Über eine Million britische Frauen nach der Menopause, durchschnittlich gut drei Jahre beobachtet: Das ist die Million Women Study. 2012 werteten Sweetland und Kollegen daraus die Lungenembolien aus. Über fünf Jahre wurde von 660 Frauen, die nie Hormone genommen hatten, eine mit einer Lungenembolie in die Klinik eingeliefert oder starb daran. Bei Anwenderinnen von Östrogen-Tabletten allein war es eine von 475. Bei Tabletten mit Östrogen und einem Gestagen aus der Gruppe der Norethisteron- oder Norgestrel-Präparate eine von 390. Und bei Östrogen als Pflaster, Gel oder Spray? Für Östrogen allein über die Haut fanden die Autoren kein erhöhtes Risiko (relatives Risiko 0,82, Konfidenzintervall 0,64 bis 1,06; PMID 22963114).
Derselbe Wirkstoff Estradiol, und trotzdem hängt das Risiko offenbar davon ab, auf welchem Weg er in den Körper kommt. Dieser Text sortiert, was dahintersteckt, was die Formen im Alltag unterscheidet und wo die Datenlage dünner ist, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Eine Therapieempfehlung ist das nicht, und eine Produktempfehlung schon gar nicht. Welche Form für dich passt, klärst du mit der Ärztin, die deine Vorgeschichte kennt.
Warum der Weg ins Blut überhaupt eine Rolle spielt
Wer eine Estradiol-Tablette schluckt, schickt den Wirkstoff zuerst durch Magen, Darm und Leber. Die Leber verändert ihn dabei und reagiert selbst: Sie bildet mehr Gerinnungsfaktoren. Die S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause (AWMF 015-062) führt die fehlende Leberpassage der Hautpräparate als wahrscheinlichen Grund dafür an, dass bei niedrig dosierter transdermaler Therapie kein erhöhtes Thromboserisiko zu sehen war. Pflaster, Gel und Spray geben Estradiol dagegen über die Haut direkt in den Kreislauf ab.
Zitiert wird hier die Kurzfassung der Leitlinie von 2020 (Arch Gynecol Obstet 2020, PMID 32661753; ausführlich Geburtshilfe Frauenheilkd 2021, PMID 34168377).
Was die Studien zum Thromboserisiko zeigen
Drei Arbeiten tragen das Bild. Alle drei sind Beobachtungsstudien, keine randomisierten Vergleiche.
ESTHER (Frankreich): Die Studie von Canonico und Kollegen verglich 271 Frauen zwischen 45 und 70, die erstmals eine Thrombose ohne erkennbare Ursache hatten, mit 610 Frauen ohne Thrombose. Im Vergleich zu Frauen ohne Hormontherapie lag das Odds Ratio bei Tabletten bei 4,2 (Konfidenzintervall 1,5 bis 11,6), bei Hautpräparaten bei 0,9 (0,4 bis 2,1). Der Befund stand schon in einer Vorläuferarbeit von Scarabin 2003 in der Lancet (PMID 12927428). Die Studie von 2007 (Circulation, PMID 17309934) schaute zusätzlich auf die Gestagene: Mikronisiertes Progesteron und Pregnan-Abkömmlinge zeigten keinen signifikanten Zusammenhang mit Thrombosen, Norpregnan-Abkömmlinge ein knapp vierfach erhöhtes Risiko.
Vinogradova (Großbritannien, 2019): Das Team wertete 80.396 Frauen zwischen 40 und 79 mit einer Venenthrombose oder Lungenembolie aus und stellten ihnen 391.494 Kontrollen gegenüber. Orale Therapie ging mit einem um 58 Prozent erhöhten Risiko einher (OR 1,58; 1,52 bis 1,64). Estradiol schnitt besser ab als konjugierte Pferdeöstrogene. Transdermale Präparate zeigten keine Risikoerhöhung (OR 0,93; 0,87 bis 1,01), auch nicht in verschiedenen Kombinationen (BMJ 2019, PMID 30626577).
Mohammed (Metaanalyse, 2015): 15 Beobachtungsstudien gepoolt: Orale Östrogene waren im Vergleich zu transdermalen mit einem höheren Risiko für eine erste Venenthrombose verbunden (RR 1,63; 1,40 bis 1,90) und für eine tiefe Beinvenenthrombose (RR 2,09; 1,35 bis 3,23). Die Autoren bewerten das Vertrauen in die Evidenz selbst als niedrig (J Clin Endocrinol Metab 2015, PMID 26544651).
Die Leitlinie fasst das als Empfehlung mit Evidenzgrad 2a zusammen: Frauen sollen darüber aufgeklärt werden, dass das Thromboembolierisiko unter oraler Therapie höher ist als unter transdermaler. Bei oraler Östrogen- oder Östrogen-Gestagen-Therapie steige es um etwa zwei zusätzliche Fälle pro 1000 Frauen und Jahr. Beim ischämischen Schlaganfall nennt sie ein Plus von etwa einem Fall pro 1000 Frauen und Jahr unter oraler Therapie und weist darauf hin, dass sich dieser Anstieg mit transdermaler Therapie bis 50 Mikrogramm möglicherweise vermeiden lässt.
Damit ist auch klar, was die Zahlen nicht sagen. Es sind absolute Zusatzrisiken im Bereich von wenigen Fällen auf 1000 Frauen und Jahr. Beobachtungsstudien können außerdem verzerrt sein: Wer ein Pflaster bekommt, unterscheidet sich womöglich in Gewicht, Vorerkrankungen oder Alter von der, die eine Tablette bekommt. ESTHER-Autoren und Leitlinie kennen das Problem und kommen trotzdem zum selben Schluss.
Die Fachinformationen der Hautpräparate sind übrigens vorsichtiger als die Studien. Die aktuelle Fachinformation von Lenzetto (Stand Juli 2026) schreibt allgemein, eine Hormontherapie sei mit einem 1,3- bis 3-fach erhöhten Risiko für Venenthrombosen verbunden, am ehesten im ersten Jahr, und trennt dabei nicht nach Darreichungsform. Die Texte stützen sich auf die große Studienlage zur Hormontherapie, und die stammt vor allem aus Tablettenstudien wie der WHI. Was an der Studie lag und was an der Tablette, haben wir ausführlicher in Hormontherapie in den Wechseljahren: Was die WHI nicht erzählt hat aufgedröselt. Hier geht es nur um den Teil, der sich zwischen den Formen unterscheidet.
Gel, Pflaster, Spray, Tablette im Alltag
Das Thromboserisiko ist nur ein Kriterium. Im Alltag zählt oft anderes, und hier unterscheiden sich die Formen ziemlich deutlich. Die folgenden Angaben stammen aus den Fachinformationen von je einem Präparat der Form. Andere Präparate derselben Form können abweichen, die Beschreibung ist also kein Produktvergleich.
Gel: Laut Fachinformation von Gynokadin Dosiergel wird es täglich auf eine möglichst große Fläche aufgetragen, vorzugsweise auf Arme und Schultern. Die Normaldosis von 2,5 g soll auf den gesamten Arm samt Schulter (etwa 1500 Quadratzentimeter) verteilt werden. Das Gel trocknet innerhalb von zwei bis drei Minuten ein, mit dem Anziehen sollte man bis dahin warten. Danach gehören die Hände erst mit einem Papiertuch abgewischt und dann mit Wasser und Seife gewaschen. Auf Brüsten, im Genitalbereich und auf Schleimhäuten hat es nichts verloren. Der Vorteil liegt in der Dosierung in kleinen Schritten, der Nachteil im täglichen Ritual und im Kontakt: Kinder sollen die eingecremte Haut nicht berühren.
Pflaster: Das Estradot-Pflaster (Fachinformation Novartis Österreich) wird zweimal pro Woche gewechselt, also alle drei bis vier Tage, und auf eine saubere, trockene, ölfreie Stelle am Unterbauch geklebt, nicht auf die Brust. Die Taille soll man meiden, weil enge Kleidung das Pflaster ablösen kann. Dieselbe Stelle erst nach mindestens einer Woche wieder. Löst es sich, darf es nach Fachinformation erneut aufgeklebt oder durch ein neues ersetzt werden, ohne dass der Wechselrhythmus sich ändert. Baden mit Pflaster ist ausdrücklich erlaubt. Dafür sieht man es, und manche Haut reagiert auf den Kleber.
Spray: Lenzetto wird einmal täglich auf die Innenseite des Unterarms gesprüht, bei höherer Dosis auf nebeneinanderliegende, nicht überlappende Flächen. Es soll etwa zwei Minuten trocknen, die Stelle in den folgenden 60 Minuten nicht gewaschen werden. Die Fachinformation enthält eine Warnung, die man nicht überlesen sollte: Estradiol aus dem Spray kann versehentlich auf Kinder übertragen werden. Nach Markteinführung wurden bei Mädchen Brustentwicklung und Knoten in der Brust gemeldet, bei Jungen vorzeitige Pubertät und Brustvergrößerung, meist bildeten sich die Symptome nach Ende des Kontakts zurück. Die Behandelte soll die Stelle bedecken, wenn jemand sie berühren könnte. Zusätzlich enthält das Spray Ethanol und ist brennbar: Offene Flammen, brennende Zigaretten und Haartrockner sollen vermieden werden, bis das Spray getrocknet ist. Wer Sonnencreme nutzt, trägt sie besser eine Stunde vor dem Spray auf. Eine Stunde danach kann sie laut Fachinformation die Aufnahme um etwa zehn Prozent mindern.
Tablette: Täglich eine Tablette, so beschreibt es die Fachinformation von Progynova 21. Das ist die unkomplizierteste Form: kein Kleber, keine Hautstelle, kein Händewaschen, keine Rücksicht auf Kinder, die auf dem Schoß sitzen. Dem stehen die oben beschriebenen Daten zu Thrombose und, bei kombinierter oraler Therapie, Schlaganfall gegenüber.
Kurz gesagt: Die Haut hat das günstigere Risikoprofil, die Tablette den einfacheren Alltag. Alle Hautformen verlangen Aufmerksamkeit, wenn Kinder im Haushalt leben oder jemand sich gern anschmiegt.
Wenn eine Gebärmutter vorhanden ist
Östrogen allein kann bei Frauen mit Gebärmutter die Schleimhaut aufbauen. Deshalb gehört dann ein Gestagen dazu, unabhängig davon, ob das Östrogen geschluckt, geklebt oder gerieben wird. Das kann als Tablette, Kapsel, kombiniertes Pflaster oder als Hormonspirale geschehen. Welche Spirale dafür taugt und welche nicht, steht in Hormonspirale in den Wechseljahren. Zur Frage, warum es überhaupt zwei Hormone braucht, schau in Progesteron und Östrogen: der Unterschied. Das Gestagen ist auch ein Thrombose-Faktor: Das zeigen sowohl ESTHER (Norpregnane) als auch die Million Women Study (Medroxyprogesteronacetat 1 von 250 Lungenembolien über fünf Jahre, im Vergleich zu 1 von 660 ohne Hormone). Die Wahl der Kombination ist also nicht nebensächlich.
Was der Vergleich nicht beantwortet
Erstens: Ob Pflaster, Gel und Spray untereinander gleich sicher sind, ist nicht gut belegt. Die Studien fassen sie meist zu „transdermal" zusammen. Zweitens: Die Leitlinie spricht von „niedrig dosierter" transdermaler Therapie und nennt eine Grenze von 50 Mikrogramm pro Tag. Für höhere Dosen ist die Beleglage dünner. Drittens: Bei Frauen mit einer bekannten Thrombophilie, früheren Thrombosen oder starkem Übergewicht gelten besondere Regeln. Die Fachinformation führt frühere oder bestehende venöse Thromboembolien als Gegenanzeige. Ob eine Hormontherapie dann überhaupt infrage kommt, ist eine Einzelfallentscheidung.
Und viertens: Es geht hier um Östrogen gegen Beschwerden wie Hitzewallungen. Vaginale Östrogene gegen Trockenheit sind ein eigenes Thema. Dazu mehr in Östrogencreme: Erfahrungen.
Fragen für das Gespräch
Wenn dir eine Hormontherapie vorgeschlagen wird, helfen konkrete Fragen mehr als die Suche nach dem „besten" Präparat:
- Welche Form schlägst du mir vor, und warum gerade diese?
- Gibt es bei mir einen Grund, der gegen eine Hautform oder gegen eine Tablette spricht (Thrombosen in der Familie, Gewicht, Rauchen, Migräne mit Aura)?
- Brauche ich ein Gestagen, und in welcher Form?
- Was mache ich, wenn das Pflaster nicht hält oder die Haut reagiert?
- Leben Kinder in meinem Haushalt, und wie gehe ich dann mit Gel oder Spray um?
- Wann prüfen wir, ob die Therapie passt?
Auch wenn du schon eine Form bekommst: Nichts davon ist ein Grund, sie eigenmächtig zu wechseln oder abzusetzen. Das klärst du mit der Ärztin. Den größeren Zusammenhang zur Hormontherapie findest du in HRT 2026: Was wirklich zählt.
Quellen
- Sweetland S et al., Venous thromboembolism risk in relation to use of different types of postmenopausal hormone therapy in a large prospective study (Million Women Study), J Thromb Haemost 2012;10:2277-86 (PMID 22963114)
- Canonico M et al., Hormone therapy and venous thromboembolism among postmenopausal women: the ESTHER study, Circulation 2007;115:840-5 (PMID 17309934)
- Scarabin PY et al., Differential association of oral and transdermal oestrogen-replacement therapy with venous thromboembolism risk, Lancet 2003;362:428-32 (PMID 12927428)
- Vinogradova Y et al., Use of hormone replacement therapy and risk of venous thromboembolism: nested case-control studies using the QResearch and CPRD databases, BMJ 2019;364:k4810 (PMID 30626577)
- Mohammed K et al., Oral vs transdermal estrogen therapy and vascular events: a systematic review and meta-analysis, J Clin Endocrinol Metab 2015;100:4012-20 (PMID 26544651)
- S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause, AWMF 015-062, Kurzfassung der Fassung 2020: Arch Gynecol Obstet 2020 (PMID 32661753); Langfassung: Geburtshilfe Frauenheilkd 2021 (PMID 34168377)
- Fachinformation Lenzetto 1,53 mg/Sprühstoß transdermales Spray, Gedeon Richter, Stand Juli 2026 (fachinfo.de)
- Fachinformation Gynokadin Dosiergel (fachinfo.de); Fachinformation Estradot transdermale Pflaster, Novartis Österreich; Fachinformation Progynova 21, 2 mg (fachinfo.de)
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