Auf der Website der Rote Liste, dem deutschen Nachschlagewerk für Arzneimittel, steht der Eintrag zu Mirena 52 mg. Als Anwendungsgebiete sind dort „Kontrazeption" und „Hypermenorrhoe" aufgeführt, also Verhütung und sehr starke Regelblutung. Als Liegedauer: maximal 8 Jahre zur Verhütung, 5 Jahre bei starker Blutung (Rote Liste, Eintrag Mirena 52 mg, Preisstand Oktober 2026). Von Hormontherapie steht dort kein Wort.
Das überrascht, denn im Gespräch über Wechseljahre fällt der Satz „Dann nehmen wir die Spirale als Gestagen" ziemlich oft. Eine ältere Mirena-Gebrauchsinformation von Bayer Austria (Stand März 2016) nennt als dritte Anwendung ausdrücklich den „Schutz vor einem übermäßigen Wachstum der Gebärmutterschleimhaut während einer Hormonersatztherapie mit einem Östrogen". Und in Großbritannien ist genau diese Anwendung zugelassen, allerdings nur für vier Jahre. Was für dich gilt, hängt also vom Land, vom Präparat und von der Dosis ab. Dieser Artikel klärt, was die Hormonspirale in den Wechseljahren leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.
Warum bei Östrogen überhaupt ein Gestagen nötig ist
Wer noch eine Gebärmutter hat und Östrogen nimmt, braucht dazu ein Gestagen. Östrogen allein lässt die Gebärmutterschleimhaut wachsen, und ein dauerhaft unbehandeltes Wachstum kann zu einer Hyperplasie führen, einer Verdickung, aus der sich in manchen Fällen ein Krebs entwickelt. Die Grundlagen dazu stehen in Progesteron und Östrogen: der Unterschied, die Risiken der Hormontherapie insgesamt in Hormontherapie in den Wechseljahren: Risiken.
Das Gestagen kann auf mehreren Wegen kommen: als Tablette, kombiniert im Pflaster, als Kapsel mit mikronisiertem Progesteron. Oder es wirkt direkt in der Gebärmutter. Genau das tut die Hormonspirale: Sie sitzt in der Gebärmutterhöhle und gibt Levonorgestrel ab. Die Mirena-Gebrauchsinformation beschreibt die Wirkung als „vorwiegend lokalen hormonellen Effekt", mit anfangs etwa 20 Mikrogramm pro 24 Stunden und nach fünf Jahren etwa 10 Mikrogramm. Das Hormon unterdrückt den Aufbau der Schleimhaut dort, wo das Östrogen sie sonst aufbauen würde.
Was die Studien zeigen
Die Datenlage für die 52-mg-Spirale ist ordentlich, aber die Studien sind klein: Die größte hier genannte Beobachtung umfasst 163 Frauen.
Eine britische Arbeitsgruppe um Naomi Hampton begleitete 82 perimenopausale Frauen über fünf Jahre. Sie bekamen täglich 1,25 mg konjugierte Östrogene als Tablette und eine Mirena. Jedes Jahr wurde die Schleimhaut biopsiert. Nach 60 Zyklen hatten 95,2 Prozent der Teilnehmerinnen eine ruhige, nicht wachsende Schleimhaut, eine bestätigte Hyperplasie gab es in den ganzen fünf Jahren nicht. Der Anteil der Frauen ohne Blutung stieg von 54,4 Prozent nach einem Jahr auf 92,7 Prozent am Ende (Hampton et al., Human Reproduction, 2005).
Eine finnische Studie beobachtete 40 Frauen nach der Menopause mit Spirale plus Östradiol-Pflaster oder -Tablette. 29 von ihnen hielten fünf Jahre durch. Beim Entfernen der Spirale war jede Schleimhaut unterdrückt, die dickste maß 3,6 Millimeter. 26 der 29 Frauen hatten keine Blutung, drei nur leichte Schmierblutungen (Varila et al., Fertility and Sterility, 2001).
Ein Vergleich mit dem klassischen Weg: In einer finnischen Studie mit 163 Frauen bekamen alle 2 mg Östradiolvalerat täglich, dazu entweder zyklisch Medroxyprogesteronacetat als Tablette oder eine von zwei Spiralen (10 oder 20 Mikrogramm pro Tag). Nach einem Jahr trat in keiner Gruppe eine Hyperplasie auf. Die Schleimhaut war aber in der Tablettengruppe bei 18 von 47 Frauen noch in der Wachstumsphase, in den Spiralgruppen so gut wie nie (Raudaskoski et al., BJOG, 2002). Eine Übersichtsarbeit von 2012 kommt zu dem Schluss, dass randomisierte Studien „starke Evidenz" dafür liefern, dass die Spirale Hyperplasien bei Frauen unter Östrogentherapie verhindert (Ewies und Alfhaily, Obstetrical and Gynecological Survey, 2012). Depypere und Inki fassten 2015 in „Climacteric" zusammen, dass die Kombination die Blutfette nicht klinisch relevant verändert und dass Frauen sie lange durchhalten.
Diese Studien arbeiteten mit der Mirena-Dosis von 20 Mikrogramm pro Tag. Für die schwächeren Spiralen gilt das nicht.
Mirena, Kyleena, Jaydess: nicht jede Spirale darf das
Der wichtigste Satz in diesem Artikel steht in der Fachinformation von Kyleena (Stand Juli 2026). Dort heißt es: Die Anwendung von Kyleena „zur Endometriumprotektion während einer Estrogen-Substitutionstherapie ist nicht belegt und wird deshalb hierfür nicht zur Anwendung empfohlen". Die Fachinformation von Jaydess (Stand September 2026) enthält denselben Hinweis. Beide sind nur zur Verhütung vorgesehen: Kyleena mit 19,5 mg Levonorgestrel für bis zu fünf Jahre, Jaydess mit 13,5 mg für bis zu drei Jahre.
Die britische Fachgesellschaft für sexuelle und reproduktive Gesundheit (FSRH) formuliert es für die 52-mg-Spiralen so: Alle sind für acht Jahre zur Verhütung zugelassen, in Großbritannien für vier Jahre als Gestagenanteil der Hormontherapie. Die FSRH unterstützt aber die Anwendung jeder 52-mg-Spirale bis zu fünf Jahre als Endometriumschutz, auch wenn das über die Zulassung hinausgeht. Der Hintergrund ist beinahe komisch: Die Studiendaten, die den Behörden vorlagen, deckten einen Zeitraum von „knapp unter fünf Jahren" ab, daher die vier Jahre auf dem Papier (FSRH, Contraception for Women Aged Over 40 Years, Stand 2025). Die British Menopause Society ergänzt: Wird eine schwächere Spirale zur Verhütung unter Hormontherapie genutzt, sollte sie mit zusätzlichem Gestagen kombiniert werden, etwa 100 mg mikronisiertes Progesteron täglich, weil für die niedrigeren Dosen die Belege fehlen (BMS Tool for Clinicians, Progestogens and endometrial protection, April 2023).
Für Deutschland liest sich die Rote Liste, wie eingangs beschrieben: Verhütung und starke Blutung. Die Mirena-Fachinformation von Bayer Austria von 2024 gibt dagegen fünf Jahre für Hypermenorrhoe und Endometriumprotektion an. Wie es bei deiner Spirale genau steht, steht in der Fachinformation des Präparats, das dir eingesetzt wird. Ob und wie lange sie dann bei dir als Gestagenteil läuft, entscheidet deine Frauenärztin.
Wie lange sie liegen darf
Hier laufen zwei Zahlen nebeneinander, die gern verwechselt werden.
Zur Verhütung sind es bei den 52-mg-Spiralen bis zu acht Jahre. Die FSRH sagt außerdem: Wer sie ab 45 einsetzen lässt, kann sie zur Verhütung bis zum 55. Geburtstag liegen lassen, sofern sie nicht als Gestagenschutz unter Östrogen dient. Mehr dazu, wann Verhütung überhaupt endet, steht in Verhütung in den Wechseljahren: Wie lange noch?. Als Gestagenteil der Hormontherapie gilt die Fünf-Jahres-Grenze. Die FSRH schreibt, die Spirale müsse dann alle fünf Jahre gewechselt werden, unabhängig vom Alter beim Einsetzen. Die Verlängerung auf acht Jahre gilt dafür nicht. Die Studien tragen die fünf Jahre: In Varilas Arbeit bekamen 22 Frauen nach fünf Jahren sofort eine neue Spirale, die Schmierblutungen nach dem Wechsel hörten innerhalb von 18 Tagen wieder auf.Was du von ihr erwarten kannst
Die Spirale ist kein Ersatz für Östrogen. Das ist der häufigste Irrtum. Sie liefert kein Östrogen, nimmt Hitzewallungen nicht, und auch Schlafstörungen oder trockene Schleimhäute bessert sie nicht. In Hamptons Studie ließen die Hitzewallungen nach, weil die Frauen zusätzlich Östrogen bekamen. Die Spirale hat dort die Gebärmutter geschützt.
Zur Blutung: Die Mirena-Gebrauchsinformation beschreibt, dass die meisten Frauen unter Östrogen und Spirale in den ersten Monaten Schmierblutungen und unregelmäßige Blutungen haben. Danach nehmen sie ab, und etwa 40 Prozent haben im letzten Quartal des ersten Jahres gar keine Blutung mehr. Bei Frauen mitten in den Wechseljahren treten Blutungsstörungen häufiger auf als bei Frauen nach der Menopause. Wer in der Perimenopause ohnehin unberechenbar blutet, wird das also nicht sofort los. Die Spirale schafft zudem eine Unschärfe: Dieselbe Gebrauchsinformation weist darauf hin, dass irreguläre Blutungen Symptome ernster Schleimhautveränderungen verdecken können und dass dann eine Abklärung nötig ist. Wann Blutungen abgeklärt werden sollten, steht in Blutungen in der Perimenopause.
Zur Verhütung: Hier ist die Spirale stark. In der Mirena-Gebrauchsinformation sind es etwa zwei Schwangerschaften auf 1000 Frauen im ersten Jahr. Eine Hormontherapie mit zyklischem Gestagen verhütet dagegen nicht, die FSRH rät ausdrücklich davon ab, sich darauf zu verlassen. Der Doppelnutzen ist der größte praktische Vorteil der Spirale.
Zum Einsetzen: Die Gebrauchsinformation merkt an, dass Mirena für Frauen in den Wechseljahren mit zurückgebildeter Gebärmutter keine Methode der ersten Wahl ist. Eingesetzt wird sie vom Arzt oder der Ärztin, bei Frauen nach der Menopause ohne Blutung jederzeit.
Das Brustkrebs-Thema
Das Gestagen aus der Spirale gelangt in sehr geringer Menge ins Blut, und trotzdem wird gefragt, ob es das Brustkrebsrisiko berührt. Die beste Zahl dazu stammt nicht aus der Hormontherapie, sondern aus der Verhütung: Eine dänische Registerstudie mit 1,8 Millionen Frauen zwischen 15 und 49 fand für das hormonelle Intrauterinsystem ein relatives Risiko von 1,21 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,11 bis 1,33) für Brustkrebs im Vergleich zu Frauen, die nie hormonell verhütet hatten. Über alle hormonellen Verhütungsmittel zusammen entsprach das etwa einem zusätzlichen Brustkrebsfall auf 7690 Frauen und Anwendungsjahr (Mørch et al., NEJM, 2017). Diese Frauen waren im Schnitt jünger als Frauen in den Wechseljahren. Ob sich die Zahl übertragen lässt, sagt die Studie nicht. Wenn du eine Brustkrebserkrankung in der Familie oder Vorgeschichte hast, gehört das ausdrücklich in das Gespräch mit der Ärztin: Die Mirena-Gebrauchsinformation führt bei Verdacht auf gestagenabhängige Tumoren wie Brustkrebs eine Gegenanzeige auf (so auch die Rote Liste).
Was du in der Praxis fragen kannst
Eine Empfehlung gibt dieser Text nicht, aber ein paar Fragen für den Termin:
- Welche Spirale ist das genau, mit welcher Menge Levonorgestrel?
- Für welchen Zweck ist sie bei mir gedacht: Verhütung, Blutung oder Gestagenschutz, und wie lange gilt das?
- Wird sie nach der Fachinformation für diesen Zweck verwendet oder außerhalb davon, und was heißt das für Kasse und Aufklärung?
- Wann wird sie gewechselt, und wer erinnert daran?
- Welche Blutungen sollen mich zum Anruf bringen?
Die Spirale ist eine Option unter mehreren, kein Muss. Ob sie zu dir passt, hängt davon ab, ob du noch verhüten willst, wie stark deine Blutungen sind, ob du Tabletten oder Kapseln schlecht verträgst und ob eine Hormontherapie bei dir überhaupt infrage kommt. Das entscheidet deine Ärztin mit dir.
Quellen
- Rote Liste: MIRENA 52 mg, Intrauterinpessar mit Hormonabgabe (Bayer Vital), Eintrag Oktober 2026
- Fachinformation Kyleena 19,5 mg, Bayer, Stand Juli 2026; Fachinformation Jaydess 13,5 mg, Bayer, Stand September 2026 (fachinfo.de)
- Gebrauchsinformation Mirena, Bayer Austria, Stand März 2016; Fachinformation Mirena, Bayer Austria, Juli 2024
- FSRH: Contraception for Women Aged Over 40 Years (August 2017, geändert 2025)
- British Menopause Society: Progestogens and endometrial protection, Tool for Clinicians, April 2023
- Hampton NR et al., Hum Reprod 2005;20:2653-60 (PMID 15905289)
- Varila E et al., Fertil Steril 2001;76:969-73 (PMID 11704119)
- Raudaskoski T et al., BJOG 2002 (PMID 11888095)
- Ewies A, Alfhaily F, Obstet Gynecol Surv 2012 (PMID 23151756)
- Depypere H, Inki P, Climacteric 2015;18:470-82 (PMID 25553775)
- Mørch LS et al., N Engl J Med 2017;377:2228-39 (PMID 29211679)
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