Nachts wach in den Wechseljahren: Warum du um 3 Uhr aufwachst, und was wirklich hilft

Nachts wach in den Wechseljahren: Warum du um 3 Uhr aufwachst, und was wirklich hilft

Es ist 3:14 Uhr.

Nicht heiß. Nicht durstig. Kein Albtraum. Du liegst einfach da, hellwach, und dein Gehirn fühlt sich an, als hätte jemand das Licht angeknipst. Du schaust auf die Uhr, rechnest aus, wie viele Stunden du noch hast, wenn du jetzt sofort wieder einschläfst, und genau in dem Moment startet das Karussell. Die E-Mail von gestern. Der Termin am Donnerstag. Ob deine Mutter das Rezept für den Kuchen aufgeschrieben hat. Warum dein Sohn so kurz angebunden war. Ob diese Steuerunterlagen wirklich abgeschickt wurden. Du drehst dich um. Du atmest tief. Du versuchst, an nichts zu denken, und nichts wird zur lautesten Sache der Welt.

Wenn du das kennst, bist du keine Ausnahme. Du bist Teil eines sehr spezifischen Musters, das in der Schlafforschung einen Namen hat: Sleep Maintenance Insomnia, also Schlafdurchhalte-Probleme, im Unterschied zum klassischen Einschlafproblem. Und es ist in den Wechseljahren auffällig häufig.

In der Längsschnittanalyse von Kravitz et al. (2021), publiziert in Sleep, wurden Frauen über die menopausale Transition hinweg per Polysomnographie untersucht. Das Ergebnis: Die WASO-Werte (Wake After Sleep Onset, also wie viele Minuten du nachts wach liegst, nachdem du einmal eingeschlafen bist) bewegten sich nicht stark. Aber die Beta-EEG-Power im NREM-Schlaf, also ein Marker für „dein Gehirn ist innerlich auf Habacht", stieg bei Frauen, die in die Postmenopause übergingen, deutlich an. Übersetzt: Auch wenn du objektiv nicht zwingend länger wach bist, ist dein Schlaf in den Wechseljahren oft physiologisch wacher. Dein Gehirn fährt nicht so tief runter, wie es das mit 35 noch konnte.

Niemand erklärt dir das, bevor es passiert. Du googelst „nachts wach wechseljahre" und findest entweder „trink Baldrian-Tee" oder „nimm Hormone". Beides kann hilfreich sein, beides ist als Ein-Wort-Antwort nicht genug. Hier ist, was dein Körper um 3 Uhr morgens wirklich macht, und was du dagegen tun kannst, gestaffelt von leise nach hart.

Warum 3 Uhr? Die Cortisol-Geschichte

Es gibt eine spezifische Uhrzeit, die in Schlafprotokollen von Frauen in der Perimenopause auffällig oft genannt wird: zwischen 2 und 4 Uhr morgens. Das ist kein Zufall, das ist Biochemie.

Dein Körper folgt einem zirkadianen Cortisol-Rhythmus. Cortisol ist nicht nur das „Stresshormon", es ist auch dein eingebauter Wecker. Über Nacht steigt dein Cortisol-Spiegel langsam an, von einem Tiefpunkt um Mitternacht hin zu einem Peak kurz nach dem Aufwachen. Dieser morgendliche Anstieg heißt Cortisol Awakening Response (CAR) und beschreibt eine Steigerung von 38 bis 75 Prozent in den ersten 30 bis 45 Minuten nach dem Wachwerden, beschrieben unter anderem von Clow und Kollegen (Endocrine Reviews). Bei einer ausgeschlafenen Frau in den Dreißigern beginnt diese Welle gegen 5 oder 6 Uhr und schiebt sie behutsam aus dem Schlaf.

In der Perimenopause kippt dieses System.

Eine Untersuchung von Reed et al. (Psychoneuroendocrinology, 2020) hat den CAR bei perimenopausalen Frauen mit und ohne vasomotorische Symptome verglichen. Frauen mit häufigen Hitzewallungen und Nachtschweißen zeigten einen abgeflachten morgendlichen CAR und gleichzeitig erhöhte Cortisolwerte spät am Abend und in der Nacht. Übersetzt: Die Tageskurve verschiebt sich. Cortisol kommt zu früh, zu lang, zur falschen Zeit.

Dazu kommt der zweite Befund. In einer Meta-Analyse von Dressle et al. (Sleep Medicine Reviews, 2022) wurden 18 Fall-Kontroll-Studien zur HPA-Achse bei chronischer Insomnie zusammengefasst. Menschen mit Insomnie, sehr unabhängig vom Geschlecht, zeigen über 24 Stunden eine erhöhte ACTH- und Cortisol-Sekretion, mit den deutlichsten Erhöhungen am Abend und in der ersten Nachthälfte. Das ist die physiologische Signatur dessen, was Schlafmediziner Hyperarousal nennen, also einen Körper, der nicht wirklich aus dem Wach-Modus herauskommt.

Wenn du jetzt beides zusammenlegst, also den verschobenen Cortisol-Rhythmus der Wechseljahre und die Hyperarousal-Tendenz bei nicht durchschlafen perimenopause, bekommst du ein Muster: Eine kleine, an sich harmlose Wachepisode (eine Position, ein Geräusch, eine volle Blase) trifft um 3 Uhr auf einen Cortisol-Spiegel, der schon zu hoch ist. Dein System interpretiert das als „wach werden". Die kleine Episode wird zur ganzen Stunde. Oder zu zwei.

Das ist die unromantische Wahrheit hinter dem 3-Uhr-Phänomen. Es ist nicht „nur Stress" und auch nicht „typisch Frau". Es ist eine messbare hormonelle Verschiebung in einem Lebensabschnitt, in dem deine Schlafarchitektur sowieso an mehreren Fronten unter Druck steht.

Die zweite Schicht: GABA, Progesteron, und der verlorene Off-Schalter

Die Cortisol-Geschichte ist die halbe Geschichte. Die andere Hälfte hängt an einem Stoff namens Allopregnanolon, ein Abbauprodukt von Progesteron. In deinem Gehirn dockt es an dieselben GABA-Rezeptoren an wie Diazepam oder Alkohol, sanfter und ohne Suchtpotenzial. GABA ist dein wichtigster beruhigender Neurotransmitter. In einer Übersichtsarbeit zur weiblichen reproduktiven Lebensspanne, Eisenlohr-Moul und Kollegen (PMC, 2024), wird beschrieben, wie das Absinken von Progesteron und damit Allopregnanolon in der Perimenopause die GABA-Modulation der HPA-Achse verändert und Frauen sensibler für Stress-Reize macht.

In Klartext: Bis Ende dreißig hattest du jeden Monat einen kleinen biologischen Beruhigungsschub in der zweiten Zyklushälfte. In der Perimenopause werden Zyklen unregelmäßig, der Eisprung fällt zunehmend aus, und damit fallen ganze Wochen Allopregnanolon weg. Dein GABA-System bekommt weniger Rückendeckung. Das erklärt, warum manche Frauen sich „dünnhäutiger" fühlen, „aufgekratzt im Kopf, müde im Körper". Das ist keine Einbildung. Das ist ein neurochemischer Zustand mit Adresse.

Was nachts in deinem Schlaf passiert

Ein gesunder Erwachsener durchläuft pro Nacht vier bis fünf Schlafzyklen von je etwa 90 Minuten. Die erste Nachthälfte ist tiefschlaf-lastig. Die zweite Nachthälfte, genau die Zeit zwischen 2 und 6 Uhr, ist REM-lastig. Im REM ist dein Gehirn hoch aktiv, der Körper gelähmt, die Temperaturregulation schlechter. Selbst ohne Hitzewallung ist die zweite Nachthälfte die Phase, in der Wachepisoden statistisch am längsten dauern. Dein Schlafdruck ist niedriger (du hast den meisten Schlaf schon nachgeholt), dein Cortisol steigt. Wachzustände, die um 23 Uhr nach 30 Sekunden vergessen wären, dauern um 3 Uhr 45 Minuten.

In der Polysomnographie-Längsstudie von Kravitz et al. zeigte sich zusätzlich eine erhöhte Beta-Aktivität im NREM. Das ist die Frequenz, die normalerweise wachen, denkenden Zustand begleitet. Wenn sie im NREM zu hoch ist, trägt dein Schlaf einen Wachanteil mit, ohne dass du es bewusst merkst. Manche Frauen wachen um 7 Uhr auf und haben das Gefühl, „nicht richtig geschlafen" zu haben, obwohl die Stunden gestimmt haben. Das Bauchgefühl ist meist korrekt: Dein Schlaf war flacher, als die Uhr sagt.

Das Gedanken-Karussell ist nicht die Ursache, aber es macht alles schlimmer

Wenn du um 3 Uhr wach wirst, kommt fast immer dasselbe als Zweites: das Denken. Und zwar nicht freundliches Denken. Sondern eine spezifische Form, die in der Insomnie-Forschung Pre-sleep Cognitive Arousal und Nocturnal Rumination heißt.

Eine viel zitierte Arbeit von Kalmbach und Kollegen (PMC, 2021) hat gezeigt, dass Menschen mit hoher nächtlicher kognitiver Erregung 37 Minuten länger zum Einschlafen brauchen und 45 Minuten länger zum konsolidierten Schlaf, im Vergleich zu Menschen mit niedriger kognitiver Erregung, selbst wenn beide gleich schwer ins Bett gehen. Was du um 3:14 Uhr im Kopf machst, prägt direkt, ob du um 3:30 Uhr noch wach bist oder nicht.

Das fiese Detail: Bei sleep-maintenance Insomnie (also dem Mitten-in-der-Nacht-Wachsein, das bei vielen Frauen in den Wechseljahren dominiert) sind Racing Thoughts laut Lemyre et al. (2021) zwar weniger ausgeprägt als bei Einschlaf-Insomnie, aber die Inhalte sind oft belastender. Es geht weniger um To-Do-Listen, mehr um Sorgen, alte Gespräche, halbverdrängte Themen. Dein Gehirn nutzt die ruhige Stunde, um etwas zu verarbeiten, was du tagsüber zur Seite geschoben hast.

Das ist keine Charakterschwäche. Das ist ein Hirn, das in einem hyperaroused Zustand das tut, wofür Hirne gemacht sind: Bedeutung suchen, Probleme drehen. Nur eben zur falschen Zeit.

Was wirklich hilft, gestaffelt nach Aufwand

Ich sortiere die Optionen nach Eingriffstiefe. Nicht alles musst du parallel tun. Aber Stufe 1 ist die Voraussetzung für alles andere. Wenn deine Schlafhygiene grundsätzlich nicht stimmt, hilft auch keine Hormontherapie der Welt.

Stufe 1: Was du heute Nacht ändern kannst

Stell die Uhr weg. Die unterschätzteste Maßnahme. Wenn du um 3 Uhr wach wirst und nicht weißt, wie spät es ist, hat dein Gehirn keine Daten für eine Katastrophen-Rechnung. Wenn du auf 3:14 schaust, fängt es sofort an: noch drei Stunden 46 Minuten, wenn ich jetzt einschlafe schaffe ich zwei Zyklen, wenn nicht bin ich morgen tot. Genau diese Rechnung jagt dein Cortisol hoch. Drehe das Display weg. Verlasse das Bett, wenn du länger als 20 Minuten wach liegst. Eckpfeiler der Stimuluskontrolle aus CBT-I. Klingt kontraintuitiv, hat aber einen Sinn: Dein Gehirn soll das Bett mit Schlaf verknüpfen, nicht mit Wachsein. Setz dich 15 bis 20 Minuten in einen anderen Raum bei gedämpftem Licht, lies ein paar Seiten, kein Telefon, kein Tablet, geh zurück, wenn Müdigkeit kommt. Atme so, dass dein Vagusnerv mitkommt. 4-7-8-Atmung: vier Sekunden ein, sieben halten, acht aus. Vier Runden. Verlängertes Ausatmen aktiviert den Parasympathikus, senkt Herzfrequenz und Cortisol in genau dem Moment, in dem du sie senken musst. Schlafzimmer auf 17 bis 18 Grad, anpassbare Decken-Schichten. Eine kühle Umgebung erlaubt tieferen Schlaf, unabhängig von vasomotorischen Symptomen. Wenn du kühl liegst und warm wirst, ziehst du eine dünne Decke weg, statt aus dem Bett zu fliehen. Schluss mit dem letzten Glas Wein. Alkohol ist der trügerischste Schlaftrunk. Er hilft beim Einschlafen und sabotiert die zweite Nachthälfte, die in den Wechseljahren sowieso labil ist. Zwei Wochen ohne Abendalkohol bringen bei vielen Frauen einen spürbaren Unterschied.

Stufe 2: Pflanzen und Mikronährstoffe, die wirklich Daten haben

Magnesium, aber bitte das richtige. Die Studie von Abbasi et al. (2012) hat 46 ältere Erwachsene mit primärer Insomnie über acht Wochen mit 500 mg Magnesium täglich oder Placebo behandelt. Die Magnesium-Gruppe zeigte signifikant höhere Schlafzeit, bessere Schlafeffizienz, niedrigere Insomnia-Severity-Scores, weniger frühmorgendliches Aufwachen, höheres Melatonin und niedrigeres Serum-Cortisol. Sehr passend für unser 3-Uhr-Problem. Eine Meta-Analyse aus BMC Complementary Medicine (2021) ist vorsichtiger und spricht von „indeterminierter Evidenz von niedriger Sicherheit", was korrekt ist: Die Datenlage ist nicht riesig. Aber bei einem Mittel, das günstig, gut verträglich und in der richtigen Form gut bioverfügbar ist, lohnt sich der dreiwöchige Test. Praktisch: Magnesiumglycinat oder Magnesiumbisglycinat, abends 200 bis 400 mg. Magnesiumoxid bringt nichts, außer Durchfall. Magnesiumcitrat geht auch, ist aber abführender. L-Theanin. Die Aminosäure aus grünem Tee. In einem randomisierten, placebokontrollierten Crossover-Trial von Hidese et al. (Nutrients, 2019) reduzierte L-Theanin (200 mg täglich, vier Wochen) Stresswerte und Angst signifikant und verbesserte den Pittsburgh Sleep Quality Index. Eine Übersicht von Williams et al. (2025) findet konsistente Effekte auf Schlafqualität und subjektive Erholung. Praktisch: 200 mg etwa 30 Minuten vor dem Schlafengehen oder bei akuter Wachepisode. Bei Bluthochdruck-Medikamenten kurz mit der Hausärztin sprechen. Was du dir sparen kannst. Baldrian-Wurzel hat in seriösen Reviews keine konsistente Evidenz, vor allem nicht für Sleep-Maintenance-Insomnie. Melatonin in den meisten OTC-Dosen ist eher für Jetlag und Einschlafprobleme gedacht und nicht für Durchschlafprobleme. Und „Schlaf-Tee" mit Hopfen und Lavendel: angenehm, vermutlich nicht schädlich, aber nicht das, was deinen 3-Uhr-Cortisol-Spike umkrempelt.

Stufe 3: CBT-I, der wirksamste Ansatz, den die meisten nie probieren

Die wirksamste nicht-medikamentöse Behandlung für chronische Insomnie ist kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, kurz CBT-I. Sie ist in jeder seriösen Leitlinie weltweit Erstwahl vor Schlafmitteln, und sie wirkt auch dann, wenn deine Insomnie hormonell mitverursacht ist.

Für die Wechseljahre gibt es eine spezifische Studie, die du kennen solltest: die MsFLASH-Studie von McCurry et al. (JAMA Internal Medicine, 2016). 106 perimenopausale und postmenopausale Frauen mit Insomnie und vasomotorischen Symptomen wurden randomisiert in telefonbasierte CBT-I oder eine Menopause-Aufklärungs-Kontrolle. Nach acht Wochen war der Insomnia Severity Index in der CBT-I-Gruppe um 9,9 Punkte gesunken, in der Kontrolle um 4,7 Punkte. Mittlere Differenz: 5,2 Punkte, klinisch sehr relevant. Die Effekte hielten bis 24 Wochen Follow-up.

CBT-I hat fünf Kernbestandteile, die alle empirisch unterfüttert sind:

  1. Schlafrestriktion. Du verkürzt aktiv deine Bettzeit für ein bis zwei Wochen, sodass du müder ins Bett gehst und tiefer schläfst. Eine Meta-Analyse von Maurer et al. (Sleep Medicine Reviews, 2021) zeigt für Schlafrestriktion allein eine Effektstärke von g = -0,93 auf den Insomnia Severity Index, also einen großen Effekt. Eine primärärztliche Studie aus The Lancet (HABIT-Trial, 2023)00683-9/fulltext) bestätigte das in der echten Welt mit Hausärztinnen statt Schlafmediziner-Spezialisten.
  2. Stimuluskontrolle. Bett gleich Schlaf, sonst nichts. Kein Lesen, kein Scrollen, kein Streiten.
  3. Schlafhygiene. Die langweiligen Sachen, die alle kennen und kaum jemand wirklich macht: feste Bettzeit, kein Koffein nach 14 Uhr, kein blaues Licht ab 22 Uhr.
  4. Kognitive Umstrukturierung. Hier wird das Karussell adressiert. Du lernst, „ich werde morgen ein Wrack sein, weil ich jetzt wach bin" zu erkennen, zu hinterfragen und zu ersetzen.
  5. Entspannungstechniken. Atmung, progressive Muskelrelaxation, Bodyscan.

CBT-I bekommst du in Deutschland inzwischen über Schlafambulanzen, einige zertifizierte Psychotherapeutinnen, und über Apps wie Somnio (in Deutschland als digitale Gesundheitsanwendung auf Rezept erstattungsfähig) oder HelloBetter Schlafen. Die App-Versionen sind nicht 1:1 so wirksam wie ein guter Therapeut, aber wenn die Wahl ist „App oder nichts", dann eindeutig App.

Stufe 4: Hormone, ehrlich besprochen

Wenn du in der Perimenopause bist und nachts ohne klaren Trigger wach wirst, gibt es eine spezifische hormonelle Option, die in Deutschland zu wenig genutzt wird: mikronisiertes Progesteron.

Mikronisiertes Progesteron (in Deutschland verschreibungspflichtig als Utrogest oder Progesteron-Generika) ist nicht dasselbe wie synthetische Gestagene aus der Pille. Es ist bioidentisch, und in der zweiten Nachthälfte wird es im Gehirn zu Allopregnanolon abgebaut. Genau zu dem Stoff, der in der Perimenopause zunehmend fehlt und der den GABA-Rezeptor moduliert. In der Praxis berichten Frauen unter 100 bis 200 mg mikronisiertem Progesteron abends, dass sie wieder durchschlafen können, oft schon in der ersten oder zweiten Woche.

Eine ausführliche Übersicht von Prior (2018), publiziert in PMC, beschreibt die Datenlage zu Progesteron in der Perimenopause: Reduktion von Hitzewallungen, Verbesserung von Schlaf-Continuity, weniger nächtliches Aufwachen. Wichtig: Wenn du noch eine Gebärmutter hast und Östrogen nimmst, brauchst du sowieso Progesteron oder ein anderes Gestagen zum Schutz der Gebärmutterschleimhaut. Wenn du in der Perimenopause bist und vor allem das Schlafproblem dominiert, ist eine Progesteron-Monotherapie eine sinnvolle Option, die viele Gynäkologinnen inzwischen kennen.

Wenn dein Hauptproblem nächtliches Schwitzen mit anschließendem Wachwerden ist, gehört Östrogen (transdermal als Pflaster oder Gel) als Kombination dazu. Aber wenn du nicht schwitzt, sondern „einfach nur" wach bist, ist Progesteron der wichtigere Hebel.

Was über Schlafmittel zu sagen ist

Z-Substanzen wie Zolpidem oder Zopiclon werden zu schnell verschrieben. Sie wirken kurzfristig, machen abhängig, verändern die Schlafarchitektur (weniger Tiefschlaf, weniger REM) und sind in den Wechseljahren nie die erste Antwort. Benzodiazepine wie Lorazepam sind keine Lösung, sondern eine Verschiebung mit Zinsen. Antihistaminika aus der Drogerie helfen ein paar Tage, dann gewöhnt sich der Körper. Niedrig dosiertes Mirtazapin (off-label) wird gelegentlich bei Insomnie plus depressiven Symptomen eingesetzt, gehört aber in fachärztliche Hand.

Wachsein ist nicht das eigentliche Problem

Eine der hartnäckigsten Mythen in unserer Schlafkultur ist die Idee, dass „acht Stunden durchschlafen" der biologische Normalzustand sei. Vor der Glühbirne hatten viele Menschen einen segmentierten Schlaf: ein paar Stunden, eine wache Phase mit Lesen oder Reden, dann wieder Schlaf. Der eine lange Schlafblock ist eine industrielle Erfindung. Eine kurze Wachphase wäre biologisch in Ordnung, wenn sie nicht mit Panik aufgeladen wäre.

Genau hier setzt die kognitive Komponente von CBT-I an. Wenn du um 3 Uhr wach wirst und denkst „okay, ich bin jetzt ein bisschen wach, unangenehm, aber nicht schlimm", sinkt dein Cortisol langsam, und du driftest meist zurück. Wenn du denkst „nicht schon wieder, ich werde morgen nicht funktionieren, was wenn das für immer so bleibt", jagst du dein Cortisol hoch, und du bist um 4:30 immer noch wach. In einer Sekundäranalyse von Cheng et al. (Sleep Medicine, 2019) korrelierte die Reduktion dysfunktionaler Überzeugungen über Schlaf direkt mit der Reduktion der Insomnie-Schwere. Was du um 3 Uhr über deinen Schlaf glaubst, beeinflusst, wie schlecht dein Schlaf wird.

Was du in den nächsten 14 Tagen tun kannst

Hier ein konkretes Mini-Protokoll:

  1. Diese Woche. Uhr wegdrehen. Schlafzimmer auf 17 bis 18 Grad. Kein Alkohol nach 19 Uhr. Bei mehr als 20 Minuten Wachsein in einen anderen Raum, fünf Seiten lesen, zurück. Schreib in ein kleines Heft, wann du wach wirst und was im Kopf läuft, ohne zu werten.
  2. Nächste Woche. 300 mg Magnesiumglycinat eine Stunde vor dem Schlafengehen, optional 200 mg L-Theanin dazu. Heft weiterführen.
  3. Nach 14 Tagen. Schau dir das Heft an. Welche Tage waren besonders gut, welche schlecht? Was hatten die guten gemeinsam? Das ist deine erste persönliche Datengrundlage.
  4. Wenn nach vier Wochen wenig passiert. Termin bei der Gynäkologin, mikronisiertes Progesteron besprechen. Parallel ein Schlaftagebuch in eine CBT-I-App oder schlafmedizinische Praxis mitnehmen.

Das ist kein Trick, weil es keinen gibt. Aber diese Sequenz bringt bei den meisten Frauen in der Perimenopause innerhalb von sechs bis zwölf Wochen sehr deutliche Veränderungen. Nicht „Schlaf wie mit 25", aber Schlaf, der dich am Tag wieder funktionieren lässt.

Wann du dir Hilfe holen solltest

Wenn du seit mehr als drei Monaten in mindestens drei Nächten pro Woche wach liegst und das deine Tagesleistung beeinträchtigt, hast du nach gängiger Definition eine chronische Insomnie. Das verdient eine Abklärung, kein Selbstmanagement im Dunkeln.

Wichtige Punkte für das Gespräch mit Hausärztin oder Gynäkologin: Schnarchst du? Schlafapnoe ist bei Frauen in der Postmenopause häufiger als oft angenommen und wird regelmäßig übersehen. Hast du unruhige Beine vor dem Einschlafen? Restless Legs ist behandelbar. Wann sind Schilddrüse und Eisenstatus zuletzt geprüft worden? Schilddrüsenüberfunktion und Eisenmangel können nächtliches Wachsein massiv verstärken und gehen oft in der Pauschal-Erklärung „Wechseljahre" unter.

Wenn dein Schlafproblem mit niedergedrückter Stimmung, Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zusammenkommt, ist das ein eigenes Thema. Depression in der Perimenopause ist häufiger, als die Statistik glauben macht, und gut behandelbar. Reine Schlafstrategien werden dann nicht reichen.

Was du mitnehmen kannst

Wenn du heute Nacht um 3:14 Uhr wach wirst, weißt du jetzt: Das ist nicht „ich werde verrückt". Das ist eine messbare Verschiebung deines Cortisol-Rhythmus, eine reduzierte GABA-Modulation durch fehlendes Allopregnanolon, ein erhöhter Hyperarousal-Status im NREM-Schlaf, und ein Gehirn, das diese Lücke mit Inhalten füllt, die dich tagsüber nicht beschäftigen würden.

Eine biochemisch nachvollziehbare Geschichte. Sie zeigt dir, wo du eingreifen kannst, ohne auf ein Schlafmittel angewiesen zu sein, das morgens deinen Kopf trübt.

Schlaf in den Wechseljahren ist anders als mit dreißig. Labiler, beeinflussbarer, anspruchsvoller. Aber nicht verloren. Du brauchst einen anderen Werkzeugkasten und etwas mehr Geduld. Wenn du beides hast, kommt das Durchschlafen meist zurück. Nicht jede Nacht, aber genug, um wieder zu wissen, wie sich ein erholter Tag anfühlt.

Schlaf gut. Und falls du um 3 Uhr wach wirst: Uhr weg, länger ausatmen als ein, an niemanden Konkretes denken, der etwas von dir will. Dein Körper macht gerade das Beste aus einer schwierigen biologischen Situation.

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