Seitensprung in den Wechseljahren: Warum die Affinität ausgerechnet jetzt hochkocht (und was dahinter steckt)

Seitensprung in den Wechseljahren: Warum die Affinität ausgerechnet jetzt hochkocht (und was dahinter steckt)

Sie ist 48, das Klassentreffen war ein halbes Jahr her, und sie hatte gedacht, das sei vorbei. Tobias war damals der Junge gewesen, der ihr im Bus-Sitz hinter ihr in die Haare gepustet hat, in der elften Klasse, ein paar Wochen lang. Mehr war nie. Sie hatte ihren Mann mit 24 kennengelernt, zwei Kinder, eine Reihenhaus-Hochzeit, ein Leben. Tobias war ein Name in einer Whatsapp-Gruppe gewesen, in der sich die Ehemaligen einmal im Jahr verabredeten.

Auf dem Klassentreffen hatte er drei Stunden neben ihr gesessen. Sie hatte gelacht. Sie hatte ihn angesehen wie jemand, der jemanden ansieht, den er einmal anders gekannt hat, ohne dass etwas passiert ist. Am Ende des Abends hatte er sie umarmt, normal, freundschaftlich. Sie war nach Hause gefahren und hatte ihrem Mann erzählt, das sei lustig gewesen.

Drei Wochen später hatten sie 200 Nachrichten ausgetauscht. Keine eindeutigen, nichts, was man hätte zeigen können. Aber sie hatte angefangen, ihr Telefon umzudrehen, wenn ihr Mann ins Zimmer kam. Sie hatte angefangen, morgens vor dem Spiegel anders zu stehen. Sie hatte angefangen zu spüren, dass etwas in ihr aufgewacht war, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, und gleichzeitig hatte sie das Gefühl, fünf Meter neben sich zu stehen und zuzusehen, wie eine Frau, die sie nicht kennt, in ein Wespennest tritt.

Das ist kein Klischee. Das ist ein Muster, das in dieser Lebensphase überdurchschnittlich oft auftritt, und es hat Gründe, die in der Biologie, in der Psychologie und in der Beziehungs-Geschichte liegen. Dieser Text ist für die Frau, die gerade so dasitzt. Er macht keine Vorwürfe und gibt auch keine Erlaubnis. Er erklärt, was passiert, warum es jetzt passiert, was die meisten Frauen wirklich suchen, wenn sie kurz davor sind, etwas zu tun, und welche Schritte du gehen kannst, bevor du etwas tust, das sich nicht mehr zurückholen lässt.

Was die Zahlen zeigen

Untreue ist statistisch normaler, als die meisten Paare miteinander besprechen. Eine repräsentative deutsche Erhebung der Partnerschafts-Plattform ElitePartner (2020) kommt auf einen Wert, der vielen Leuten zu hoch erscheint und in der Forschung trotzdem als plausibel gilt: Knapp ein Drittel der befragten Frauen hat in einer festen Beziehung schon einmal die Grenze überschritten, je nach Definition. Bei den Männern liegt die Zahl in derselben Befragung in einer ähnlichen Größenordnung, leicht darunter.

Interessanter als die Gesamtzahl sind die Gründe. In derselben Erhebung gaben rund 53 Prozent der Frauen, die fremdgegangen waren, als Hauptgrund an: "Ich war unglücklich in meiner Beziehung." Bei den Männern war der häufigste Grund "Es ergab sich die Gelegenheit." Das ist ein qualitativer Unterschied. Eine spontane Gelegenheit ist eine punktuelle Sache. Ein Beziehungs-Unglück ist ein Zustand, der lange gewachsen ist und dann irgendwo ein Ventil findet.

In den USA hat Samuel und Cynthia Janus mit dem Janus Report on Sexual Behavior (1993) eine der größten Erhebungen zur Sexualität im mittleren und späteren Leben gemacht. Eines der Kernergebnisse, das viele Leser überrascht hat: Die sexuelle Aktivität von Frauen nimmt zwischen 39 und 64 nicht in dem Maße ab, wie das gesellschaftliche Klischee vermutet. 68 Prozent der Frauen zwischen 39 und 50 hatten mindestens einmal pro Woche Sex, in der Altersgruppe 51 bis 64 waren es 65 Prozent. Das Bild der sexuell verschwindenden Mid-Life-Frau ist statistisch nicht haltbar.

Was sich in derselben Phase verändert, ist die Qualität der Sexualität, der Ort, an dem sie stattfindet, und manchmal der Partner. Esther Perel, Paartherapeutin und Autorin von The State of Affairs, beschreibt in ihrer Praxis ein Muster, das sie in den letzten zwanzig Jahren immer häufiger sieht: Frauen Mitte 40 bis Mitte 50, die in eine Affäre rutschen, nicht weil sie einen neuen Mann wollen, sondern weil sie eine Version von sich selbst zurück wollen, die sie verloren glauben.

Die hormonelle Komponente: Estradiol fällt, Testosteron tritt hervor

Die meisten Erklärungen zum Thema Affäre in den Wechseljahren sind rein psychologisch, und das greift zu kurz. Es gibt eine messbare hormonelle Verschiebung, die zur sexuellen Wachheit in dieser Phase beiträgt, und es lohnt sich, sie zu kennen.

Bei einer Frau in der Prä-Menopause produzieren die Eierstöcke pro Zyklus große Mengen Estradiol, daneben Progesteron, und in geringerer Menge auch Testosteron. Testosteron kommt zum Teil aus den Eierstöcken, zum Teil aus den Nebennieren. In der Perimenopause beginnen die Eierstöcke ihre Östrogen-Produktion deutlich herunterzufahren. Die Progesteron-Produktion bricht ein, weil viele Zyklen ohne Eisprung verlaufen. Testosteron sinkt zwar auch, aber langsamer und weniger steil. Das Ergebnis: Das relative Verhältnis von Testosteron zu Estradiol verschiebt sich.

Testosteron ist bei Frauen das Hormon, das für sexuelles Verlangen, Antrieb und Wachheit wichtig ist. Das ist gut belegt. Eine Übersicht aus dem Bereich der Sexualmedizin zeigt, dass Testosteron-Substitution bei Frauen mit Libidoverlust in randomisierten Studien einen messbaren Effekt hat. In der natürlichen Perimenopause heißt die Verschiebung nicht, dass Testosteron absolut steigt. Es heißt, dass es im Verhältnis zum stark gefallenen Estradiol relativ mehr Gewicht bekommt. Manche Frauen erleben in dieser Phase Phasen sexueller Wachheit, die sich anders anfühlen als die der frühen Jahre. Direkter. Klarer. Weniger eingebettet in das emotionale Bindungs-Hormongewebe, das die Östrogen-dominierten Jahre prägt.

Gleichzeitig sinkt Östrogen, und damit verändert sich oft auch die körperliche Sexualität in der Ehe. Vaginale Trockenheit kann den Sex unangenehm machen. Wir haben das in einem eigenen Ratgeber zur vaginalen Trockenheit detailliert beschrieben. Wenn der gewohnte Sex mit dem langjährigen Partner körperlich schwieriger wird, gleichzeitig aber das Verlangen nach Berührung, Anziehung und Bestätigung in einer neuen Form auftaucht, kann das ein paradoxer Zustand sein. Du willst Sex, aber nicht den, den du gerade kennst. Und ein Mann, mit dem du noch keinen Sex hattest, ist in der Vorstellung körperlich nicht eingeschränkt.

Die hormonelle Komponente erklärt also nicht die Affäre. Sie erklärt aber, warum die Frage in dieser Phase überhaupt auftaucht, und warum sie sich oft so körperlich und so dringend anfühlt, dass die Frau selbst überrascht ist.

Die Bilanzphase: "Ist das jetzt mein Leben?"

Mit Anfang 40 hat die meisten Frauen in einer langen Beziehung das gleiche Gefühl gestellt, das in der Psychologie als Mid-Life-Bilanz bezeichnet wird. Man dreht sich einmal um, sieht den Weg, den man gegangen ist, und stellt die Frage: War das, was ich wollte? Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Mutter eines schulpflichtigen Kindes, Ehefrau eines bestimmten Mannes und Angestellte einer bestimmten Firma bin? Was bleibt, wenn ich das alles wegnehme?

David Brooks beschreibt in The Second Mountain genau diesen Übergang. Er nennt den ersten Berg den der äußeren Erfolge: Karriere, Familie, Haus, Status. Den zweiten Berg den der inneren Bedeutung: Sinn, Bindung, Tiefe, Beitrag. Viele Menschen, schreibt Brooks, kommen mit Mitte 40 oben am ersten Berg an, sehen die Aussicht und merken, dass die Aussicht sie nicht erfüllt. Das ist nicht Undankbarkeit. Das ist eine Lebensphase mit einer eigenen Aufgabe.

Bei Frauen fällt diese Phase oft mit zwei anderen Dingen zusammen: dem Beginn der Perimenopause und dem Auszug der Kinder. Beides verändert die Identität gleichzeitig. Wenn das letzte Kind das Haus verlässt, fällt eine zentrale Rolle weg, mit der viele Frauen ihren Alltag jahrzehntelang strukturiert haben. Das Empty-Nest-Syndrom ist gut beschrieben und in der Perimenopause überlagert es sich mit den hormonellen Verschiebungen. Die Wochen, in denen das Kinderzimmer leer ist und die Frau zum ersten Mal seit 20 Jahren in der Wohnung sitzt, ohne dass jemand etwas von ihr braucht, sind statistisch eine der vulnerabelsten Phasen einer langen Beziehung.

Dazu kommt das, was Psychologen das Sterblichkeits-Bewusstsein nennen. Mit 48 stirbt zum ersten Mal eine Mutter aus dem Freundeskreis, eine Freundin bekommt Brustkrebs, ein Bekannter einen Herzinfarkt. Das Endliche wird konkret. Die Vorstellung, noch 30 oder 40 Jahre genau dieses Leben zu leben, das vor einem liegt, ohne jede Veränderung, ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Es ist eine Wahl, und Wahlen können auch anders ausfallen.

In diese Konstellation hinein einen Mann zu treffen, der einen ansieht, als sei man wieder 19 und das ganze Leben offen, hat eine Wirkung, die mit dem konkreten Mann oft sehr wenig zu tun hat. Tobias auf dem Klassentreffen ist selten ein Versprechen einer besseren Ehe. Er ist ein Versprechen einer Version von dir, die du im Spiegel kaum noch erkennst.

Was Esther Perel über diese Affären sagt

Esther Perel, belgisch-israelische Paartherapeutin, hat über zwei Jahrzehnte Paare nach Affären begleitet, und ihre Schlussfolgerung wirft das alte Bild der Untreue auf den Kopf. In The State of Affairs schreibt sie sinngemäß: Viele Affären passieren nicht, weil der eine Partner unglücklich mit dem anderen ist. Sie passieren, weil der eine Partner unglücklich mit sich selbst ist und in der Affäre einen Teil von sich zurückgewinnen will, den er verloren glaubt.

Bei Frauen in den Wechseljahren ist dieses Muster besonders häufig. Es ist selten ein konkreter Wunsch nach einem neuen Partner. Es ist oft ein Wunsch nach Lebendigkeit, nach Begehrt-Werden, nach einer Version von Sexualität, in der die Frau wieder Subjekt ist und nicht nur Mutter, Versorgerin oder Routine-Partnerin in einem langen Wochenende. Perel beschreibt, dass viele ihrer Klientinnen nach einer Affäre nicht ihren Ehemann verlassen wollen, sondern sich erschrocken sind, was die Affäre über ihre eigene Seele aufgedeckt hat. Sie wollten nie weg. Sie wollten wieder spüren.

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Wenn die Affäre primär eine Identitäts-Wiederbelebung ist, dann ist der andere Mann austauschbar. Es hätte auch der Tennislehrer sein können, der Yoga-Lehrer, der ehemalige Kollege auf dem alten Foto. Wenn die Affäre primär ein Ausdruck einer konkreten, dauerhaften Unvereinbarkeit mit dem Partner ist, dann ist das eine andere Geschichte. Beides gibt es. Aber statistisch ist die Identitäts-Variante in der Wechseljahre-Phase deutlich häufiger als die Partner-Variante.

Was meistens vor der Affäre passiert

Affären entstehen selten aus dem Nichts. Wenn man retrospektiv die Beziehungen anschaut, in denen es zu einer Affäre kommt, lassen sich fast immer einige Muster im Vorfeld erkennen. Das heißt nicht, dass die Affäre damit gerechtfertigt ist. Es heißt nur, dass sie ein Symptom einer Bewegung ist, die schon lange läuft.

Erstens, die Sex-Frequenz war in den Jahren davor oft langsam zurückgegangen, ohne dass das Paar je darüber gesprochen hatte. Sex war zur Routine geworden, dann zur Seltenheit, dann zur Ausnahme. Beide hatten gedacht, das sei normal in einer langen Ehe, und keiner hatte gefragt, was eigentlich gerade aufhört zu existieren. Wenn dann in den Wechseljahren der Sex wegen vaginaler Trockenheit oder Schmerzen beim Sex zusätzlich körperlich unangenehm wird, und das Paar nichts dagegen tut, schließt sich eine Tür, die sich nicht mehr von selbst öffnet.

Zweitens, die Kommunikation war in den Jahren davor oft funktional geworden. Das heißt, das Paar hatte über Termine geredet, über die Kinder, über das Haus, über die Eltern, über den Urlaub. Aber selten über das, was wirklich los war: was den einen beunruhigt, was die andere sich wünscht, wovor sie Angst haben, was sie vermissen. In den Wochen vor einer Affäre fühlt sich oft an, als gäbe es einen ganzen Bereich des inneren Lebens, der zu Hause nicht stattfindet, und der drüben, in der Whatsapp-Korrespondenz mit dem anderen, plötzlich Raum bekommt.

Drittens, das Paar hatte oft keine gemeinsamen neuen Projekte mehr. Die alten Projekte (Kinder großziehen, Haus bauen, Karriere absichern) waren entweder abgeschlossen oder kurz davor. Die neuen Projekte waren nie definiert worden. Wer in dieser Lebensphase nur noch nebeneinander funktioniert, ohne dass es etwas Drittes gibt, das beide brauchen oder wollen, ist anfälliger für die Versuchung, das Dritte woanders zu suchen.

Viertens, oft hatte einer der Partner (häufig die Frau) bereits Reizbarkeit, Wut oder Erschöpfung als Wechseljahre-Symptom gespürt, und das war im häuslichen Alltag eskaliert. Wir haben das im Artikel Reizbarkeit in den Wechseljahren und was sie mit der Partnerschaft macht beschrieben. Wenn die hormonelle Reizbarkeit jeden Abend kleine Konflikte produziert, wirkt jeder andere Mann, der ruhig zuhört und nicht reagiert, im Vergleich wie eine Erholung.

Das ist keine vollständige Liste, aber sie deckt die häufigsten Vorgeschichten ab. Wer in einer Beziehung ist und merkt, dass drei oder vier dieser Punkte zutreffen, ist nicht unrettbar gefährdet, aber das Frühwarnsystem ist angesprungen. Es lohnt sich, hinzuschauen.

Was die Affäre meistens wirklich bedeutet

Hier ist die ehrliche Diagnose, die in den meisten Mid-Life-Affären zutrifft, und die die wenigsten Beteiligten in dem Moment sehen können. Die Affäre ist meistens nicht der Anfang einer neuen Liebe. Sie ist ein Symptom einer ungelebten Frage. Die Frage lautet ungefähr: "Wer bin ich, wenn die Rolle als Mutter, Ehefrau und Versorgerin sich verändert? Bin ich noch eine Person mit eigenem Begehren, eigener Energie, eigenem Wert? Werde ich noch gesehen?"

Wenn diese Frage nicht innerhalb der eigenen Person und innerhalb der eigenen Beziehung Antworten findet, sucht sie sich einen Ausdruck nach außen. Manchmal ist das ein Sport, ein neues Studium, eine kreative Arbeit, eine Reise. Manchmal ist es eine Affäre. Das Ergebnis der Affäre, wenn sie auffliegt oder beendet wird, ist oft eine harte Erkenntnis: Der andere Mann konnte das Problem nicht lösen. Er konnte für ein paar Wochen die Symptome dämpfen, weil das Begehrt-Werden ein vorübergehendes Hochgefühl produziert hat. Aber die Identitätsfrage war nach der Affäre genauso offen wie davor, jetzt nur in einer komplizierteren Beziehung.

Das ist die Erfahrung, die Esther Perel in ihrer Praxis Tausende Male dokumentiert hat. Frauen, die nach einer Affäre weinend bei ihr sitzen und sagen: "Ich wollte ihn nie verlassen. Ich wollte nur wieder spüren, wer ich bin." Das ist eine Sehnsucht, die ernst zu nehmen ist. Sie ist nicht die Antwort, dass eine Affäre die richtige Reaktion war. Aber sie ist die Information, dass etwas in dir Aufmerksamkeit braucht, das du in den letzten Jahren übersehen hast.

Was du tun kannst, statt etwas zu tun

Wenn du gerade in der Phase bist, in der eine Affäre auf dem Tisch liegt, in der Vorstellung oder in der ersten realen Berührung, gibt es ein paar Schritte, die viele Frauen rückblickend als die wichtigeren bezeichnen, als die Affäre selbst.

Eine ehrliche Selbst-Bestandsaufnahme. Setz dich hin, vielleicht mit einem Notizbuch, und beantworte für dich allein einige Fragen, ohne sofort eine Lösung zu suchen. Was vermisse ich gerade in meinem Leben, das nicht der konkrete Mann ist? Wann habe ich mich das letzte Mal lebendig gefühlt, ohne dass jemand anderes daran beteiligt war? Was würde ich tun, wenn die Affäre keine Option wäre? Diese Fragen sind unbequem, und sie sind oft der Anfang einer Bewegung, die nichts mit dem anderen Mann zu tun hat. Ein ehrliches Gespräch mit dem Partner, bevor etwas passiert. Das ist der Schritt, den 90 Prozent der Frauen in dieser Phase überspringen, und der oft den größten Effekt hat. Nicht das Gespräch über die Affäre, sondern das Gespräch über das, was du gerade durchmachst. Über die Wechseljahre, über die Identitätsfrage, über das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden, über die körperliche Veränderung. Viele Partner haben keine Ahnung, was im anderen vorgeht. Manche reagieren, wenn sie es erfahren, besser, als die Frau erwartet hatte. Andere reagieren nicht gut, und auch das ist eine Information, die hilft. Den Sex zu Hause ehrlich ansehen. Wenn der Sex in der Beziehung in den letzten Jahren leise gestorben ist, gibt es zwei Möglichkeiten: entweder ihr habt nie wirklich miteinander darüber geredet, was sich verändert hat, oder ihr habt versucht, was nicht funktioniert hat, und seid in einer stillen Resignation gelandet. Beides ist veränderbar. Vaginale Trockenheit ist gut behandelbar, mit Befeuchtungsmitteln, lokalen Östrogen-Präparaten und bewusster Annäherung. Wenn die Libido als solche das Hauptthema ist, lohnt sich der Artikel zum Libidoverlust in den Wechseljahren. Und in einigen Fällen ist es sinnvoll, mit der Gynäkologin über eine niedrig dosierte Testosteron-Substitution zu sprechen, die als Off-Label-Anwendung in Deutschland möglich ist, wenn der Leidensdruck hoch ist. Die hormonelle Frage klären. Ein Teil der inneren Unruhe in dieser Phase ist hormonell. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem HRT-Stand 2026 und ein Termin bei einer auf Wechseljahre spezialisierten Gynäkologin können viele Symptome dämpfen, die im inneren Klima eine Rolle spielen. Das löst die Beziehungsfrage nicht. Es nimmt aber ein paar Schichten von ihr ab, sodass du klarer siehst, was eigentlich übrig bleibt. Distanz zum anderen Mann, mindestens vorübergehend. Das ist der härteste Schritt, weil es sich anfühlt wie Verzicht auf das einzige, was sich gerade gut anfühlt. Aber praktisch: Solange du täglich mit Tobias schreibst, ist jede Reflexion darüber, was du wirklich willst, durch das ständige Dopamin-Signal aus seiner Korrespondenz verzerrt. Vier bis sechs Wochen Funkstille schaffen den Raum, in dem du dich selbst wieder hören kannst. Wenn du nach diesen sechs Wochen immer noch das Gefühl hast, die Beziehung zu deinem Mann sei das eigentliche Problem, ist das eine wichtige Information. Wenn du nach zwei Wochen denkst, "warum war ich eigentlich kurz davor, alles wegzuwerfen", ist das auch eine wichtige Information. Eine externe Stimme suchen, bevor es zu spät ist. Eine Therapeutin, eine Paartherapeutin, eine erfahrene Freundin, die nicht in der Situation steckt. Manchmal eine Coach, manchmal eine spirituelle Begleiterin, manchmal die alte Mentorin, die einen seit Jahren kennt. Wichtig ist nicht das Setting, sondern dass jemand zuhört, der nicht selbst Teil des Dramas ist.

Wann eine Paartherapie der nächste Schritt ist

Eine Paartherapie ist nicht das Eingeständnis, dass die Beziehung gescheitert ist. Sie ist das Eingeständnis, dass die Beziehung wichtig genug ist, in sie zu investieren, bevor sie wirklich kippt. Das Gottman-Institut hat in mehreren Studien dokumentiert, dass Paare im Durchschnitt sechs Jahre warten, bevor sie professionelle Hilfe suchen. Das ist meistens fünf Jahre zu lang.

Konkrete Anhaltspunkte, wann eine Paartherapie sinnvoll ist, ohne dass eine Affäre schon passiert ist: wenn ihr seit Monaten in derselben Streit-Schleife steckt und keiner mehr weiß, wie ihr raus sollt. Wenn der Sex seit langem nicht mehr stattfindet und ihr nicht darüber reden könnt. Wenn einer von euch sich emotional zurückgezogen hat und der andere das nicht durchbrechen kann. Wenn ihr nebeneinander lebt und nicht miteinander. Wenn eine größere Lebensphase ansteht (Auszug der Kinder, Renten-Perspektive, ein Umzug) und ihr nicht wisst, wie ihr sie gemeinsam gestalten wollt.

Nach einer aufgeflogenen Affäre ist die Paartherapie fast immer die richtige Anlaufstelle, wenn beide Partner die Beziehung erhalten wollen. Sie ist keine Garantie. Aber sie ist die geordnetste Möglichkeit, die Verletzung und die Wut auf der einen Seite und die Schuld und das, was zur Affäre geführt hat, auf der anderen Seite in einem geschützten Rahmen zu bearbeiten. Ohne Therapie ist die Rückkehr zur stabilen Beziehung möglich, aber sie ist deutlich schwieriger und dauert länger.

Wenn die Beziehung gewalttätig ist, oder wenn Sucht eine Hauptrolle spielt, oder wenn einer der Partner sich nicht in den Prozess einbringen will, ist Paartherapie nicht die erste Empfehlung. Dann braucht es einzelne Therapieprozesse zuerst.

Was die meisten Frauen nach der Phase rückblickend sagen

Wir haben in informellen Gesprächen mit Frauen, die diese Phase hinter sich haben, immer wieder dasselbe gehört. Egal, ob sie eine Affäre gehabt hatten oder ob sie kurz davor stehen geblieben waren: Im Rückblick war das, was sie wirklich gesucht hatten, nicht der andere Mann. Was sie gesucht hatten, war ein Zugang zu sich selbst, der ihnen verloren gegangen war. Manche haben den Zugang über eine Affäre gefunden, mit hohen Kosten für die Familie und für sich selbst. Manche haben ihn über Therapie und Selbstreflexion gefunden. Manche haben ihn über eine vollständige Veränderung des Berufes oder der Wohnsituation gefunden. Manche über eine neue körperliche Praxis wie Tanzen, Klettern, Krafttraining.

Die wichtigste Erkenntnis, die sich in fast allen dieser Geschichten wiederholt, ist diese: Die Wechseljahre sind nicht das Ende von etwas. Sie sind ein Übergang in eine andere Phase, in der die Frage nach dem eigenen Begehren, der eigenen Energie und der eigenen Bedeutung neu beantwortet werden will. Wer diese Frage ernst nimmt, kommt nach drei bis fünf Jahren oft auf eine Art aus dieser Phase heraus, in der sie sich selbst besser kennt als je zuvor, und in der die Beziehung, wenn sie überlebt hat, oft tiefer ist als vorher.

Die Affäre ist ein möglicher Weg, diese Frage zu stellen, und sie ist der teuerste. Es gibt günstigere Wege, und sie sind nicht weniger wirksam.

Was du in den nächsten Wochen tun kannst

  • Wenn gerade konkret etwas droht: vier bis sechs Wochen Funkstille zum anderen, ohne große Erklärung. Du brauchst den Raum, um klar zu denken.
  • Ein Notizbuch anlegen, in das du jeden Abend zehn Minuten schreibst, ohne Filter. Was war heute, was hat sich gut angefühlt, was hat gefehlt, was kommt immer wieder hoch. Nach zwei Wochen hast du ein erstaunlich klares Bild deiner inneren Bewegung.
  • Mit deinem Partner ein Gespräch suchen, das kein Vorwurfs-Gespräch ist, sondern ein "Ich erzähle dir, was bei mir gerade los ist"-Gespräch. Ein Spaziergang ist ein besserer Rahmen als das Sofa.
  • Bei der Gynäkologin einen Termin zum Thema Perimenopause machen. Hormonelles Profil, Symptome ehrlich besprechen, HRT-Optionen prüfen, Libido- und Sex-Themen offen ansprechen. Es ist eine Sprechstunde, kein Geständnis.
  • Wenn der Sex zu Hause körperlich unangenehm geworden ist, das Thema vaginale Trockenheit konkret angehen. Lokale Östrogen-Therapie ist in dieser Indikation gut etabliert und nebenwirkungsarm.
  • Wenn die Reizbarkeit den Alltag mit dem Partner überlagert, das Thema Reizbarkeit und Partnerschaft als gemeinsame Aufgabe ansehen, nicht als individuelles Versagen.
  • Eine Paartherapeutin oder eine Einzeltherapeutin suchen, bevor eine akute Krise eintritt. Wartelisten sind oft lang, also frühzeitig anmelden, auch wenn du noch nicht weißt, ob du es brauchst.
  • Eine eigene körperliche Praxis aufbauen, die nichts mit der Familie zu tun hat. Schwimmen, Tanzen, Krafttraining, lange Spaziergänge mit einer Freundin. Etwas, das nur dir gehört.

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Disclaimer

Dieser Artikel ist kein Ersatz für eine Paartherapie, eine Einzeltherapie oder eine gynäkologische Sprechstunde. Wenn du dich in einer akuten Beziehungs-Krise befindest, wenn dir die eigenen Impulse Angst machen, wenn der Leidensdruck hoch ist, gehört das in eine fachliche Begleitung. Adressen für Paartherapie findest du bei der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) und bei der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS). Hausärztinnen und Gynäkologinnen vermitteln auch.

Quellen

  • Janus SS, Janus CL. The Janus Report on Sexual Behavior. Wiley, 1993. Internet Archive
  • Perel E. The State of Affairs: Rethinking Infidelity. Harper, 2017. estherperel.com
  • Brooks D. The Second Mountain: The Quest for a Moral Life. Random House, 2019. Penguin Random House
  • ElitePartner-Studie 2020: Untreue in Beziehungen in Deutschland. Statista
  • ElitePartner-Studie 2020: Gründe für Untreue nach Geschlecht. Statista
  • Parship 2024: Wandel der gesellschaftlichen Bewertung von Affären. ZDF heute
  • Davis SR, Wahlin-Jacobsen S. Testosterone in women: The clinical significance. Lancet Diabetes Endocrinol 2015;3(12):980 bis 992.
  • Davis SR, Baber R, Panay N, et al. Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. J Clin Endocrinol Metab 2019;104(10):4660 bis 4666.
  • A.Vogel: Empty-Nest-Syndrom in den Wechseljahren. avogel.de
  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Gesundheit im mittleren Lebensalter (Frauengesundheitsbericht). bmfsfj.de
  • Gottman J, Silver N. The Seven Principles for Making Marriage Work. Crown, 1999. (Grundlagenwerk zur Paartherapie und Frühwarn-Indikatoren)
  • Limes Schlossklinik: Midlife Crisis bei Frauen. limes-schlosskliniken.de
  • Feulner T. Ist Paartherapie nach einer Affäre sinnvoll? theresafeulner.com
  • DGGG/OEGGG/SGGG S3-Leitlinie "Peri- und Postmenopause: Diagnostik und Interventionen", AWMF 015-062, September 2020.

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