles Schlafzimmer, getrennte Decken, gegebenenfalls eine Therapie der vasomotorischen Symptome. Eine Frau, die wieder durchschläft, bekommt oft einen Teil ihres Verlangens zurück, ohne dass sie ein einziges Hormon angefasst hat. Vaginal anfühlen statt verdrängen. Wenn Sex weh tut, wirst du keine Lust haben, das ist physiologisch. Lokale Östrogentherapie (Estriol-Creme oder Vagifem-Tabletten) verändert die Schleimhaut innerhalb weniger Wochen und nimmt Sex die körperliche Drohkulisse. Das ist kein Lust-Mittel, aber ohne diesen Schritt funktioniert keiner der späteren. Details dazu im Artikel zu vaginaler Trockenheit. Zwei Stunden Distanz vom Bildschirm vor dem Schlafen. Nicht aus Dogma, sondern weil Lust ein Vorlauf-Phänomen ist. In Tier- und Menschenstudien zeigt sich, dass Erregung Vorbereitung braucht: Aufmerksamkeit, Sinnlichkeit, Entspannung. Wer um 22:50 Uhr noch eine Excel-Tabelle bearbeitet und um 23:01 Uhr „Bock auf Sex haben soll", verlangt vom eigenen Nervensystem etwas, das es nicht leisten kann. Die Frage nach reaktivem Verlangen. Falls du noch nie davon gehört hast: Probiere bewusst, dich auf Berührung einzulassen, ohne darauf zu warten, dass Lust vorher da ist. Reaktives Verlangen heißt: erst Nähe, dann Erregung, dann Lust. In dieser Reihenfolge. Klingt schräg, weil unsere Kultur die andere Reihenfolge verkauft, hilft aber vielen Frauen, sich aus dem „ich muss Lust haben, sonst ist Sex unaufrichtig"-Knoten zu lösen.

Stufe 2: Therapie, die wirklich Daten hat

Sextherapie und Mindfulness-basierte Ansätze. Lori Brottos Arbeitsgruppe an der University of British Columbia hat in mehreren randomisierten Studien gezeigt, dass eine Mindfulness-basierte kognitive Verhaltenstherapie für Frauen mit sexuellem Interesse-/Erregungs-Mangel wirkt. Eine aktuelle Studie mit 148 Frauen, publiziert im Journal of Consulting and Clinical Psychology, zeigte deutliche Verbesserungen in sexuellem Verlangen, Erregung und Belastung, mit großen Effektgrößen, die nach zwölf Monaten erhalten blieben. Die Effektgrößen sind höher als bei jedem aktuell zugelassenen Medikament für HSDD. Eine Pilotstudie zu CBT speziell für sexuelle Sorgen in der Menopause berichtete über vier Sitzungen hinweg signifikante Verbesserungen in Verlangen, Erregung, Schmerz und Zufriedenheit.

Was diese Forschung zeigt: Sextherapie ist kein „Pflästerchen, weil sonst nichts hilft". Sie ist die wirksamste Einzelintervention, die wir kennen. In Deutschland sind kassenfinanzierte Sexualtherapeutinnen rar, aber pro familia, ISA-Liste und einige psychosomatische Praxen sind Anlaufstellen. Lokal nach „Sexualtherapie Approbation" oder „kognitive Verhaltenstherapie sexuelle Funktionsstörung" suchen.

Paartherapie, falls die Beziehung Teil der Gleichung ist. Wenn du seit Monaten Konflikte vermeidest, dich emotional zurückgezogen hast oder einen ungeklärten Streit mit dir herumträgst, wird keine Pille der Welt deine Lust zurückbringen. Eine gute Paartherapie ist hier weder romantisch-naiv noch konfliktfreudig, sondern hilft, blockierte Verbindung wieder durchlässig zu machen.

Stufe 3: Hormone, ehrlich erklärt

Systemische Hormontherapie (Östrogen, ggf. Progesteron). Der Effekt von HRT auf Libido ist indirekt: besser geschlafen, weniger Hitzewallungen, weniger trocken, weniger Reizbarkeit, also bessere Voraussetzungen für Lust. In Studien führt HRT alleine in den meisten Fällen nicht zu großen Sprüngen im sexuellen Verlangen. Wer also primär ein Libido-Problem hat und keine ausgeprägten anderen Wechseljahres-Symptome, wird durch HRT alleine selten den großen Schalter umlegen. Wer dagegen mit Schlaflosigkeit, Hitze und Trockenheit kämpft, profitiert oft auch sexuell, weil das System wieder Energie hat. Vaginale lokale Therapie (Estriol-Creme, Vagifem, DHEA-Ovula). Wirkt vor allem auf Schmerz und Trockenheit, nicht auf Verlangen direkt. Aber siehe oben: wer keinen Schmerz mehr hat, kann sich Lust überhaupt erst wieder zutrauen. Vaginales DHEA (Prasterone, Intrarosa) hat in einer Phase-III-Studie von Labrie et al., publiziert im Fachblatt Menopause, zusätzlich Verbesserungen in Verlangen, Erregung und Orgasmusfähigkeit gezeigt, vermutlich weil DHEA in der Schleimhaut zu Östrogen und Testosteron metabolisiert wird. Testosteron transdermal. Das ist der Punkt, an dem viele Frauen zum ersten Mal hören, dass es überhaupt eine Option gibt. Auf Basis der Davis-Meta-Analyse 2019 und des Globalen Konsens-Statements gilt: Bei postmenopausalen Frauen mit gesicherter HSDD, bei denen andere Faktoren (Schlaf, Beziehung, Vaginalgesundheit, Antidepressiva) ausgeschlossen oder behandelt sind, kann transdermales Testosteron sexuelles Verlangen, Erregung und Zufriedenheit signifikant verbessern.

In Deutschland gibt es kein für Frauen zugelassenes Testosteron-Präparat. Die Behandlung ist Off-Label. Üblicherweise wird ein für Männer zugelassenes Testosteron-Gel (zum Beispiel Testogel oder Tostran) in einem Bruchteil der Männer-Dosis verschrieben, etwa fünf bis zehn Prozent davon. In Australien gibt es seit 2020 mit AndroFeme 1 ein speziell für Frauen formuliertes 1-prozentiges Testosteron-Creme-Präparat, das auf Sammelbestellung auch in Europa beziehbar ist. Eine seriöse Behandlung umfasst:

  • Ausgangs-Testosteron-Spiegel im Blut
  • Beginn mit niedriger Dosis (typischerweise 0,5 mg bis 5 mg täglich, je nach Präparat)
  • Kontrolle nach acht bis zwölf Wochen, sowohl klinisch als auch laborchemisch
  • Zielspiegel im oberen Normbereich für prämenopausale Frauen, nicht darüber

Was du nicht willst: Testosteron in Männerdosis. Pellets oder Implantate ohne klare Spiegelkontrolle. Anbieter, die das Präparat als „Anti-Aging" oder „Energie-Booster" verkaufen. Die seriöse Indikation ist sexuelles Verlangen mit Belastung, nichts anderes.

Wirkungseintritt: Studien zeigen erste Effekte ab acht bis zwölf Wochen, deutlicher nach drei bis sechs Monaten. Wer nach vier bis sechs Monaten keine Veränderung spürt, hat vermutlich nicht das Hormonproblem, das Testosteron lösen kann, und sollte das Präparat wieder absetzen.

Stufe 4: Medikamente speziell für HSDD

In den USA sind zwei Medikamente speziell für Hypoactive Sexual Desire Disorder zugelassen, beide allerdings nur für prämenopausale Frauen. Die Datenlage für Wechseljahre ist begrenzt. Wichtig zu kennen sind sie trotzdem.

Flibanserin (Addyi). 2015 von der FDA zugelassen. Ein zentral wirksames Mittel, das Serotonin-, Dopamin- und Noradrenalin-Rezeptoren moduliert. In den Zulassungsstudien zeigte Flibanserin gegenüber Placebo bescheidene Effekte: etwa eine zusätzliche befriedigende sexuelle Erfahrung pro Monat, etwa zehn Prozentpunkte mehr Frauen mit „deutlich verbessert" auf der Patient Global Impression Scale. Die Nebenwirkungs-Liste ist anspruchsvoll: 21 Prozent berichten Schläfrigkeit oder Müdigkeit, Alkoholverbot ist Pflicht, Blutdruckabfall möglich. In Deutschland ist Flibanserin nicht zugelassen. Bremelanotide (Vyleesi). 2019 von der FDA zugelassen. Ein Melanocortin-Rezeptor-Agonist, den die Frau sich subkutan etwa 45 Minuten vor sexueller Aktivität spritzt. Die RECONNECT-Phase-III-Studien an rund 1.247 prämenopausalen Frauen zeigten Verbesserungen in Verlangen und Belastung, allerdings ebenfalls in moderater Größe. Häufige Nebenwirkungen: Übelkeit (40 Prozent in der Studie), Hitzegefühl, Kopfschmerz, leichter Blutdruck-Anstieg. In Deutschland nicht zugelassen.

Beide Medikamente sind keine Wunder, sondern Optionen für Frauen, denen sonst nichts hilft. Für die meisten Leserinnen sind sie aktuell weniger relevant als Stufe 1 bis 3.

Stufe 5: Was nicht hilft, auch wenn es im Internet steht

Maca-Wurzel, Ginseng, Damiana, Yohimbe und der ganze Apothekenregal-Bereich der „Aphrodisiaka". Entweder keine seriösen Studien oder Hinweise auf Risiken (Yohimbe etwa Blutdruck und Herzrhythmus). Pheromon-Sprays aus der Drogerie sind Kosmetik, nicht Medizin. Auch oral hochdosiertes DHEA hat in Studien keine konsistenten Libido-Effekte gezeigt und kann Akne, Haarausfall und Lipid-Veränderungen verursachen. Wenn dir eines dieser Mittel hilft: schön. Aber rechne nicht damit.

Wenn dein Partner darunter leidet

Ein Punkt, den viele Artikel auslassen. Du bist nicht allein in dieser Geschichte. Wenn du seit Monaten oder Jahren kein Verlangen mehr hast und deinem Partner immer wieder absagst, baut sich auf der anderen Seite oft eine eigene Wunde auf: Selbstzweifel („findet sie mich nicht mehr attraktiv?"), Verletztheit, Rückzug, in manchen Fällen schleichende Erotisierung anderer Beziehungen.

Was hilft:

  • Reden, bevor du Lust hast, nicht erst, wenn er fragt. Sätze wie „Ich liebe dich. Mein Körper ist gerade nicht da, wo mein Kopf ist. Das hat nichts mit dir zu tun, und ich will, dass wir gemeinsam einen Weg finden" verändern eine Beziehung mehr als jede Sexpause-Pause-Verlängerung.
  • Nicht-sexuelle Nähe pflegen. Hände halten, lange Umarmungen, Haut-Kontakt ohne Erwartung. Klingt banal, ist neurobiologisch aber das Fundament, auf dem Lust wieder wachsen kann (Oxytocin, Vagus, Co-Regulation).
  • Gemeinsam zur Sextherapie. Zwei Menschen mit zwei verschiedenen Erfahrungen, die sich oft missverstehen, profitieren oft mehr von einer dritten, ruhigen Stimme im Raum als von hundert eigenen Gesprächen am Küchentisch.

Was dir niemand sagt, was aber wahr ist

Niedrige Lust ist keine Krankheit, solange sie dich nicht belastet. Du musst nicht zwei Mal pro Woche Sex haben, um eine gute Beziehung zu führen oder eine vollständige Frau zu sein. Die Vorstellung, dass „echte Frauen Lust haben", ist ein Marketingproblem, keines aus der Sexualmedizin.

Aber wenn dich das Fehlen schmerzt, dann hast du Optionen. Mehr, als du wahrscheinlich denkst. Was hilft, ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wie schlafe ich gerade? Wie geht es meinem Körper, wenn ich angefasst werde? Wie geht es uns als Paar, jenseits von Sex? Welche Medikamente nehme ich, was tun sie mit mir? Ist da ein hormoneller Anteil, der zusätzlich Sinn macht?

Diese Fragen sind die Hausaufgabe. Erst danach lohnt sich der Termin in der Spezialambulanz oder bei der Sexualtherapeutin. Und erst danach sind Hormone oder Medikamente wirklich entscheidbar, nicht aus Ratlosigkeit, sondern aus Klarheit.

Wo du in Deutschland Hilfe findest

  • Spezialisierte gynäkologisch-endokrinologische Sprechstunden an Universitätskliniken (Charité Berlin, Hamburg-Eppendorf, Frankfurt, München, Wien). Dort gibt es oft Menopause- oder Sexualmedizin-Sprechstunden.
  • Sexualtherapeutische Praxen mit Approbation in Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie. Listen über die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung oder die Akademie für Sexualmedizin.
  • pro familia. Bundesweit, oft mit Beratungs- und Therapieangeboten zu sexuellen Funktionsstörungen, einkommensabhängige Tarife.
  • Online-Programme wie das von Lori Brottos Gruppe entwickelte „eSense" oder deutschsprachige geleitete Selbsthilfe-Programme. Niedrigschwellig, kostengünstig, in mehreren Studien wirksam.

Ein letzter Gedanke

Sexualität in der Lebensmitte ist nicht das Ende einer Geschichte. Sie ist oft ein anderer Anfang. Spontane Lust, die mit 25 wie ein automatischer Reflex kam, weicht reaktiver Lust, die Aufmerksamkeit, Zeit und Raum braucht. Performance weicht Verbindung. Schnellschuss weicht etwas, das langsamer ist und manchmal tiefer.

Das ist kein Kompromiss. Das ist eine Form von Sexualität, die viele Frauen in ihren 50ern, 60ern und 70ern als die ehrlichere beschreiben. Eine, in der weniger gespielt wird, mehr gespürt. Eine, in der Lust nicht beweisen muss, sondern entstehen darf.

Wenn du gerade in dem Moment bist, in dem du dich fragst, ob du noch eine sexuell lebendige Frau bist: Ja. Nur vielleicht eine andere als mit 30. Und wenn du diese andere noch nicht kennengelernt hast, ist das vielleicht der eigentliche Auftrag dieser Lebensphase.

Du musst nichts beweisen. Aber du darfst etwas zurückholen, was dir gehört.

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