Frau Petzold aus Kiel, 54, seit anderthalb Jahren offiziell in der Perimenopause, hat im März 2026 in einer Apotheke am Blücherplatz ein Fläschchen Remifemin über den Tresen gereicht bekommen, mit der ruhigen Selbstverständlichkeit einer Apothekerin, die diese Bewegung schon hundert Mal gemacht hat. Kein Beipackzettel-Bläschen, keine Warnung vor Wechselwirkungen, kein Blick in die Kundenkarte auf laufende Medikamente. Nur der Satz: "Zwei mal täglich eine Tablette, ich empfehle es auch selber, die meisten sind zufrieden." Frau Petzold hat zwölf Wochen genommen. Die Hitzewallungen sind nicht weg. Die Nachtschweiße sind weniger, aber nicht weg. Der Schlaf ist unverändert schlecht. Die Kosten belaufen sich auf 68 Euro für die dreimonatige Packung, hochgerechnet 272 Euro pro Jahr, und Frau Petzold fragt sich, ob das Präparat entweder bei ihr einfach nicht wirkt, ob die Erwartung von Anfang an falsch war, oder ob die Apotheken-Empfehlung mehr mit den Margen als mit der Evidenz zu tun hatte.
Die Antwort auf diese Frage steht seit dem 20. Januar 2025 in einem 63-seitigen Dokument des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das für die aktualisierte S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause die Evidenz zur Traubensilberkerze durchgearbeitet hat. Der IQWiG-Evidenzbericht V24-05C ist die aktuell beste unabhängige Bestandsaufnahme dessen, was Cimicifuga racemosa nach wissenschaftlichem Maßstab tatsächlich leistet. Er ist wenig gelesen, wird von den meisten Apotheken nicht kommuniziert und ist trotzdem der einzige Text, den man vor der Kaufentscheidung wirklich lesen sollte. Was drin steht, welche vier Studien die Grundlage bilden, welche Symptome die Traubensilberkerze messbar bessert und welche nicht, und was die Nebenwirkungs-Signale in der Fachliteratur zu bedeuten haben, geht dieser Artikel im Detail durch.
Was Cimicifuga botanisch ist und wie sie in Deutschland verkauft wird
Cimicifuga racemosa (seit einer taxonomischen Neuordnung offiziell Actaea racemosa) ist ein Hahnenfußgewächs, in Nordamerika beheimatet und dort unter dem Namen Black Cohosh verbreitet. Der medizinisch verwendete Teil ist der Wurzelstock (Rhizom mit Wurzeln), aus dem in Deutschland und der Schweiz seit den 1950er Jahren Trockenextrakte gewonnen werden. Die beiden dominierenden Präparate am deutschen Markt sind Remifemin von Schaper und Brümmer (seit 1956 im Handel, Extrakt Cimipax 20 mg pro Tablette) und Klimadynon von Bionorica (Extrakt BNO 1055 3,5 mg pro Tablette, das entspricht einer Tagesdosis von 40 mg Wurzelstock).
Die entscheidende Frage: was ist eigentlich wirksam im Extrakt? Die pharmakologische Antwort ist, dass niemand es genau weiß. Cimicifuga enthält eine Mischung aus Triterpenglykosiden (Actein, Cimicifugosid), Isoflavonoiden, Phenolcarbonsäuren und weiteren Substanzen. Die frühere Annahme, dass die Traubensilberkerze wie eine Phytoöstrogen-Quelle über östrogene Rezeptoren wirkt, hat sich in kontrollierten Studien nicht bestätigt: In-vitro-Untersuchungen zeigten keine klassische östrogene Aktivität, und in vivo ändert sich unter Cimicifuga weder die Endometriumdicke noch die FSH- oder LH-Spiegel. Die aktuelle Vermutung ist, dass die Wirkung über serotonerge Rezeptoren im zentralen Nervensystem läuft, was zumindest zu dem Muster passt, dass Hitzewallungen (die zentralnervös vermittelt werden) besser ansprechen als peripher-hormonelle Symptome. Definitiv geklärt ist der Mechanismus nach über sechzig Jahren Anwendung nicht. Der MSD-Manual-Eintrag zur Traubensilberkerze fasst den aktuellen Stand mit "Wirkmechanismus unklar, möglicherweise serotonerg" zusammen.
Was der IQWiG-Bericht zu vier RCTs sagt
Die IQWiG-Auswertung basiert auf vier randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs), die die Einschlusskriterien erfüllten: Jiang 2015 (China, 6 Monate, 24 Frauen im Interventionsarm), TRACE 2010 (Deutschland, 12 Monate, 43 Frauen), Frei-Kleiner 2005 (Schweiz, 14 Wochen, 84 Frauen) und Schellenberg 2012 (Deutschland, 3 Monate, Kombination Cimicifuga plus Johanniskraut). Alle vier verglichen Cimicifuga gegen Placebo. Die Ergebnisse für die vier kritischen Endpunkte sind ernüchternd, wenn man ehrliche Zahlen erwartet und nicht die Marketing-Kurzfassung.
Für den Endpunkt gesundheitsbezogene Lebensqualität (Tabelle 8 im IQWiG-Bericht) zeigten die vorliegenden RCTs keinen einheitlichen Effekt. Bei den einzelnen Studien schwankte die Effektgröße zwischen einem kleinen Vorteil für Cimicifuga und keinem Unterschied zu Placebo. Die Meta-Analyse konnte wegen der Heterogenität der Instrumente (verschiedene Fragebögen: Kupperman-Index, MRS, WHQ) keine belastbare gepoolte Effektgröße errechnen. Die IQWiG-Einschätzung lautet: unklarer Effekt, weiterer Forschungsbedarf.
Für den Endpunkt depressive Symptome ist die Datenlage etwas besser. Die Meta-Analyse (Tabelle 9 und Abbildung 2 im IQWiG-Bericht) zeigt einen kleinen Effekt in Richtung Cimicifuga (Hedges' g im Bereich zwischen -0,2 und -0,4, was einem kleinen bis mittleren Effekt entspricht), aber die Konfidenzintervalle überschritten die Nulllinie in mehreren der Studien. Die Aussagekraft ist damit begrenzt: Cimicifuga bessert depressive Symptome möglicherweise leicht, aber der Effekt ist nicht so stabil, dass man ihn als bewiesen bezeichnen könnte. Zum Vergleich: SSRIs erreichen typischerweise Hedges' g zwischen -0,4 und -0,6 bei mittelgradiger Depression, sind also ungefähr doppelt so effektstark.
Für den Endpunkt Schlafstörungen (Tabelle 10) findet der IQWiG-Bericht keinen belastbaren Vorteil. Die stetigen Daten (also Fragebogen-Scores wie der Pittsburgh Sleep Quality Index) zeigten in keiner der Einzelstudien einen statistisch signifikanten Unterschied zwischen Cimicifuga und Placebo, und die Meta-Analyse konnte den Nulleffekt nicht widerlegen. Wer Cimicifuga wegen der Schlafprobleme in der Perimenopause nimmt, hat nach der aktuellen Studienlage keinen Grund, auf einen messbaren Effekt zu hoffen. Wenn Schlaf besser wird, dann meistens indirekt, weil die Nachtschweiße nachlassen und die dadurch verursachten Aufwach-Episoden weniger werden.
Für den Endpunkt vasomotorische Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüche, Tabelle 12 und Abbildung 3 im IQWiG-Bericht) zeigt die Meta-Analyse den robustesten Effekt in Richtung Cimicifuga. Die typische Reduktion der Hitzewallungen liegt bei 20 bis 40 Prozent gegenüber Placebo, was subjektiv als spürbar wahrgenommen wird, absolut aber niedriger ist als der Effekt einer Hormonersatztherapie (die typischerweise 70 bis 90 Prozent Reduktion bringt). Der Bericht des Institut für Komplementäre und Integrative Medizin der Universität Bern zu Traubensilberkerze bei Hitzewallungen bestätigt diese Größenordnung mit dem Fazit, dass Cimicifuga in klinischen Studien Hitzewallungen um etwa ein Viertel bis ein Drittel reduziert.
Was der Bericht zur Leber sagt
Der spannendere Teil des IQWiG-Berichts ist die Bewertung der Sicherheit. Seit 2007 tragen alle Cimicifuga-Präparate in Deutschland auf Anordnung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Warnhinweis zur möglichen Lebertoxizität. Auslöser war eine Serie von Fallberichten, in denen Frauen unter Cimicifuga-Einnahme akute Hepatitiden entwickelten, in einigen Fällen mit Transplantationsbedarf. Die europäische Zulassungsbehörde EMA hat 2018 die Warnhinweise nach einer erneuten Überprüfung bestätigt, wenn auch mit dem Zusatz, dass ein kausaler Zusammenhang bei den bekannten Fällen nicht eindeutig belegt sei und die Fallzahl im Verhältnis zur Anwendungsbreite (Millionen Anwenderinnen pro Jahr in Europa) sehr niedrig sei.
Was das für die Anwenderin bedeutet: Cimicifuga ist statistisch ein sehr sicheres Präparat, aber das Risiko einer idiosynkratischen (also nicht dosis-abhängigen und nicht vorhersagbaren) Leberreaktion ist nicht null. Die praktische Konsequenz aus den EMA-Empfehlungen lautet: Bei bestehenden Lebererkrankungen (Hepatitis, Fettleber, erhöhte Transaminasen) sollte Cimicifuga nicht eingenommen werden. Bei Neu-Einnahme ist es sinnvoll, nach 4 bis 6 Wochen die Leberwerte (GOT, GPT, GGT) einmal kontrollieren zu lassen. Bei Auftreten von Übelkeit, Appetitlosigkeit, dunklem Urin oder Gelbfärbung der Haut oder Skleren muss die Einnahme sofort abgebrochen und ein Arzt aufgesucht werden. Der Springer-Nature-Artikel zu Cimicifuga-Risiken aus MMW-Fortschritte der Medizin fasst diese Empfehlung ausführlich zusammen und plädiert für einen "informierten Umgang statt Panik oder Verharmlosung".
Wechselwirkungen, die keine Apotheke erwähnt
Der zweite Punkt, der in der Standardberatung meistens unter den Tisch fällt, sind die Wechselwirkungen. Cimicifuga hemmt in vitro das Cytochrom-P450-Enzym 3A4 (CYP3A4), das für den Abbau vieler Medikamente zuständig ist. Klinisch bedeutet das: Bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Medikamenten kann sich deren Wirkung verstärken oder verlängern. Praktisch relevant sind vor allem einige Statine (Simvastatin, Atorvastatin), einige Antikoagulanzien (Warfarin, Phenprocoumon), Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus) und einige Antidepressiva (bestimmte SSRIs). Der MSD-Manual-Eintrag listet die relevanten Substanzklassen auf und empfiehlt bei bestehender Dauermedikation grundsätzlich Rücksprache mit dem behandelnden Arzt oder der Apothekerin. In der Realität wird dieser Check selten gemacht, weil Cimicifuga rezeptfrei ist und im Selbstverständnis vieler Anwenderinnen (und Apothekerinnen) als "pflanzliches Präparat ohne echte Wirkung" gilt, das man beruhigt zu allem dazunehmen kann. Das ist ein Trugschluss, der im Einzelfall gefährlich werden kann.
Nicht empfohlen ist Cimicifuga auch nach einer überstandenen Brustkrebs-Erkrankung, obwohl die Datenlage zu einer möglichen Beeinflussung des Rezidivrisikos nicht eindeutig ist. Die klinische Vorsicht basiert auf dem theoretischen Argument, dass die Wirkmechanismen der Traubensilberkerze noch nicht vollständig geklärt sind und ein Einfluss auf östrogen-responsive Tumore nicht sicher ausgeschlossen werden kann. Die deutsche S3-Leitlinie 2025 empfiehlt daher, dass Frauen mit einer Brustkrebs-Anamnese vor der Anwendung von Cimicifuga mit ihrem behandelnden Onkologen sprechen.
Was die Empfehlung der aktuellen S3-Leitlinie ist
Die aktualisierte S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, hat auf Basis der IQWiG-Auswertung eine differenzierte Empfehlung formuliert. Cimicifuga kann bei leichten bis mittelgradigen vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen, Schweißausbrüche) als Alternative zur Hormonersatztherapie erwogen werden, wenn eine Hormontherapie kontraindiziert ist oder von der Patientin abgelehnt wird. Bei depressiven Symptomen und Schlafstörungen liegen keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise vor, sodass Cimicifuga für diese Indikationen nicht empfohlen wird. Die Behandlungsdauer sollte 6 Monate nicht überschreiten, danach ist eine Neubewertung der Notwendigkeit sinnvoll.
Diese Empfehlung ist deutlich zurückhaltender als die üblichen Apotheken-Anpreisungen ("wirkt bei allen Wechseljahres-Beschwerden"), aber sie ist auch nicht kategorisch ablehnend. Der pragmatische Umgang mit der aktuellen Evidenz sieht so aus: Wer primär mit Hitzewallungen kämpft und keine hormonelle Kontraindikation hat, sollte zuerst prüfen, ob eine kurze systemische Hormonersatztherapie in Frage kommt, weil deren Effektstärke bei Hitzewallungen deutlich höher liegt als bei Cimicifuga. Wer Hormone nicht will oder nicht darf, kann Cimicifuga für 12 Wochen probieren und danach ehrlich bilanzieren, ob die Hitzewallungen um mindestens 30 Prozent zurückgegangen sind. Wenn ja, ist die Fortsetzung sinnvoll. Wenn nein, war es nicht das richtige Präparat, und das Geld ist besser in andere Ansätze investiert (Verhaltenstherapie, Akupunktur, körperliches Training). Wer primär Schlaf- oder Stimmungsprobleme hat, sollte Cimicifuga von vornherein nicht als erste Option in Betracht ziehen, weil die Evidenz dort schwach ist.
Was Frau Petzold aus Kiel damit anfangen kann
Zurück zu Frau Petzold: Nach zwölf Wochen Remifemin mit keiner spürbaren Besserung der Hitzewallungen, unveränderten Schlaf und teilweisem Rückgang der Nachtschweiße ist die Bilanz aus S3-Leitlinien-Sicht klar. Die Behandlung war nicht effektiv genug, um sie fortzusetzen. Die 68 Euro sind Lehrgeld, keine Katastrophe. Der nächste Schritt sollte ein Gespräch mit einer gynäkologisch orientierten Ärztin oder Ärztin sein, in dem geklärt wird, ob eine niedrig dosierte Hormonersatztherapie (etwa transdermales Estradiol 25 bis 50 Mikrogramm pro Tag in Kombination mit einem Gestagen) in Frage kommt. Diese hätte bei Frau Petzolds primärem Symptomkomplex (Hitzewallungen plus Schlafstörung durch Nachtschweiß) mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 bis 90 Prozent einen deutlichen Effekt, den die Cimicifuga in ihrem Fall nicht liefern konnte.
Wenn Hormone nicht in Frage kommen (etwa wegen einer Thromboseanamnese, einer Brustkrebs-Vorgeschichte oder aus persönlicher Ablehnung), bleiben mehrere nicht-hormonelle Alternativen mit besserer Evidenz als Cimicifuga, insbesondere Fezolinetant (der neu zugelassene Neurokinin-3-Rezeptor-Antagonist) und Verhaltenstherapie mit Fokus auf Hitzewallungen. Beides ist nicht rezeptfrei und braucht eine ärztliche Anleitung.
Was in keinem Fall Sinn ergibt, ist die Fortsetzung von Cimicifuga mit der Hoffnung, dass der Effekt später doch noch einsetzt. Die Wirkung tritt in der Regel innerhalb von 4 bis 8 Wochen ein oder gar nicht. Wer nach 12 Wochen keine Besserung spürt, wird sie in der 20. Woche auch nicht mehr bekommen und zahlt weiter für eine wirkungslose Behandlung.
Fazit
Die Traubensilberkerze ist kein Placebo-Präparat, aber sie ist auch kein Wundermittel. Sie bringt bei einem Teil der Frauen mit Hitzewallungen eine spürbare Erleichterung, die statistisch gemessen bei einer Reduktion um 20 bis 40 Prozent liegt. Bei depressiven Symptomen und Schlafstörungen ist die Evidenz zu schwach, um eine Empfehlung zu rechtfertigen. Die Sicherheit ist bei den meisten Anwenderinnen gut, aber das seltene Risiko einer Leberreaktion und die möglichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sollten vor der Ersteinnahme bekannt sein. Wer die Traubensilberkerze probieren will, plant 12 Wochen mit einem Standardpräparat (Remifemin oder Klimadynon) und bewertet danach ehrlich, ob der Aufwand die Kosten rechtfertigt. Wer primär anderes als Hitzewallungen behandeln will, sollte gleich zu einem Konzept mit besserer Evidenz greifen. Und wer ohnehin Dauermedikation nimmt oder Lebererkrankungen kennt, spricht vor der Ersteinnahme mit einer Ärztin, nicht mit der Apothekerin am Blücherplatz.
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