Du stehst in der Apotheke.
Du bist 53, du hast den weißen Karton in der Hand, auf dem Regaine Frauen 5% Schaum steht, und du drehst ihn ein bisschen verlegen in der Hand, als wäre es ein Liebesbrief und nicht ein Medikament. Die Frau hinter dem Tresen schaut dich freundlich an. Sie wartet. Du wartest auch, weil dir auf dem Weg hierher zwanzig Fragen eingefallen sind, die du dir nicht zugetraut hast zu googeln. Darfst du das überhaupt nehmen, einfach so, ohne Rezept. Wirst du davon einen Damenbart bekommen. Ist das wirklich Dauer-Therapie. Was passiert, wenn du es nach einem Jahr wieder absetzt. Hat deine Hausärztin nicht letzte Woche etwas von Tabletten gemurmelt, von einem Australier, der das in winzigen Dosen verschreibt. Du sagst nichts davon. Du sagst: „Einmal das hier bitte, danke."
Wenn du das kennst, bist du in einer sehr großen, sehr stillen Gruppe.
Mehr als die Hälfte aller postmenopausalen Frauen entwickelt eine sichtbare Form der androgenetischen Alopezie, also Haarausfall nach weiblichem Muster (FPHL). Die meisten erfahren es zum ersten Mal im Bad, beim Föhnen, beim Scheitelziehen vor dem Spiegel. Und die meisten landen früher oder später beim selben Wirkstoff, weil er der einzige ist, der für diese Indikation in Deutschland und der EU überhaupt zugelassen ist: Minoxidil.
Über kaum eine Substanz kursieren so viele Halbwahrheiten. „Sobald du es einmal nimmst, kommst du nie wieder weg." „Es macht einen Damenbart." „Tabletten sind gefährlich, sind doch eigentlich Blutdruckmittel." „Es bringt sowieso nichts, das ist nur Vasodilatation." Manches ist wahr, vieles ist verzerrt, einiges ist schlicht falsch. Hier ist, was 40 Jahre Forschung und die letzten zehn Jahre Niedrigdosis-Praxis aus Australien, Spanien und den USA wirklich gezeigt haben.
Was Minoxidil eigentlich ist
Minoxidil wurde nicht für die Haare erfunden. Die Substanz kam 1965 als oraler Vasodilatator gegen schweren, therapieresistenten Bluthochdruck auf den Markt. In Dosen von 10 bis 40 Milligramm täglich senkt sie den Blutdruck. Patientinnen und Patienten meldeten in den 70ern eine ungewöhnliche Nebenwirkung: ihre Haare wurden dichter, dunkler, länger. 1988 kam die topische Lösung, 1991 die Zulassung für Frauen als Regaine Frauen. Bis heute ist Minoxidil bei FPHL der einzige zugelassene Wirkstoff in der Erstlinie.
Was am Follikel tatsächlich passiert, ist komplexer als nur Durchblutung. Der Schlüssel ist ein Enzym in deiner Kopfhaut, die Sulfotransferase. Sie macht aus inaktivem Minoxidil das aktive Minoxidil-Sulfat. Erst dieses Sulfat öffnet ATP-abhängige Kaliumkanäle in der dermalen Papille, dem Steuerorgan des Follikels. Das verlängert die Anagenphase, also die Wachstumsphase, vergrößert den Haarschaft und zwingt miniaturisierte Follikel zurück in einen kräftigeren Zyklus. Die Vasodilatation ist eine Begleiterscheinung, nicht die eigentliche Wirkung.
Die Sulfotransferase erklärt auch, warum Minoxidil nicht bei jeder Frau gleich gut funktioniert. Etwa 30 bis 50 Prozent der Anwenderinnen produzieren zu wenig davon, um topisches Minoxidil ausreichend zu aktivieren. Wenn der Schaum nach sechs Monaten klar nichts bringt, ist das oft der Grund. Die pragmatische Antwort der australischen Schule um Rodney Sinclair: Wechsel auf die orale Niedrigdosis, die in der Leber aktiviert wird, unabhängig von der Kopfhaut-Sulfotransferase.
Topisch: Zwei Prozent oder fünf Prozent
Die häufigste Apothekenfrage, mit klarer Antwort.
Die Schlüsselstudie Blume-Peytavi et al. 2011 von der Charité Berlin verglich an 113 Frauen mit FPHL über 24 Wochen einmal täglich 5-Prozent-Schaum gegen zweimal täglich 2-Prozent-Lösung. Der einmalig aufgetragene Schaum war der Lösung nicht unterlegen, mit deutlich weniger Hautirritation. Die Phase-III-Folgestudie 2016 an 322 Frauen über 52 Wochen bestätigte: 5-Prozent-Schaum erhöhte den Haarbestand nach 24 Wochen um durchschnittlich 23,9 Haare pro Quadratzentimeter, ohne signifikant mehr Hypertrichose.
Was das praktisch heißt:
- 5-Prozent-Schaum ist heute Standard für Frauen. Wirkt mindestens so gut wie die alte Lösung, deutlich praktischer im Alltag.
- Einmal täglich auf die trockene Kopfhaut. Eine Erbsengröße, mit den Fingerkuppen einmassieren, vor allem in die Region, in der sich dein Scheitel verbreitert hat. Hände hinterher gründlich waschen.
- 2-Prozent-Lösung enthält oft Propylenglykol. Das juckt, brennt oder schuppt bei empfindlicher Haut. Wer sie verträgt, kann bleiben, die meisten profitieren vom Wechsel.
- „Männer-Schaum" für Frauen? Regaine Männer Schaum 5 Prozent ist pharmakologisch identisch und deutlich günstiger. Viele Dermatologinnen empfehlen ihn off-label. Für die Wirkung macht es keinen Unterschied.
Wichtig: Trockene Kopfhaut beim Auftragen. Auf nassem Haar verteilt sich der Wirkstoff schlecht. Wer abends duscht, trägt morgens auf.
Das Anfangs-Shedding, der Moment, in dem fast jede aufgeben will
Hier ist die wichtigste Information dieses ganzen Artikels, weil sie an dem Punkt entscheidet, an dem die meisten Frauen Minoxidil wegwerfen, genau in dem Moment, in dem es anfängt zu arbeiten.
Etwa zwei bis acht Wochen nach Beginn der Behandlung kommt bei den meisten Anwenderinnen eine Phase verstärkten Haarausfalls. „Dread shed" nennen das die englischsprachigen Foren, der gefürchtete Schub. Du wirst plötzlich dreimal so viele Haare in der Bürste haben wie vorher. Du wirst panisch werden. Du wirst denken, das Mittel macht es schlimmer.
Es macht es nicht schlimmer. Es macht genau das, was es soll.
Die zugrundeliegende Biologie wurde mehrfach beschrieben, am klarsten in einer Studie zu kombinierter topischer und oraler Initiation und im allgemeinen Mechanismus-Übersicht. Minoxidil verkürzt die Telogenphase, also die Ruhephase, in der ein Haar locker im Follikel sitzt und auf den Auswurf wartet. Statt drei Monate sitzt es jetzt zwei oder sogar nur sechs Wochen. Die Haare, die ohnehin demnächst ausgefallen wären, fallen alle gleichzeitig aus, synchronisiert. In den nächsten Wochen schiebt der Follikel ein neues, kräftigeres Haar in die Anagenphase. Aber das siehst du erst Monate später. Was du jetzt siehst, ist der Auswurf der alten Generation. Die Studien zeigen, dass dieser Prozess in der Regel drei bis sechs Wochen dauert und sich danach normalisiert. Manche Frauen erleben ihn nicht, manche sehen ihn deutlich, ein paar haben ihn zweimal.
Was das praktisch heißt:
- Wenn dein Haarausfall in Woche 4 zunimmt, ist das ein Wirkungszeichen, kein Versagen.
- Halte sechs Monate durch. Das erste sichtbare Zwischenergebnis kommt typischerweise nach drei Monaten. Eine ehrliche Bilanz nach sechs.
- Mache Vergleichsfotos. Immer aus dem gleichen Winkel, mit dem gleichen Licht, am besten Mittagslicht am Fenster. Jeden Monat einmal. Dein Auge im Spiegel täuscht dich, das Foto nicht.
- Wenn nach acht Monaten gar nichts passiert ist, gehört das in eine dermatologische Sprechstunde. Vielleicht wirkst du als Sulfotransferase-Niedrigproduzentin, vielleicht ist die Diagnose nicht sauber FPHL, vielleicht braucht es eine Kombination.
In der Realität funktioniert topisches Minoxidil bei etwa zwei Dritteln der Frauen erkennbar: Stillstand des Verlusts oder eine Stufe Verbesserung auf der Sinclair-Skala, das Haar fühlt sich dichter an, der Scheitel sieht weniger kahl aus. Dramatische Vorher-Nachher-Bilder mit verdoppelter Dichte sind selten. Aber Stillstand ist bei einer chronisch progredienten Erkrankung wie FPHL bereits ein großer Sieg.
Orale Niedrigdosis, der australische Weg
Der wichtigste Paradigmenwechsel der letzten zehn Jahre kam aus Melbourne, von Rodney Sinclair. Die Idee: Wenn die topische Anwendung umständlich ist und ein Teil der Frauen nicht ausreichend anspricht, gibt man dieselbe Substanz in winzigen Dosen oral, weit unterhalb der blutdrucksenkenden Schwelle, dafür systemisch verfügbar.
Die Pilotstudie Sinclair et al. 2018 im International Journal of Dermatology: 100 Frauen mit FPHL Sinclair 2 bis 5, mittleres Alter 48,4 Jahre, erhielten täglich 0,25 Milligramm orales Minoxidil plus 25 Milligramm Spironolacton. Nach 12 Monaten reduzierte sich der Sinclair-Score im Mittel um 1,3 Stufen, der Shedding-Score um 2,6 Punkte. Keine schwerwiegenden Nebenwirkungen, keine Hyperkaliämie. Eine randomisierte Vergleichsstudie Ramos et al. 202032666-0/fulltext) mit 1 Milligramm oralem Minoxidil gegen 5-Prozent-Topikum an 52 Frauen über 24 Wochen zeigte beide Therapien als ähnlich wirksam, mit leichtem Trend zugunsten der Tablette. Eine Beobachtungsstudie mit 148 Frauen bestätigte die gute Verträglichkeit.
Die Sicherheitsdaten kommen aus der Vañó-Galván-Multicenter-Studie 2021 mit 1.404 Patientinnen und Patienten. Häufigste Nebenwirkung: Hypertrichose, bei Frauen 20 Prozent. Schwindel 1,7 Prozent, Wassereinlagerungen 1,3, Tachykardie 0,9. Insgesamt 1,2 Prozent Abbrüche wegen Nebenwirkungen. Schwere kardiovaskuläre Ereignisse traten in dieser großen Kohorte nicht auf. Spätere FAERS-Datenbank-Auswertungen registrierten einzelne Berichte über Perikardergüsse, ohne klaren kausalen Zusammenhang zur Niedrigdosis. Die Übersichtsarbeit 2024 fasst zusammen: Niedrigdosiertes orales Minoxidil ist topischem 5-Prozent mindestens gleichwertig. Typische Frauen-Dosen bei FPHL: 0,25 bis 1,25 Milligramm täglich, häufigster Einstieg bei 0,5 oder 1 Milligramm.
In Deutschland ist die orale Niedrigdosis Off-Label. Eine Dermatologin oder versierte Hausärztin muss verschreiben, Patientin aufgeklärt zustimmen. Die Tabletten gibt es als Loniten oder als Magistralrezeptur aus der Apotheke. Kosten oft unter 20 Euro pro Monat.
Was die orale Variante attraktiv macht:
- Kein klebriges Mittel im Haar. Haarwäsche bleibt im Rhythmus.
- Unabhängig von Sulfotransferase. Wer auf den Schaum nicht angesprochen hat, hat hier eine echte zweite Chance.
- Sehr gute Verträglichkeit in Niedrigdosis. Bei 0,25 bis 1 Milligramm bleibt der Blutdruck praktisch unverändert.
Hypertrichose, der Damenbart-Faktor
Topisches Minoxidil verursacht in 3 bis 5 Prozent der Fälle sichtbare Hypertrichose im Gesicht, vor allem an Schläfen, Stirn, Wangen. In der Vergleichsstudie 2003 traten leichte Veränderungen sogar bei unbehandelten Kontrollen auf. Auslöser ist meistens die unbeabsichtigte Übertragung durch die Hände. Hände gründlich waschen, kein Kontakt mit Gesicht in den ersten 30 Minuten: Risiko fast im Griff.
Bei oraler Niedrigdosis ist die Sache größer. In der Multicenter-Studie berichteten 20 Prozent der Frauen über Hypertrichose, an Wangen, Stirn, Unterarmen, manchmal Bauch und Rücken. Eine aktuelle Übersicht zeigt: unter 4 Milligramm 10 bis 25 Prozent, über 5 Milligramm bis zu 50 Prozent. Mit jeder zusätzlichen Tagesdosis von einem Milligramm steigt das Risiko um etwa 17 Prozent. Nur 0,5 bis 1,6 Prozent der Anwenderinnen brechen deswegen ab. Die meisten managen die Hypertrichose mit Wachs, Laser oder Akzeptanz. Sie ist reversibel: Setzt du das Mittel ab, verschwindet das überschüssige Gesichtshaar binnen drei bis vier Monaten.
Was passiert, wenn du es absetzt: der Rebound
Die zweite große Frage in der Apotheke. Und auch hier ist die Antwort ehrlich unbequem.
Minoxidil ist eine Dauerbehandlung, keine Kur. Sobald du es absetzt, kehrt die Erkrankung dorthin zurück, wo sie wäre, wenn du nie behandelt hättest. Mehrere retrospektive Auswertungen und die ursprüngliche Langzeit-Daten aus den 80ern bei männlichen Anwendern zeigen ein konsistentes Muster:
- Wochen 2 bis 8 nach Absetzen: Verstärktes Shedding, fast wie ein zweites Anfangs-Shedding, nur in die andere Richtung. Die durch Minoxidil künstlich verlängerten Anagenhaare laufen jetzt synchronisiert in die Telogenphase. Drei Monate später fallen sie aus.
- Monate 3 bis 6: Sichtbarer Rückgang der Dichte, vor allem im Bereich, der unter Minoxidil am meisten profitiert hat.
- Monate 6 bis 12: Du bist zurück auf dem Niveau, auf dem du ohne Behandlung wärst.
Es gibt Berichte, dass Anwenderinnen kurzfristig sogar unter dieses Niveau abrutschen können, bevor sich der Follikel wieder im natürlichen Rhythmus einpendelt. Die Forschung dazu ist dünn und die Effekte nicht universell, aber vielen Frauen wird empfohlen, beim Absetzen behutsam vorzugehen, etwa durch ein langsames Ausschleichen alle zwei bis drei Tage über mehrere Monate, statt einen abrupten Stopp.
Was bedeutet „Dauerbehandlung" praktisch? Es bedeutet, dass du im Alter zwischen 50 und 75 vermutlich 25 Jahre lang einmal täglich einen Schaum aufträgst oder eine Tablette nimmst. Für viele klingt das anstrengend. Tatsächlich ist es weniger Arbeit als die meisten anderen chronischen Therapien, die in der Lebensmitte beginnen. Bluthochdruck, Statine, Schilddrüsentabletten gehören in dieselbe Kategorie. Du behandelst eine chronische Erkrankung, kein vorübergehendes Problem.
Die Kombination, von der zunehmend gesprochen wird
Spironolacton plus Minoxidil oral ist die Kombination, die Sinclair in seiner Pilotstudie etabliert hat und die in spezialisierten Sprechstunden in Australien, Spanien und zunehmend in Deutschland Standard wird, wenn die Monotherapie nicht ausreicht.
Spironolacton ist ein Diuretikum, das in Deutschland für Bluthochdruck und Herzinsuffizienz zugelassen ist. Es blockiert den Androgenrezeptor und hemmt teilweise die Testosteronproduktion. In Dosen von 25 bis 200 Milligramm täglich greift es FPHL genau dort an, wo Minoxidil nicht hinkommt: am Rezeptor selbst. Eine Meta-Analyse von 2023 fasste die vorhandenen Studien zusammen: 56,6 Prozent Verbesserung oder Stabilisierung des Sinclair-Scores unter Spironolacton, 65,8 Prozent in Kombination mit Minoxidil. Eine retrospektive Kohorten-Auswertung 202400124-X/fulltext) zur kombinierten oralen Minoxidil-Spironolacton-Therapie zeigte gute Verträglichkeit und additive Wirkung.
Was du wissen solltest:
- Spironolacton ist in der Schwangerschaft kontraindiziert. Wenn du noch nicht in der vollen Menopause bist und keine zuverlässige Verhütung hast, ist das ein Punkt zur ärztlichen Diskussion.
- Kalium und Nierenwerte einmal jährlich kontrollieren. Hyperkaliämien sind in den Studien selten, aber der Wert sollte überwacht werden.
- Häufiger Toilettengang in den ersten Wochen. Das gibt sich oft.
- Brustspannen, Zyklusunregelmäßigkeiten. In der Perimenopause ohnehin schwer abzugrenzen, in der Postmenopause meist mild.
Die typische Sinclair-Kombi ist eine Kapsel mit 0,25 oder 0,5 Milligramm Minoxidil plus 25 Milligramm Spironolacton, abends genommen. Bei Bedarf kann die Spironolacton-Dosis schrittweise auf 50 oder 100 Milligramm erhöht werden, immer unter ärztlicher Kontrolle.
Was die Forenrealität wirklich erzählt
Wer in deutschen und englischsprachigen Foren liest, hört einen anderen Ton als in den Studien. Hier sind die Muster, die sich quer durch Reddit, Facebook-Gruppen und das deutsche Wechseljahre-Magazin-Forum wiederholen:
„Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich merkte, dass es wirkt." Die meisten Anwenderinnen berichten, sie hätten in Monat 3 bis 4 fast aufgegeben. Diejenigen, die durchgehalten haben, sehen den Wendepunkt typischerweise zwischen Monat 5 und 8. Empfehlung: Vergleichsfotos statt Spiegel. „Ich hab den Schaum abgesetzt, weil ich HRT angefangen habe und dachte, das reicht. Zwei Monate später kam der Rebound." Sehr typisch. Selbst HRT ersetzt nicht den lokalen Effekt von Minoxidil am Follikel. „Die orale Tablette hat alles verändert, der Schaum hat bei mir nie funktioniert." Wiederkehrendes Muster, vermutlich mit Sulfotransferase-Aktivität verknüpft. Diese Frauen wechseln nach neun bis zwölf Monaten frustrierter Topikumphase und sehen drei bis vier Monate später erste Effekte. „Nach fünf Jahren Minoxidil aufgehört. Mein Friseur fragte, ob ich schwer krank sei." Die schmerzhafteste Variante. Wer das Mittel jahrelang genommen hat, hat mehr „gewonnenes" Haar zu verlieren als jemand, der nach sechs Monaten abbricht. „Brennt wie Feuer." Selten unter dem Schaum, häufiger unter der alkoholhaltigen 2-Prozent-Lösung mit Propylenglykol. Bei wirklich unverträglichem Topikum bleibt der Wechsel auf die orale Variante oder die Konzentration auf Spironolacton plus PRP oder LLLT.Solltest du Minoxidil anfangen
Vier Fragen, in dieser Reihenfolge.
Erstens, wie sicher ist die Diagnose. FPHL und chronisches telogenes Effluvium sehen ähnlich aus, brauchen aber unterschiedliche Strategien. Trichoskopie und Bluttest (Ferritin, TSH, Vitamin D, Zink) gehören vor den Apothekenkauf.
Zweitens, wie wichtig ist dir das Thema. Manche Frauen finden, dass eine breitere Scheitelzone in der Lebensmitte dazugehört, und investieren ihre Energie anderswo. Eine legitime Entscheidung. Wenn dich die Haare aber abends nicht schlafen lassen, hast du eine wirksame Behandlung, und die Frage ist nicht ob, sondern wie.
Drittens, wo stehst du im Leben. In der Perimenopause mit unregelmäßigen Zyklen ist Spironolacton heikler als in der vollen Postmenopause. Ohne sichere Verhütung ist Minoxidil topisch oder oral die saubere Erstwahl, Spironolacton kommt dann eventuell später dazu.
Viertens, kannst du dranbleiben. Wer sich nicht zutraut, fünf bis zwanzig Jahre lang ein Medikament zu nehmen, sollte ehrlich über eine Akzeptanz-Strategie nachdenken: guter Schnitt, Volumenstyling, eventuell Haarteil oder Tape-Ins. Minoxidil halb durchgezogen ist schlechter als nicht anfangen.
Realistischer Plan
Monat 0. Diagnose bei Dermatologin oder haarmedizinisch versierter Hausärztin. Trichoskopie, Bluttest, Foto am Scheitel aus immer gleichem Winkel. Monat 1 bis 6. 5-Prozent-Schaum einmal täglich morgens. Eisen substituieren bei Ferritin unter 70. Schonende Pflege. Foto am Monatsende. Monat 6. Ehrliche Bilanz. Stillstand oder Verbesserung: weiterlaufen lassen. Klar kein Effekt trotz konsequenter Anwendung: Termin bei der Dermatologin und Wechsel auf 0,5 bis 1 Milligramm orales Minoxidil oder Ergänzung um Spironolacton. Monat 12. Zweite Bilanz. Bei guter Wirkung: Erhaltungsbehandlung, jährliche Kontrolle (bei Spironolacton zusätzlich Kalium, Nieren). Jahre 2 bis 25. Weitermachen. Wenn HRT zur Diskussion steht, ein Gestagen mit antiandrogenem Profil bevorzugen (Drospirenon, Dienogest). Wenn topisch und systemisch nicht ausreichen: PRP, LLLT, Microneedling als Add-on.Was Minoxidil nicht ist
Kein Wundermittel. Eine Verdoppelung der Haardichte gibt es auf Werbebildern. Real sehen die meisten Frauen eine Stabilisierung oder eine Stufe Verbesserung auf der Sinclair-Skala. Bei einer chronisch progredienten Erkrankung wie FPHL ist Stabilisierung bereits ein großer Erfolg.
Kein Hormonersatz. Wenn deine Hauptursache der Östrogenmangel ist, kann HRT den Verlust mit verlangsamen. Aber Minoxidil ersetzt sie nicht, und HRT ersetzt Minoxidil nicht. Beide arbeiten an unterschiedlichen Stellen.
Kein Beweis, dass mit dir etwas nicht stimmt. Mehr als die Hälfte der postmenopausalen Frauen entwickelt FPHL. Du gehörst zu einer großen Mehrheit, nicht zu einer beschämten Minderheit.
Was du mitnehmen solltest
Minoxidil ist die best-belegte und einzige zugelassene Erstlinientherapie für Haarausfall nach weiblichem Muster. Topisch als 5-Prozent-Schaum einmal täglich, mit einer Erfolgsrate von rund zwei Dritteln und einem Anfangs-Shedding zwischen Woche zwei und acht, das fast jede Anwenderin durchlebt und in der Realität ein Wirkzeichen ist. Die orale Niedrigdosis (0,25 bis 1,25 Milligramm) ist eine ernsthafte Option, wenn das Topikum nicht ausreicht, in Deutschland Off-Label, in spezialisierten Sprechstunden etabliert.
Die Therapie ist Dauerbehandlung. Setzt du sie ab, kommen die gewonnenen Haare in sechs bis zwölf Monaten zurück auf das Niveau ohne Mittel. Häufigste Nebenwirkung: Hypertrichose, bei Topikum selten, bei oraler Variante in 20 Prozent der Fälle. Schwere kardiovaskuläre Nebenwirkungen wurden in den großen Niedrigdosis-Studien nicht beobachtet.
Wenn du in der Apotheke vor dem Regaine-Regal stehst und denkst, „darf ich das überhaupt": Ja, du darfst. Der Schaum ist rezeptfrei, die Studienlage solide, das Risiko-Nutzen-Verhältnis günstig. Was du brauchst, ist Geduld für sechs Monate, eine Dermatologin als Begleitung für den Fall, dass es nicht reicht, und das Wissen, dass das Anfangs-Shedding kein Versagen ist.
Eine Patientin sagte ihrer Ärztin neulich, sie habe drei Jahre vor dem Spiegel verbracht, in denen sie hätte handeln können. Du musst nicht drei Jahre warten. Du kannst nächste Woche anfangen. Und du bist nicht allein.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Niedrigdosiertes orales Minoxidil und die Kombination mit Spironolacton sind in Deutschland Off-Label-Anwendungen und gehören in die Hände einer dermatologisch oder gynäkologisch erfahrenen Ärztin. Schwangere, Stillende und Frauen mit Kinderwunsch sind von Minoxidil topisch wie oral ausgeschlossen, weil einzelne Fallberichte über fötale Auffälligkeiten existieren. Bei vorbestehender Herzerkrankung, Hypotonie oder Niereninsuffizienz ist die orale Variante nur unter besonderer ärztlicher Überwachung sinnvoll.
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