In SURMOUNT-1, der großen Zulassungsstudie für Tirzepatid (Mounjaro), wurden 2.539 Menschen mit Übergewicht oder Adipositas 72 Wochen lang beobachtet. Bei genau 160 von ihnen schaute man genauer hin: Sie bekamen zu Beginn und am Ende eine DXA-Messung, das ist ein Röntgenverfahren, das Fett, Magermasse und Knochen auseinanderhält. Das Ergebnis, 2025 in „Diabetes, Obesity and Metabolism" veröffentlicht: Das Körpergewicht sank unter Tirzepatid im Mittel um 21,3 Prozent, die Fettmasse um 33,9 Prozent, die Magermasse um 10,9 Prozent. Unter Placebo waren es 5,3, 8,2 und 2,6 Prozent (Look et al., PMID 39996356).
Magermasse klingt nach Muskeln, ist aber ein Sammelbegriff. Dazu zählen auch Wasser, Organe und Bindegewebe. Trotzdem ist die Zahl der Grund, warum viele Frauen ab 45 beim Gedanken an die Abnehmspritze zweimal schlucken: In den Wechseljahren baut der Körper ohnehin Muskeln ab, und jetzt soll noch ein Medikament dazukommen, das den Appetit fast abschaltet? Dieser Artikel sortiert, was die Studien tatsächlich belegen, wo sie schweigen und was du tun kannst, wenn du (oder deine Ärztin) über eine solche Spritze nachdenkst. Eine Therapieempfehlung ist das nicht. Ob eine Abnehmspritze für dich infrage kommt, entscheidet eine Ärztin, die deine Krankengeschichte kennt.
Was Semaglutid und Tirzepatid eigentlich tun
Wegovy enthält Semaglutid, Mounjaro enthält Tirzepatid. Beide werden einmal pro Woche gespritzt und ahmen Darmhormone nach, die Sättigung signalisieren. Tirzepatid spricht zusätzlich den GIP-Rezeptor an. Der praktische Effekt: Du hast weniger Hunger, isst weniger und nimmst ab.
Die Zulassung ist enger, als es die Werbung in sozialen Netzwerken vermuten lässt. Laut europäischer Fachinformation ist Wegovy zugelassen „as an adjunct to a reduced-calorie diet and increased physical activity", also als Ergänzung zu kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung, bei einem BMI ab 30 oder ab 27 mit mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung oder Schlafapnoe (EMA, EPAR Wegovy, Abschnitt 4.1). Von einer Spritze für Wunschgewicht steht dort nichts.
Die Wirkung auf die Waage ist beeindruckend. In STEP 1 nahmen 1.961 Erwachsene ohne Diabetes 68 Wochen lang Semaglutid 2,4 mg oder Placebo, jeweils zusätzlich zu einer Lebensstilberatung. Im Schnitt sanken die Teilnehmenden um 14,9 Prozent ihres Gewichts, unter Placebo um 2,4 Prozent (Wilding et al., New England Journal of Medicine 2021, PMID 33567185). Dass daneben auch Muskeln schwinden, war von Anfang an bekannt. Bloß stand die Frage lange nicht im Zentrum.
Wie viel Muskel geht verloren?
Beide Fachinformationen enthalten dazu einen Absatz, und er ist vorsichtig formuliert. Bei Wegovy heißt es, in einer Teilstudie von STEP 1 mit 140 Teilnehmenden habe die DXA-Messung eine stärkere Abnahme der Fettmasse als der Magermasse gezeigt, „most of the total weight loss was attributable to a reduction in fat tissue". Für Mounjaro steht in der Fachinformation Ähnliches zur SURMOUNT-1-Teilstudie (EMA, EPAR Wegovy und Mounjaro, Abschnitt 5.1, „Effect on body composition"). Das stimmt, ist aber nur die halbe Rechnung. Weniger Magermasse als Fettmasse heißt nicht, dass die Magermasse unangetastet bleibt.
Wie groß der Anteil ist, hat eine Metaanalyse von 22 randomisierten Studien mit 2.258 Teilnehmenden zusammengetragen. Danach machte die Magermasse ungefähr 25 Prozent des verlorenen Gewichts aus. Weil auch das Gesamtgewicht sinkt, blieb der relative Anteil der Magermasse am Körper praktisch unverändert. Zugleich fiel auf: Tirzepatid in der höchsten Dosis und Semaglutid 2,4 mg waren am wirksamsten bei Gewicht und Fett, aber unter den schwächeren, wenn es darum ging, Magermasse zu erhalten (Karakasis et al., Metabolism 2025, PMID 39719170).
Eine neuere Auswertung von 20 Studien mit 15.782 Teilnehmenden kommt zu ähnlichen Werten, aber mit einer überraschenden Pointe. Bei Semaglutid entfielen 35,2 Prozent des verlorenen Gewichts auf Magermasse, bei Tirzepatid 25,4 Prozent, bei Liraglutid 26,8 Prozent. Bei reinen Lebensstilprogrammen ohne Medikament waren es 26,2 Prozent, der Unterschied war statistisch nicht bedeutsam. Wer abnimmt, verliert also fast immer auch Magermasse, mit oder ohne Spritze. Am günstigsten war das Verhältnis bei Programmen mit Krafttraining: 17,5 Prozent (Diabetes, Obesity and Metabolism 2026, PMID 41877354).
Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens stammt die SURMOUNT-1-Teilstudie von Eli Lilly selbst, mehrere Autoren sind Angestellte des Herstellers, und mit 160 Personen ist sie klein. Zweitens messen alle diese Studien Magermasse, nicht Kraft. Eine Metaanalyse von 60 Arbeiten (46 randomisierte Studien) fand durchgängig weniger Magermasse unter GLP-1-Mitteln, bewertete die Sicherheit dieser Aussage aber als niedrig, weil die Studien sehr unterschiedlich ausfielen. Die Abnahme hing zudem weitgehend mit dem Gewichtsverlust zusammen. Ob daraus spürbar schwächere Muskeln werden, ist laut den Autorinnen und Autoren offen (Beaudart et al., Drugs 2026, PMID 42730869).
Was in den Wechseljahren anders ist
Hier wird es unbequem, denn menopausenspezifische Daten sind dünn. Eine Übersichtsarbeit in „Maturitas" fasst zusammen: In Post-hoc-Analysen der Zulassungsstudien nahmen Frauen nach der Menopause ähnlich stark ab wie Frauen davor. Die Sorge ist eine andere. Der Östrogenmangel lässt Muskel- und Knochenmasse ohnehin schneller schwinden, und eine große Gewichtsabnahme könnte das verstärken. Die Autorinnen halten fest, dass der Magermasseverlust meist proportional zum Gewichtsverlust ausfällt und oft von besserer selbst berichteter körperlicher Funktion begleitet wird. Sie betonen aber auch, dass kaum eine Studie Kraft oder Leistungsfähigkeit als Hauptziel untersucht hat (Maturitas 2026, PMID 42933336).
Die Spanische Menopausengesellschaft hat im Oktober 2026 ein Positionspapier veröffentlicht. Die meisten direkten Daten für Frauen in den Wechseljahren gibt es demnach für Semaglutid, sie sind begrenzt und überwiegend Beobachtungsdaten. Für Tirzepatid fehlt die menopausenspezifische Auswertung noch. Bemerkenswert ist ein Satz zur Hormontherapie: Ein Zusammenhang zwischen gleichzeitiger Hormontherapie und stärkerem Gewichtsverlust unter Semaglutid sei eine Hypothese, und er solle nicht dazu führen, eine Hormontherapie nur wegen des Gewichts zu beginnen (Maturitas 2026, PMID 42664617). Was sonst gegen die Gewichtszunahme in dieser Phase hilft, steht im Artikel zur Gewichtszunahme in den Wechseljahren.
Eine dritte Arbeit, ein Mini-Review zu Semaglutid bei Frauen nach der Menopause, bleibt ebenfalls vorsichtig: Schutz durch ausreichend Eiweiß und Krafttraining sei plausibel, die Belege speziell für Frauen unter Semaglutid aber „indirekt" (Maturitas 2026, PMID 42772087). Wer eine klare Ansage sucht, wird enttäuscht. Mehr gibt der Stand nicht her.
Wie stark die Muskulatur in dieser Lebensphase ohnehin unter Druck gerät, steht im Beitrag zur Muskelschwäche in den Wechseljahren. Und wo das Fett sitzt, das beim Abnehmen verschwindet, erklärt der Text zum Bauchfett in den Wechseljahren. Gerade das tiefe Bauchfett ist der Teil, bei dem die Spritze ihre Stärke ausspielt, die Fachinformation spricht ausdrücklich von einer Abnahme des viszeralen Fetts.
Und die Knochen?
Eine Frau in den Wechseljahren verliert Knochen schneller, die Hintergründe stehen im Artikel zur Osteoporose-Vorsorge. Abnehmen belastet das Skelett zusätzlich, weil weniger Körpergewicht weniger Reiz für den Knochen bedeutet. Wie schlägt sich das bei den Spritzen nieder?
Die Datenlage ist dürftig. Die Metaanalyse von 60 Arbeiten fand weder bei der Knochendichte noch bei Brüchen einen Effekt (PMID 42730869). Ein systematischer Review aus Oktober 2026 betrachtete dagegen nur randomisierte Studien mit Knochendichtemessung: acht Studien, 493 Teilnehmende, vier verschiedene Wirkstoffe, die Evidenz bei jedem Wirkstoff „sehr niedrig". Die Autorinnen und Autoren schreiben, sie reiche nicht aus, um die Wirkung auf das Skelett festzulegen. Auffällig ist die einzige Semaglutid-Studie darin mit 64 Teilnehmenden und dem größten Gewichtsverlust: Dort sank die Knochendichte der Lendenwirbelsäule um 0,018 g/cm², und ein Knochenabbaumarker (CTX) stieg. Auch unter Liraglutid 3,0 mg ging in der einzigen Studie bei Menschen ohne Diabetes die Dichte an Wirbelsäule und Hüfte zurück (Lai et al., Archives of Osteoporosis 2026, PMID 42920024).
Was heißt das? Dass die Knochen unter der Spritze gesichert Schaden nehmen, lässt sich nicht sagen. Dass alles in Ordnung ist, aber auch nicht. Gerade für Frauen mit niedriger Knochendichte, früherer Fraktur oder familiärer Vorbelastung ist es ein Thema fürs Arztgespräch, bevor die Spritze beginnt.
Eiweiß: Was die Studien vorschlagen und was sie nicht belegen
Wenn der Appetit nachlässt, rutscht Eiweiß schnell hinten runter. Ein Steak ist mühsam, wenn man nach drei Gabeln satt ist. Eine Übersichtsarbeit zur Ernährung in der GLP-1-Ära schlägt deshalb vor: mindestens 1,2 g Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht am Tag, bei Gesunden ohne chronische Nierenerkrankung bis 1,6 g/kg, verteilt auf die Mahlzeiten mit etwa 0,3 bis 0,4 g/kg je Mahlzeit. Dazu Krafttraining und die Kontrolle von Vitamin D, B12, Eisen und Folat (Clin Nutr ESPEN 2026, PMID 42036071).
Wichtig ist, wie diese Zahlen einzuordnen sind. Es ist ein Vorschlag aus einem Übersichtsartikel, kein Studienbeweis dafür, dass diese Menge unter einer Abnehmspritze Muskeln rettet. Die Studie, die das prüfen soll, läuft noch. Das Protokoll von LEAN-PREP, einer Studie in Kuwait mit 232 Erwachsenen unter Semaglutid oder Tirzepatid, sieht vier Gruppen vor: Kontrolle, Krafttraining, Eiweiß (1,6 g/kg) oder beides (Protokoll in BMJ Open 2026, PMID 42020128). Ergebnisse stehen aus.
Eine Rechnung zum Anfassen: Wer 75 Kilogramm wiegt, landet bei 1,2 g/kg bei 90 Gramm Eiweiß am Tag, bei 1,6 g/kg bei 120 Gramm. Bei Nierenerkrankungen ist so viel Eiweiß ausdrücklich nicht für jede Frau geeignet. Das gehört in ärztliche Hand, am besten mit einer Ernährungsberatung.
Ein zweiter praktischer Punkt steht in der Fachinformation von Wegovy: Erbrechen und Durchfall können zu Flüssigkeitsmangel führen, in seltenen Fällen mit Verschlechterung der Nierenfunktion, und Patientinnen sollen auf dieses Risiko hingewiesen werden (EMA, EPAR Wegovy, Abschnitt 4.4). Wer wenig isst und zu wenig trinkt, tut seinen Muskeln keinen Gefallen.
Krafttraining: der Teil, für den es die besten Hinweise gibt
Der stärkste Befund dieses Themas steht oben schon: Bei Lebensstilprogrammen mit Krafttraining ging nur etwa jedes sechste verlorene Kilo auf die Magermasse (17,5 Prozent), ohne Krafttraining war es etwa jedes vierte (PMID 41877354). Das gilt für Programme ohne Medikament. Ob die Spritze das Bild verändert, prüfen erst laufende Studien. Dass Muskelreize den Verlust bremsen, ist biologisch aber das Naheliegende.
Ein Übersichtsartikel zu Lebensstil als Begleittherapie ordnet es so ein: Krafttraining erhält Muskelkraft, Knochengesundheit und Alltagsfähigkeit, Ausdauer stützt Herz und Kreislauf. Er rät, Bewegung als Teil der Therapie zu sehen und nicht als Kalorienverbrenner (Nutrients 2026, PMID 42738922).
Für den Einstieg brauchst du kein Studio mit Trainerin. Wie ein vernünftiger Anfang aussieht, steht im Krafttraining-Guide für Frauen ab 45. Das LEAN-PREP-Protokoll plant zum Beispiel drei Einheiten pro Woche zu Hause, mit einem und später bis zu drei Sätzen für die großen Muskelgruppen. Wenn Hunger und Energie unter der Spritze niedrig sind, ist eine kurze Einheit besser als gar keine.
Was du vor der Entscheidung klären solltest
Ob eine Abnehmspritze zu dir passt, hängt an Dingen, die ein Artikel nicht beurteilen kann. Als Gesprächsgrundlage für die Praxis taugen diese Fragen:
- Erfülle ich die Zulassungskriterien (BMI, Begleiterkrankungen)?
- Wie sieht meine Knochendichte aus, und gibt es Risikofaktoren für Osteoporose?
- Wie viel Eiweiß esse ich aktuell, und wie lässt sich das bei wenig Appetit sichern?
- Wie trainiere ich Kraft, und kann ich damit schon vorher beginnen?
- Was passiert nach dem Absetzen? Die Übersicht zur Lebensstil-Begleittherapie nennt Gewichtswiederzunahme nach dem Ende der Behandlung ausdrücklich als Problem (PMID 42738922).
Zur Kostenfrage nur so viel: Nach § 34 Abs. 1 SGB V sind Arzneimittel, die überwiegend der Abmagerung, der Zügelung des Appetits oder der Regulierung des Körpergewichts dienen, von der Versorgung der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Wie das im Einzelfall gehandhabt wird, klärst du mit Praxis und Kasse.
Fazit
Wer mit einer Abnehmspritze abnimmt, verliert Fett und Magermasse, grob im Verhältnis drei zu eins, bei Semaglutid in manchen Auswertungen etwas ungünstiger. Das ist kein Sonderfall der Spritze, ähnlich sieht es bei Diäten aus. Was fehlt, sind gute Daten dazu, ob Krafttraining und mehr Eiweiß unter diesen Medikamenten genau das leisten, was man sich davon verspricht, und was die Medikamente speziell bei Frauen in den Wechseljahren mit dem Skelett machen. Du musst nicht auf diese Studien warten, um Krafttraining zu beginnen. Aber du solltest die Spritze nicht wie eine reine Gewichtsfrage behandeln. Sie verändert den ganzen Körper, und die Muskeln gehören dazu.
Quellen
- EMA: Wegovy, Product Information (EPAR), Abschnitte 4.1, 4.4 und 5.1; EMA: Mounjaro, Product Information (EPAR), Abschnitt 5.1
- Wilding JPH et al., N Engl J Med 2021;384:989-1002 (STEP 1), PMID 33567185
- Look M et al., Diabetes Obes Metab 2025;27:2720-2729 (SURMOUNT-1, DXA-Teilstudie), PMID 39996356
- Karakasis P et al., Metabolism 2025;164:156113, PMID 39719170
- Lean Mass Changes With Incretin Therapy Versus Lifestyle Intervention, Diabetes Obes Metab 2026;28:4818-4827, PMID 41877354
- Beaudart C et al., Drugs 2026;86:1661-1691, PMID 42730869
- Lai CH et al., Arch Osteoporos 2026;21:148, PMID 42920024
- Incretin-based therapies in menopause: Current landscape, Maturitas 2026;215:109159, PMID 42933336
- Incretin-based therapies in peri- and postmenopausal women with obesity, Spanish Menopause Society, Maturitas 2026;213:109101, PMID 42664617
- Semaglutide in postmenopausal women, Maturitas 2026;214:109129, PMID 42772087
- Medical nutrition in the GLP-1 era, Clin Nutr ESPEN 2026, PMID 42036071
- LEAN-PREP Studienprotokoll, BMJ Open 2026, PMID 42020128
- Lifestyle Medicine as Co-Therapy During Incretin-Based Anti-Obesity Pharmacotherapy, Nutrients 2026, PMID 42738922
- § 34 SGB V, gesetze-im-internet.de
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