Sie ist 55, sitzt seit sechs Wochen mit einem Zettel in der Handtasche in der Praxis eines Orthopäden am Oberhausener Ring, und auf dem Zettel steht ein Wort, das sie vorher noch nie gehört hat: gluteale Tendinopathie. Der Hausarzt hatte auf Ischias getippt, der Radiologe hatte ein MRT der Lendenwirbelsäule gemacht (nichts), die Physiotherapeutin an der Ecke hatte an eine Arthrose gedacht und ein Röntgenbild der Hüfte empfohlen (auch nichts). Und jetzt sitzt sie also hier, und der Orthopäde tastet mit dem Zeigefinger genau die Stelle ab, die sie seit Wochen morgens beim Aufstehen fluchen lässt, seitlich am Oberschenkel, eine Handbreit unterhalb der Beckenkante, und er drückt einmal fest zu, und sie zuckt so heftig zusammen, dass sie beinahe vom Untersuchungstisch fällt.
Genau da, sagt er. Das ist keine Arthrose. Das ist auch kein Bandscheibenvorfall. Das ist die Sehne. Und mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit hat das mit deinem Hormonstatus zu tun.
Sie hat, was Ärztinnen und Sportmediziner seit einigen Jahren zunehmend als eigenständiges Krankheitsbild verstehen: eine Degeneration der Sehnenansätze der Gluteus-medius- und Gluteus-minimus-Muskulatur am Trochanter major, dem seitlichen Knochenvorsprung des Oberschenkelknochens. In der englischsprachigen Literatur heißt das Greater Trochanteric Pain Syndrome oder kurz GTPS. Der medizinische Fachbegriff auf Deutsch, gluteale Tendinopathie, sagt zwei Dinge: erstens, es geht um die Gluteal-Sehnen. Zweitens, es geht um eine Sehnen-Degeneration, nicht um eine akute Entzündung. Wenn du also mit "Bursitis trochanterica" abgefertigt wirst und Kortison-Spritzen bekommst, ist die Diagnose zu drei Vierteln falsch. Aktuelle histologische Studien zeigen, dass der Schleimbeutel selten der Ausgangspunkt ist, sondern höchstens ein Nebenschauplatz einer chronisch gereizten Sehne. Die Übersichtsarbeit im StatPearls-Lexikon der medizinischen Fortbildung fasst zusammen, was inzwischen Konsens ist: In den allermeisten Fällen von seitlichem Hüftschmerz sind die Sehnenansätze der Glutealmuskulatur das Problem, und der Schleimbeutel spielt eine Nebenrolle.
Und das ist nicht irgendein Nischenphänomen. Die groß angelegte Bevölkerungsstudie Segal et al. in den Archives of Physical Medicine and Rehabilitation00302-4/abstract) hat über 3.000 Erwachsene zwischen 50 und 79 Jahren untersucht. Das Ergebnis: Fast jede vierte Frau in dieser Altersspanne hat ein-oder beidseitig GTPS. Bei Männern liegt die Prävalenz bei acht Prozent. Eine Frau erkrankt also gut dreimal so häufig wie ein Mann in derselben Altersgruppe. Und wenn du jetzt versuchst herauszufinden, warum das so ist, landest du unweigerlich beim Östrogen.
Was gluteale Tendinopathie eigentlich ist
Um zu verstehen, was da passiert, hilft ein kurzer Blick auf die Anatomie. Der Trochanter major ist der seitliche Knochenvorsprung am oberen Ende des Oberschenkelknochens, den du selbst tasten kannst, wenn du seitlich mit der flachen Hand auf die Hüfte drückst. An diesem Knochenpunkt setzen mehrere Muskeln an, die für die seitliche Stabilisierung des Beckens beim Gehen zuständig sind. Die wichtigsten sind Gluteus medius (der breite fächerförmige Muskel oberhalb des Trochanters) und Gluteus minimus (der kleinere Muskel darunter). Diese beiden Muskeln halten dein Becken waagerecht, wenn du auf einem Bein stehst. Ohne sie würdest du bei jedem Schritt auf die andere Seite abkippen, der sogenannte Trendelenburg-Gang, den man bei Menschen mit ausgeprägter Glutealschwäche gelegentlich sieht.
Die Sehnen dieser beiden Muskeln inserieren beide am Trochanter major, und genau an dieser Insertionsstelle passiert bei einer glutealen Tendinopathie das Problem. Die Sehnenfasern degenerieren, das heißt, das Kollagen wird ungeordneter, wasserreicher, weniger elastisch. Kleine Einrisse können entstehen, in fortgeschrittenen Fällen auch echte Teilrupturen. Der Körper versucht zu reparieren, aber die Reparatur ist unvollständig, weil die Sehne bei jedem Schritt weiter belastet wird und die entzündungshemmenden Prozesse durch den Östrogenmangel gedämpft ablaufen. Das Ergebnis ist eine chronisch gereizte, degenerierte Sehne, die auf mechanische Belastung mit Schmerz reagiert.
Die klassischen Beschwerden sind unverkennbar, wenn du weißt, worauf du achten musst. Erstens: Schmerz genau seitlich am Trochanter, tastbar, oft mit einem Ausstrahlungsmuster nach unten in die Außenseite des Oberschenkels bis zum Knie. Zweitens: Schlimmer beim Liegen auf der betroffenen Seite, weil das eigene Körpergewicht die schon gereizte Sehne komprimiert. Drittens: Schlimmer beim Aufstehen nach längerem Sitzen, weil die Sehne im gebeugten Zustand komprimiert wird und erst wieder auf Länge kommen muss. Viertens: Schlimmer beim Treppensteigen und Bergaufgehen, weil die Glutealmuskulatur da besonders arbeiten muss. Wenn du drei von diesen vier Punkten nickst, ist eine gluteale Tendinopathie sehr wahrscheinlich, und du solltest die Diagnose beim Orthopäden ausdrücklich ansprechen.
Warum sich die Wechseljahre so stark auswirken
Bis hierhin ist das eine Orthopädie-Geschichte, die auch ohne Wechseljahre existiert. Aber die Zahlen sind zu eindeutig, um das Hormon-Thema wegzudiskutieren. Warum drei Frauen auf einen Mann? Warum das Häufigkeitsmaximum genau zwischen 50 und 70, also parallel zur Post-Menopause?
Die Antwort liegt in der Biologie der Sehne. Sehnen sind kein totes Bindegewebsstück, sondern lebendes Gewebe mit einem eigenen Zellstoffwechsel. Die Zellen darin heißen Tenozyten und produzieren ständig neues Kollagen, um Mikroverletzungen zu reparieren. Die Kollagensynthese in Tenozyten wird von einer ganzen Reihe hormoneller Signale reguliert, und Östrogen ist einer der wichtigsten davon. Eine klassische Studie im Journal of Applied Physiology aus 2008 hat postmenopausale Frauen mit und ohne Östrogen-Ersatztherapie verglichen und die Kollagen-Neubildungsrate in der Patellasehne direkt gemessen. Ergebnis: Bei Frauen unter Östrogenersatz war die Kollagen-Neubildungsrate signifikant höher, und die Sehne hatte eine gesündere Faserstruktur mit mehr kleinen, gut vernetzten Kollagenfibrillen. Ohne Östrogen wird das Kollagen langsamer und ungeordneter nachgebaut.
Das erklärt, warum du in deinen Vierzigern und Fünfzigern plötzlich mit Sehnenproblemen zu tun bekommst, die dich vorher nie interessiert haben: Patellasehne, Achillessehne, Rotatorenmanschette, Ellenbogen (Tennisarm), und eben die Glutealsehnen am Trochanter. In der Sportmedizin ist das seit Jahren beobachtet, in einer systematischen Übersichtsarbeit zu weiblichen Sexualhormonen und Sehnen sind die Daten zusammengefasst: Höhere Östrogenspiegel korrelieren mit besserer Sehnenqualität, und der abrupte Abfall in der Menopause geht in vielen Studien mit einer erhöhten Rate an Tendinopathien einher.
Kommt zum Kollagen-Faktor ein zweiter dazu: die Muskelmasse. Östrogen unterstützt indirekt den Muskelaufbau, weil es die Wirkung von Wachstumsfaktoren wie IGF-1 verstärkt. Wenn Östrogen abfällt, sinkt auch die Effizienz, mit der die Glutealmuskeln auf Belastung reagieren. Sarkopenie, also Muskelschwund, betrifft in der Post-Menopause statistisch häufig genau die Beckengürtel-Muskulatur. Eine schwächere Gluteus-medius-Muskulatur bedeutet aber, dass mehr Last auf die Sehnenansätze fällt, weil der Muskel die Bewegung nicht mehr elegant abfängt. Über Monate und Jahre entsteht ein Reizungsmuster, das sich am Sehnenansatz manifestiert. Und drittens gibt es die Fett-Verteilungs-Änderung: viele Frauen legen in der Perimenopause fünf bis zehn Kilogramm zu, und ein Teil davon landet direkt seitlich an Becken und Hüfte. Höhere Last auf einer bereits geschwächten Sehne beschleunigt den Prozess.
Wie du deine Diagnose absicherst
Der schwierigste Teil ist oft nicht die Behandlung, sondern erst einmal den richtigen Namen für das Problem zu bekommen. Ich habe in Foren und Kommentarspalten oft Frauen gesehen, die zwei Jahre lang mit Ischias-Verdacht behandelt wurden, bevor jemand einmal seitlich getastet und ihnen das eigentliche Problem gezeigt hat. Der Weg zur richtigen Diagnose läuft klassisch in drei Schritten.
Erstens: Anamnese und Beschwerdemuster. Wenn du die vier oben beschriebenen Punkte erlebst (seitlicher Trochanter-Schmerz, Seitenlage-Verschlechterung, Anlaufschmerz, Treppen-Schmerz), sag das deinem Arzt oder deiner Ärztin ausdrücklich in dieser Reihenfolge. Der klassische Fehler ist, dass Frauen "Hüftschmerz" sagen, und dann wird sofort an Hüftgelenk und Coxarthrose gedacht. Sag stattdessen: seitlich am Trochanter, tastbar, schlimmer beim Liegen. Das lenkt die Aufmerksamkeit gleich auf die richtige Region.
Zweitens: Klinische Tests. Die australische Physiotherapeutin und Forscherin Alison Grimaldi, die zu diesem Thema seit Jahren die relevantesten Arbeiten veröffentlicht, hat in einer Studie aus 2017 eine Batterie von klinischen Tests validiert. Am aussagekräftigsten sind drei davon. Die Palpation direkt über dem Trochanter, die bei einer Tendinopathie fast immer stark schmerzhaft ist. Der Single Leg Stance Test, bei dem du 30 Sekunden auf dem betroffenen Bein stehst, und wenn der Schmerz seitlich auftritt, spricht das mit hoher Wahrscheinlichkeit für eine gluteale Tendinopathie. Und der FADER-R Test, eine passive Position aus Hüftbeugung, Adduktion und Außenrotation mit isometrischer Innenrotations-Anspannung, bei dem der Sehnenansatz maximal komprimiert wird. Die Spezifität dieser Tests liegt in den Studien zwischen 80 und 90 Prozent, das heißt, ein positiver Test macht eine gluteale Tendinopathie sehr wahrscheinlich.
Drittens: Bildgebung. Die meisten Fälle brauchen keine, weil die Klinik so eindeutig ist. Wenn aber Zweifel bestehen oder eine Teilruptur befürchtet wird, ist der MRT der Goldstandard. Auf T2-gewichteten Aufnahmen sieht man dann Hyperintensitäten am Sehnenansatz, in schwereren Fällen auch echte Faserunterbrechungen. Eine Ultraschalluntersuchung durch einen erfahrenen Untersucher kann Alternative sein. Ein Röntgenbild dagegen hilft nur, um andere Ursachen wie eine Arthrose auszuschließen, denn die Sehne selbst sieht man im Röntgen nicht.
Was von den anderen Diagnosen unterschieden werden muss
Weil so viele Frauen mit dem falschen Etikett behandelt werden, hier eine kurze Sortierung der Differentialdiagnosen. Coxarthrose, die Arthrose des Hüftgelenks, macht Schmerz eher in der Leiste und tief im Gelenk, nicht seitlich am Trochanter. Der Bewegungsradius ist eingeschränkt, besonders die Innenrotation. Auf dem Röntgenbild sieht man Gelenkspaltverschmälerung und Osteophyten. Bei einer glutealen Tendinopathie ist das Röntgen unauffällig, der Bewegungsradius meist normal.
Der Ischias, also eine Reizung des Nervus ischiadicus durch die Bandscheibe, macht typischerweise einen Schmerz, der vom Gesäß über die Rückseite des Oberschenkels bis in die Wade oder den Fuß ausstrahlt, oft begleitet von Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Muskelschwäche. Bei einer glutealen Tendinopathie liegt der Schmerz vorne-seitlich und strahlt maximal bis zum Knie aus, ohne neurologische Ausfälle.
Das Piriformis-Syndrom, eine Reizung des kleinen Piriformis-Muskels tief im Gesäß, macht ähnliche Ausstrahlungen wie ein Ischias, oft mit dumpfem, tief-innerem Schmerz beim langen Sitzen. Die Palpation ist nicht am Trochanter, sondern in der Mitte der Gesäßmuskulatur schmerzhaft.
Die Bursitis trochanterica in ihrer reinen Form ist selten geworden in der Terminologie, weil sich gezeigt hat, dass sie meistens Begleiterscheinung einer glutealen Tendinopathie ist. Trotzdem kann ein akut entzündeter Schleimbeutel isoliert vorkommen, etwa nach einem Sturz auf die Hüfte. Der Schmerz ist dann eher stechend-akut, oft mit Rötung und Wärme über dem Trochanter. Klassische gluteale Tendinopathie ist dagegen ein chronisch schwelender Prozess über Monate.
Und schließlich Hüftgelenkslabrum-Verletzungen, femoroacetabuläres Impingement, Stressfrakturen des Schenkelhalses (bei osteopenischen Frauen relevant) und übertragener Schmerz aus der Lendenwirbelsäule. All das gehört in die Differentialdiagnose. Die gute Nachricht: Ein aufmerksamer Orthopäde oder eine Sportmedizinerin kann diese Möglichkeiten in einer 15-Minuten-Untersuchung ganz gut auseinandersortieren, wenn du klar beschreibst, was du erlebst.
Was wirklich hilft, laut Studienlage
Und jetzt zum eigentlich Wichtigen: was macht man dagegen? Hier gibt es inzwischen eine belastbare Studienlage, und die Ergebnisse widersprechen manchmal dem, was in Praxen noch verordnet wird.
Der Meilenstein der Forschung ist die LEAP-Studie von Kirsten Mellor und Bill Vicenzino, publiziert 2018 im British Medical Journal. Sie haben 204 Frauen mit glutealer Tendinopathie in drei Gruppen randomisiert: erste Gruppe bekam ein strukturiertes Programm aus Physiotherapie plus Schulung, zweite Gruppe bekam eine Kortison-Injektion in den Trochanter, dritte Gruppe bekam nur Aufklärung und Beobachtung ("wait and see"). Nach acht Wochen war die Physio-plus-Schulung Gruppe deutlich besser als die Kortison-Gruppe (77 Prozent zufrieden versus 58 Prozent), und beide waren besser als die Warte-Gruppe. Nach 52 Wochen kippte das Bild dann weiter zugunsten der Physio-Gruppe: Die Kortison-Effekte hatten sich verflüchtigt, während die Übungs-Effekte stabil blieben.
Die Botschaft der Studie ist eindeutig, und sie hat die Leitlinien international verändert. Kortison-Spritzen wirken kurzfristig, aber nicht dauerhaft, und langfristig sind sie sogar leicht schlechter als das reine Abwarten. Der Grund vermutlich: Kortison hemmt die Kollagen-Neusynthese und schwächt die Sehne weiter. Wenn dir also eine Kortison-Spritze angeboten wird, ist das nicht per se falsch (bei sehr starken Schmerzen kann sie ein Fenster öffnen, um mit Physio anfangen zu können), aber sie ist keine Therapie im eigentlichen Sinn.
Was tatsächlich hilft, ist konsequente Kombinationstherapie aus zwei Bausteinen. Erstens: Lastmanagement, also die Reduktion der Kompressions- und Zugbelastungen der Sehne im Alltag. Zweitens: progressives Krafttraining der Glutealmuskulatur über zwölf Wochen.
Für das Lastmanagement gibt es eine kurze Liste von Alltags-Anpassungen, die du sofort umsetzen kannst. Kreuz die Beine beim Sitzen nicht mehr, weil das die Sehne über den Trochanter presst. Wenn du auf der schmerzenden Seite schläfst, leg ein Kissen zwischen die Knie, damit das Bein nicht in Adduktion fällt. Steh nicht mehr in der Hüft-hängenden Position (also mit einem stärker belasteten Bein und einer Hand in der Hüfte), sondern verteil das Gewicht gleichmäßig. Vermeide vorübergehend längere Bergauf-Läufe und exzessives Treppensteigen. Beim Autofahren rutsch nicht in eine schräge Sitzposition mit hängendem Becken. Diese Punkte klingen banal, sind aber der Unterschied zwischen einer Sehne, die abheilen kann, und einer Sehne, die täglich weiter gereizt wird.
Für das Krafttraining haben sich zwei Konzepte etabliert. Das schwedische Team um Cook und Purdam hat mit isometrischer Aktivierung angefangen, weil isometrische Kontraktionen (Muskelanspannung ohne Bewegung) die Sehne belasten, ohne die Kompressions-Bewegung auszulösen, die den Schmerz triggert. Danach kommen langsam-progressive dynamische Übungen dazu, in einem Bereich, in dem der Schmerz während der Übung 4 auf 10 auf einer Skala nicht übersteigt. Die systematische Übersichtsarbeit im Scientific Reports 2024 zu Übungsinterventionen bei glutealer Tendinopathie hat neun randomisierte Studien zusammengefasst und findet konsistent klinisch relevante Verbesserungen nach 8 bis 12 Wochen bei etwa 70 Prozent der Teilnehmerinnen.
Ein Zwölf-Wochen-Programm mit fünf Basisübungen
Hier ist ein Programm, das sich in mehreren Studien als wirksam gezeigt hat und das du ohne Studio zu Hause umsetzen kannst. Drei Trainingseinheiten pro Woche, jede Einheit zwischen 20 und 30 Minuten. Kern sind fünf Übungen mit progressiver Steigerung. Wichtig zu wissen: Schmerz während der Übungen bis 4 auf 10 auf der Numerischen Rating Skala ist normal und darf sein. Über 4 gehen wir zurück in Wiederholungen oder Widerstand.
Übung eins: Isometrische Hüftabduktion im Liegen. Leg dich flach auf den Rücken, ein Gymnastikband oder einen einfachen Gürtel oberhalb der Knie schlingen. Beine hüftbreit, Füße flach am Boden. Jetzt versuch, die Knie langsam nach außen zu drücken gegen den Widerstand des Bandes, ohne dass sich etwas bewegt. Halte die Spannung 10 Sekunden, dann 10 Sekunden Pause. Fünfmal wiederholen. Wochen eins bis zwei täglich, danach an Trainingstagen als Aufwärmen.
Übung zwei: Side-Lying Hip Abduction. Leg dich auf die nicht-schmerzende Seite, unteres Bein leicht gebeugt, oberes Bein gestreckt. Heb jetzt das obere Bein langsam nach oben, aber nicht höher als parallel zum Boden, halte 3 Sekunden, senke langsam. Zehn Wiederholungen, drei Sätze mit 60 Sekunden Pause dazwischen. Ab Woche drei mit Gewichtsmanschette (0,5 kg, dann 1 kg, dann 2 kg).
Übung drei: Bridge (Beckenheben). Rückenlage, Knie angewinkelt, Füße hüftbreit am Boden. Heb das Becken so hoch, dass Oberkörper und Oberschenkel eine gerade Linie bilden. Spann dabei bewusst die Gesäßmuskulatur an. 3 Sekunden halten, langsam absenken. Zehn Wiederholungen, drei Sätze. Ab Woche vier als Single-Leg-Bridge mit einem gestreckten Bein in der Luft, dann jeweils nur fünf Wiederholungen pro Seite.
Übung vier: Wall Squat. Rücken flach an eine Wand, Füße 30 Zentimeter davor, hüftbreit. Rutsch langsam an der Wand runter, bis die Knie ungefähr 90 Grad gebeugt sind. Halte 20 Sekunden, komm wieder hoch. Fünf Wiederholungen. Ab Woche sechs Halte-Dauer auf 45 Sekunden erhöhen.
Übung fünf: Standing Hip Abduction am Türrahmen. Stell dich seitlich neben einen Türrahmen oder einen stabilen Möbelrand, halt dich mit einer Hand fest. Verlager dein Gewicht auf das nicht-schmerzende Bein, heb das schmerzende Bein langsam seitlich nach außen (aber nicht über 30 Grad), 3 Sekunden halten, langsam senken. Zehn Wiederholungen, drei Sätze. Ab Woche fünf mit Gewichtsmanschette.
Zusätzlich zu diesen fünf Übungen sind zwei Alltags-Trainings-Elemente wichtig: langsames, aufrechtes Treppensteigen (jeden Tag ein paar Stufen bewusst), und flottes Gehen 30 Minuten am Tag mit aufrechter Haltung. Was du in den ersten sechs Wochen bewusst nicht machen solltest: Radfahren mit hoher Trittfrequenz und ausgestreckten Beinen (komprimiert die Sehne), tiefe Kniebeugen bis unter 90 Grad (starke Kompression am Trochanter), und Yoga-Positionen mit extremer Hüftbeugung wie die Taube.
Was ist mit Hormonersatztherapie?
Und jetzt zu der Frage, die am wenigsten diskutiert wird, obwohl sie die Datenlage inzwischen erlaubt: hilft Östrogen-Ersatztherapie bei glutealer Tendinopathie?
Die zentrale Studie dazu ist die 2×2 faktorielle Studie von Cowan und Kolleginnen, publiziert 2022 im American Journal of Sports Medicine. Sie haben 132 postmenopausale Frauen mit glutealer Tendinopathie in vier Gruppen aufgeteilt: Placebo-Creme plus Sham-Übungen (Scheinübungen), Placebo plus richtige Übungen, transdermale Östrogen-Creme plus Sham-Übungen, und Östrogen-Creme plus richtige Übungen. Alle bekamen dieselbe Aufklärung. Ergebnis nach 12 und 52 Wochen: Alle vier Gruppen verbesserten sich signifikant vom Ausgangspunkt (Placebo-Effekt der reinen Aufmerksamkeit und Aufklärung ist stark), aber in einer vordefinierten Subgruppen-Analyse zeigten Frauen mit einem BMI unter 25, die Östrogen-Creme plus richtige Übungen bekamen, die klar besten Verbesserungen.
Die Interpretation der Cowan-Studie ist heute vorsichtig positiv: Für postmenopausale Frauen mit glutealer Tendinopathie kann eine transdermale Östrogen-Therapie ein zusätzlicher Baustein sein, insbesondere wenn du sowieso über eine HRT nachdenkst oder bereits eine hast. Aber die Studie war nicht groß genug, um klare Empfehlungen zur Dosis oder zur Frage abzuleiten, wer besonders profitiert. Die Deakin-Übersichtsarbeit 2025 fasst den Stand zusammen: HRT ist keine primäre Behandlung für Sehnenprobleme, aber sie kann bei postmenopausalen Frauen mit Tendinopathien ein hilfreicher Zusatz sein, wenn andere Indikationen (Hitzewallungen, Schlafstörungen, Genitalsymptomatik) sowieso für eine HRT sprechen.
Was das für dich praktisch heißt: Wenn du bereits HRT bekommst und immer noch eine gluteale Tendinopathie hast, ist die HRT wahrscheinlich schon ein Puffer, ohne den es noch schlimmer wäre. Wenn du keine HRT nimmst und dich für die Frage interessierst, ist die gluteale Tendinopathie allein wahrscheinlich kein ausreichender Grund, mit HRT anzufangen. Aber sie ist ein zusätzliches Argument in einer Gesamtbetrachtung, wenn du mit deiner Gynäkologin über HRT sprichst.
Andere Therapien, die diskutiert werden
Es gibt eine Reihe weiterer Behandlungsoptionen, über die du im Netz stolpern wirst. Kurz sortiert nach Evidenzlage:
PRP-Injektionen (Platelet Rich Plasma, thrombozytenreiches Plasma aus dem eigenen Blut) werden in einigen orthopädischen Praxen angeboten. Die Studienlage ist gemischt, die HiPPO-Studie an Clinicaltrials.gov hat versucht, klare Evidenz zu liefern, aber die Ergebnisse sind bisher nicht bahnbrechend. Kosten pro Sitzung liegen zwischen 300 und 800 Euro (Selbstzahler), oft sind mehrere nötig. Ich würde PRP nicht als erste Therapie machen, sondern erst dann in Betracht ziehen, wenn nach zwölf Wochen konsequenter Physio-plus-Übungs-Therapie keine ausreichende Besserung eingetreten ist.
Stoßwellen-Therapie (ESWT) hat bei anderen Tendinopathien (Achillessehne, Ellenbogen) gute Evidenz, bei glutealer Tendinopathie sind die Daten dünner. Der Aufwand ist ähnlich wie bei PRP, drei bis sechs Sitzungen zu je 60 bis 150 Euro. Kann funktionieren, aber nicht die erste Wahl.
Chirurgie ist die Option für die kleine Minderheit der Frauen, die nach ausgeschöpfter konservativer Therapie über sechs bis zwölf Monate nicht besser werden, insbesondere wenn im MRT eine relevante Teil- oder Vollruptur der Sehnenansätze sichtbar ist. Die Standard-Operation ist eine Refixation der Gluteus-medius-Sehne am Trochanter, entweder offen oder arthroskopisch. Die Erholungszeit ist substantiell (drei bis sechs Monate bis zur vollen Belastung), die Ergebnisse in Beobachtungsstudien liegen bei etwa 80 Prozent Zufriedenheit nach einem Jahr, aber die Vergleichsdaten zu weitergeführter konservativer Therapie fehlen. Als Faustregel: Chirurgie erst dann, wenn Physio, Lastmanagement und ggf. HRT über sechs Monate parallel gemacht wurden und immer noch keine ausreichende Verbesserung eingetreten ist.
Wenn nach zwölf Wochen nichts besser wird
Die realistische Erwartung ist, dass sich bei etwa 70 Prozent der Frauen die Beschwerden mit einem konsequenten Zwölf-Wochen-Programm deutlich bessern. Deutlich heißt nicht schmerzfrei, sondern gut managebar im Alltag mit gelegentlichen Flare-Ups. Bei 30 Prozent reicht das nicht, und dann muss weiter differentialdiagnostisch nachgedacht werden.
Die häufigsten Gründe für Nicht-Ansprechen sind erstens: die Übungen wurden nicht konsequent gemacht (drei Mal pro Woche über zwölf Wochen ist mehr Disziplin, als viele Frauen zwischen Beruf und Familie aufbringen können). Zweitens: das Lastmanagement wurde vernachlässigt (jeden Abend zwei Stunden mit übergeschlagenen Beinen am Sofa sabotiert das Programm). Drittens: es liegt eine relevante strukturelle Schädigung vor, die im MRT klar wird und die eine chirurgische Option auf den Tisch bringt. Viertens: es ist gar keine reine gluteale Tendinopathie, sondern eine Mischform mit einer anderen Diagnose (etwa parallele Coxarthrose, parallele Bandscheibenreizung).
Wann du unbedingt schneller zur Ärztin solltest, ohne die zwölf Wochen abzuwarten: bei akuter deutlicher Verschlechterung der Symptome, bei begleitendem Fieber (Verdacht auf infektiöse Ursache), bei ungeklärtem Gewichtsverlust in dieser Zeit, bei neu aufgetretenen neurologischen Symptomen (Taubheit im Bein, Muskelschwäche), und bei Kombination mit nächtlichem starkem Schweiß, der nicht wie klassische Wechseljahres-Hitzewallungen aussieht. All das können Warnzeichen für seltenere, aber ernsthaftere Ursachen sein und gehören sofort abgeklärt.
Was du morgen früh tun kannst
Falls du gerade mit dem Verdacht hierher gelesen hast, dass es dich betrifft, hier ein pragmatisches Vorgehen für die nächsten Wochen.
Erste Woche: Notier drei Tage lang, wann und wobei der Schmerz auftritt und wie stark er ist (1 bis 10). Achte besonders auf den Zusammenhang mit Seitenlage, Aufstehen aus dem Sitzen, Treppen, längerem Stehen. Fang gleichzeitig an, die Alltags-Kompressionen zu reduzieren (Beine nicht kreuzen, Kissen zwischen die Knie beim Schlafen).
Zweite Woche: Termin bei Orthopäde oder Sportmedizinerin machen. Bring die Beobachtungen mit und sag ausdrücklich, dass du den Verdacht auf gluteale Tendinopathie am Trochanter major hast. Bitte darum, seitlich zu tasten und den FADER-R-Test zu machen. Falls die Diagnose bestätigt wird, lass dir ein Rezept für Physiotherapie geben (in Deutschland 6 mal 20 Minuten sind der Standard).
Dritte Woche: Fang mit der Physio an und leg zu Hause parallel mit den fünf Übungen los. Sag der Physiotherapeutin ausdrücklich, dass du bewusstes Krafttraining der Glutealmuskulatur willst, nicht nur Wärme und Massage.
Woche vier bis zwölf: Bleib konsequent. Führe ein einfaches Trainings-Tagebuch (wann, welche Übungen, welche Schmerzstufe). Nach sechs Wochen sollte eine spürbare Verbesserung zu bemerken sein, nach zwölf eine deutliche.
Parallel überleg dir, ob eine HRT für dich sinnvoll wäre, ganz unabhängig von der Hüfte. Wenn du sowieso mit Hitzewallungen, Schlafstörungen oder anderen Wechseljahres-Symptomen kämpfst, ist die gluteale Tendinopathie ein weiteres Argument, das Thema mit deiner Gynäkologin ernsthaft zu besprechen. Wenn du keine anderen Beschwerden hast und nur wegen der Hüfte über HRT nachdenkst, ist die Evidenz nicht stark genug, um das allein zu empfehlen.
Warum der Name allein schon hilft
Zurück zu der Frau vom Anfang. Sie hat nach dem Termin in Oberhausen den Zettel mit dem neuen Wort mit nach Hause genommen, hat es gegoogelt, hat auf den Fotos zum ersten Mal genau die Stelle gesehen, an der es weh tut. Sie ist am nächsten Morgen aufgewacht mit dem gleichen Schmerz beim Aufrichten, aber sie wusste zum ersten Mal seit sechs Wochen, was da eigentlich los ist. Und das macht einen Unterschied, den ich in keiner Studie belegt gesehen habe, der aber jede Woche in meinem Postfach steht: Menschen, die sechs Monate mit einer falschen Diagnose herumlaufen, geben irgendwann auf. Ischias klingt nach kaputt bleibendem Nerv, Arthrose klingt nach Verschleiß, den man nicht rückgängig machen kann. Beide Wörter machen dich klein.
Gluteale Tendinopathie ist ein sperriger Name, aber sie hat einen entscheidenden Vorteil. Sehnen können sich reparieren. Langsamer als Muskeln, ja, aber sie können es, wenn du ihnen die richtigen Reize gibst und die falschen Reize wegnimmst. Sieben von zehn Frauen erleben nach zwölf konsequenten Wochen eine substanzielle Verbesserung. Bei denen, die parallel HRT nehmen, ist der Effekt in den bisherigen Studien noch etwas besser, wenngleich die Datenlage da noch reifen muss.
Ich schreibe diesen Text mit einem gewissen Nachdruck, weil ich zu viele Rückmeldungen von Leserinnen habe, die zwei Jahre mit einer falschen Diagnose herumgeschickt worden sind, bis irgendwer einmal seitlich getastet hat. Wenn du bis hierhin gelesen hast und dich in der Geschichte wiederfindest, dann geh nächste Woche zum Orthopäden, sag ausdrücklich "gluteale Tendinopathie am Trochanter major, bitte tasten und den FADER-R-Test machen", und fang parallel mit dem Übungsprogramm an. Kortison-Spritze ablehnen oder maximal einmalig als Fenster akzeptieren, um mit Physio anfangen zu können. Nach zwölf Wochen weißt du, wo du stehst. Nicht garantiert schmerzfrei, aber mit einer sehr guten Chance auf ein Leben, in dem du dich nachts wieder auf die Seite drehen kannst, ohne zusammenzuzucken.
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