Es gibt in den Wechseljahren ein Beschwerdebild, über das kaum jemand spricht und das in den Zahlen erstaunlich deutlich dasteht: Rund 43 Prozent der Frauen nach der Menopause zeigen Symptome im Mund.
Die Zahl stammt aus einer Übersichtsarbeit der Zahnärztlichen Mitteilungen, Ausgabe 21/2023. Sie nennt außerdem einen Sprung, der für sich spricht. Das Burning-Mouth-Syndrom, also brennende Schmerzen im Mund ohne erkennbaren Befund, liegt bei Frauen vor der Menopause bei etwa 6 Prozent. In der Peri- und Postmenopause bei rund 43 Prozent.
Das ist mehr als eine Verdoppelung. Es ist das Siebenfache.
Was im Mund passiert
Der Zusammenhang ist gut begründbar, und er beginnt dort, wo man ihn nicht vermutet. In Gewebeproben der Mundschleimhaut und in den Speicheldrüsen finden sich Östrogenrezeptoren, überwiegend vom Beta-Typ. Der Mund ist also ein hormonempfindliches Organ, ähnlich wie Haut, Gelenke und Schleimhäute an anderer Stelle.
Fällt der Östrogenspiegel, ändert sich messbar mehreres gleichzeitig. Die Speichelflussrate sinkt, und zwar sowohl die stimulierte als auch die unstimulierte. Die Zusammensetzung des Speichels verschiebt sich, mit erhöhter anorganischer Kalziumkonzentration und verringerter Lysozymkonzentration. Lysozym ist ein antibakterielles Enzym, sein Rückgang schwächt also die Abwehr im Mund.
Weniger Speichel ist dabei nicht nur unangenehm. Speichel spült, puffert Säuren ab, remineralisiert Zahnschmelz und hält die Schleimhaut geschmeidig. Fehlt er, steigt das Risiko für Karies und Infektionen, und die Schleimhaut wird empfindlicher gegenüber allem, was sie berührt.
Die Zahlen im Einzelnen
Die genannte Übersichtsarbeit führt drei Beschwerdebilder mit Prävalenzangaben auf. Sie sind unterschiedlich gut belegt, und das gehört dazu.
| Befund | vor der Menopause | peri- und postmenopausal |
|---|---|---|
| Symptome im Mundbereich insgesamt | rund 43 Prozent | |
| Burning-Mouth-Syndrom | etwa 6 Prozent | rund 43 Prozent |
| Oraler Lichen planus | 0,5 bis 2 Prozent | 10,9 Prozent |
Beim Burning-Mouth-Syndrom nennt die Quelle ausdrücklich eine multifaktorielle Ursache. Das heißt: Der Hormonabfall ist ein Faktor, nicht die ganze Erklärung. Beteiligt sein können auch Nährstoffmängel, Nervenveränderungen, Medikamente und psychische Belastung.
Und der Punkt, an dem die Datenlage offen ist
Hier gehört Ehrlichkeit dazu, weil zu diesem Thema viel Halbgares kursiert.
Dass Zahnfleisch in den Wechseljahren empfindlicher wird, dünner und trockener, und dass Zahnfleischbluten häufiger auftritt, ist gut beschrieben. Der naheliegende Schluss, dass daraus auch häufiger eine Parodontitis wird, ist dagegen nicht gesichert. Die zitierte Übersichtsarbeit hält ausdrücklich fest, dass bisher kein Konsens über ein bestätigtes erhöhtes Parodontitisrisiko nach der Menopause erzielt werden konnte.
Wer also liest, die Menopause führe zu Parodontitis, liest eine Vereinfachung. Was stimmt: Die Voraussetzungen verschlechtern sich, und die Mundhygiene muss deshalb besser werden, nicht gleich bleiben.
Ein weiterer Zusammenhang wird diskutiert und ist nicht abschließend geklärt. Der Östrogenmangel führt zu Knochenabbau, und der betrifft auch den Kieferknochen. Eine alveoläre Osteoporose könnte die Anfälligkeit des Zahnhalteapparats erhöhen, weil das Knochengewebe weniger Widerstandskraft hat. Eine Untersuchung aus Teheran von Agha-Hosseini und Kollegen aus dem Jahr 2011 mit 60 postmenopausalen Frauen fand einen negativen Zusammenhang zwischen Mundtrockenheit und der Knochendichte der Lendenwirbelsäule. Sechzig Teilnehmerinnen sind eine kleine Stichprobe, das gehört zur Einordnung. Zum Knochenthema insgesamt gibt es hier einen eigenen Artikel über Osteoporose-Vorsorge.
Was tatsächlich hilft
Die wirksamen Maßnahmen sind unspektakulär und greifen an zwei Stellen: am Speichel und an der Schleimhaut.
Trinken, aber richtig. Über den Tag verteilt kleine Mengen Wasser sind wirksamer als zwei große Gläser. Bei Mundtrockenheit geht es um Befeuchtung, nicht um Flüssigkeitsbilanz. Speichelfluss anregen. Zuckerfreier Kaugummi oder Lutschtabletten mit Xylit wirken doppelt, weil sie den Speichelfluss stimulieren und Xylit gleichzeitig kariesfeindlich ist. Das ist die einfachste Maßnahme mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Wirkung. Speichelersatz. Gele und Sprays aus der Apotheke helfen vor allem nachts, wenn der Speichelfluss ohnehin am niedrigsten ist. Für viele ist die Nacht der schlimmste Teil. Reizarme Pflege. Zahnpasta ohne Natriumlaurylsulfat, Mundspülungen ohne Alkohol. Beides trocknet die Schleimhaut zusätzlich aus und verstärkt Brennen. Wer schon brennt, sollte zusätzlich Scharfes, Saures und sehr Heißes zurückfahren, zumindest vorübergehend. Engere Kontrollen. Zweimal jährlich professionelle Zahnreinigung statt einmal ist bei verringertem Speichelfluss keine Übertherapie, sondern Ausgleich für eine geschwächte Selbstreinigung. Abklären lassen, was sonst dahintersteckt. Beim Burning-Mouth-Syndrom gehören Eisen, Ferritin, Vitamin B12, Folsäure und Zink geprüft, dazu der Blutzucker und ein Blick auf die eingenommenen Medikamente. Sehr viele Präparate senken den Speichelfluss als Nebenwirkung, darunter Antidepressiva, Blutdruckmittel und Antihistaminika. Das ist eine der wenigen Ursachen, die sich gegebenenfalls einfach beheben lässt.Und die Hormontherapie?
Die zitierte Übersichtsarbeit hält fest, dass sich bei Frauen, die eine Hormonersatztherapie erhielten, die Symptomatik verbesserte. Konkrete Zahlen zu parodontalen Endpunkten nennt sie dafür nicht.
Damit gilt hier dasselbe wie bei anderen Beschwerden dieser Lebensphase: Eine Hormontherapie wird nicht wegen des Mundes begonnen. Wenn sie aus anderen Gründen ohnehin infrage kommt, gehört dieser mögliche Nebeneffekt in die Abwägung. Mehr dazu im Artikel über die Hormonersatztherapie.
Wann es zum Zahnarzt gehört
Bei brennenden Beschwerden, die länger als zwei bis drei Wochen anhalten. Bei weißlichen, netzartigen oder nicht abwischbaren Belägen an der Wangeninnenseite. Bei Zahnfleischbluten, das trotz guter Pflege bleibt. Bei Mundtrockenheit, die den Schlaf stört. Und bei jeder Stelle im Mund, die nach zwei Wochen nicht verheilt ist.
Der letzte Punkt gilt unabhängig von den Wechseljahren und ohne Ausnahme.
Sagen Sie beim Termin ausdrücklich, dass Sie in den Wechseljahren sind. Das klingt nach einer Nebensächlichkeit und ist es nicht: Der Zusammenhang zwischen Hormonstatus und Mundgesundheit ist in der Zahnmedizin bekannt, wird aber nur berücksichtigt, wenn er zur Sprache kommt.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung. Anhaltende Beschwerden im Mund gehören abgeklärt. Quellen: Zahnärztliche Mitteilungen (zm), Ausgabe 21/2023, Übersichtsbeitrag "Menopause und Mundgesundheit", mit den Prävalenzangaben zu oralen Symptomen, Burning-Mouth-Syndrom und oralem Lichen planus, den Angaben zu Östrogenrezeptoren in Mundschleimhaut und Speicheldrüsen, zu Speichelflussrate, Kalzium- und Lysozymkonzentration sowie zum fehlenden Konsens beim Parodontitisrisiko · Agha-Hosseini et al., Teheran 2011, n gleich 60, zum Zusammenhang von Mundtrockenheit und Knochendichte der Lendenwirbelsäule, referiert ebenda
Noch keine Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.
Kommentar schreiben