Schilddrüse oder Wechseljahre: Warum die Unterfunktion in dieser Lebensphase übersehen wird

Schilddrüse oder Wechseljahre: Warum die Unterfunktion in dieser Lebensphase übersehen wird

Es gibt eine Überschneidung, die in dieser Lebensphase regelmäßig zu einer falschen Zuordnung führt, und sie ist ungewöhnlich vollständig.

Erschöpfung, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtsveränderung, Hitzewallungen, Haarausfall, Konzentrationsprobleme, trockene Haut: Diese Liste beschreibt die Wechseljahre. Sie beschreibt ebenso gut eine Funktionsstörung der Schilddrüse.

Und beide treten im selben Lebensabschnitt auf. Schilddrüsenerkrankungen kommen bei Frauen ab 45 deutlich häufiger vor, bei mehr als einem Drittel der über 45-jährigen Frauen finden sich Auffälligkeiten der Schilddrüse. Die Hashimoto-Thyreoiditis, die häufigste Ursache einer Unterfunktion, tritt besonders häufig zwischen 40 und 60 Jahren auf. Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen, Frauen etwa zehnmal häufiger als Männer.

Daraus ergibt sich ein Muster, das Fachleute beschreiben: Die Beschwerden werden den Geschlechtshormonen zugeschrieben, und eine Bestimmung des TSH-Werts erfolgt erst spät.

Warum gerade diese Lebensphase

Der Zusammenhang ist nicht nur zeitlich. Hormonelle Umstellungsphasen gelten als Zeiträume, in denen Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse gehäuft erstmals auftreten, also Pubertät, Schwangerschaft und Wechseljahre.

Dazu kommt ein wechselseitiger Einfluss. Östrogen wirkt auf die Transportproteine im Blut, an die Schilddrüsenhormone gebunden sind. Verändert sich der Östrogenspiegel, verschiebt sich das Verhältnis zwischen gebundenem und freiem Hormon. Das ist einer der Gründe, warum Schilddrüsenwerte in der Perimenopause schwanken können, ohne dass sich an der Schilddrüse selbst etwas geändert hat.

Praktisch bedeutet das: Eine Frau, die in dieser Phase erstmals Beschwerden entwickelt, kann eine Schilddrüsenstörung haben, eine Wechseljahresbeschwerde, oder beides gleichzeitig. Die dritte Möglichkeit ist die häufigste und wird am seltensten mitgedacht.

Die Symptome, die sich unterscheiden lassen

Nicht alles überschneidet sich. Es gibt Beschwerden, die eher für die Schilddrüse sprechen, und sie sind es wert, gezielt abgefragt zu werden.

Eher Unterfunktion: Kälteempfindlichkeit, also frieren, wenn andere es angenehm finden. Verstopfung. Brüchige Nägel. Geschwollene Augenlider. Eine auffällig langsame Sprechweise oder verlangsamtes Denken. Gewichtszunahme trotz unveränderter Ernährung. Ein tastbarer Knoten oder ein Druckgefühl am Hals. Eher Überfunktion: Herzrasen in Ruhe, Zittern der Hände, Durchfall, Gewichtsabnahme trotz normalen Appetits, starke innere Unruhe. Eher Wechseljahre: Der klare zeitliche Bezug zu Zyklusveränderungen. Hitzewallungen, die typischerweise in Wellen kommen und mit Schweißausbruch enden. Vaginale Trockenheit. Nachtschweiß mit anschließendem Frösteln.

Der wichtigste Unterscheidungshinweis ist ein Widerspruch: Wer ständig friert und gleichzeitig Hitzewallungen hat, sollte die Schilddrüse prüfen lassen. Die Wechseljahre allein erklären dauerhafte Kälteempfindlichkeit nicht.

Ein zweiter Hinweis betrifft die Richtung: Eine Überfunktion ähnelt den Wechseljahren in den vegetativen Symptomen, also Herzrasen und Unruhe. Wie man Herzstolpern einordnet, steht im Beitrag zu Herzstolpern in den Wechseljahren.

Welche Werte bestimmt werden

Die Abklärung ist unaufwendig, und sie hat eine sinnvolle Reihenfolge.

Erster Schritt, der TSH-Wert. Das ist das Steuerhormon aus der Hirnanhangsdrüse. Es steigt, wenn die Schilddrüse zu wenig produziert, und fällt bei Überproduktion. Ein hoher TSH-Wert weist also auf eine Unterfunktion hin. Diese eine Blutabnahme beantwortet die Grundfrage. Zweiter Schritt, freies T3 und freies T4. Sie zeigen die tatsächliche Stoffwechsellage, also wie viel wirksames Hormon vorliegt. Dritter Schritt, die Antikörper. TPO-Antikörper und TRAK weisen auf einen Autoimmunprozess hin. Sie klären, ob hinter einer Funktionsstörung eine Hashimoto-Thyreoiditis oder ein Morbus Basedow steckt. Vierter Schritt, Ultraschall. Eine hochauflösende Sonografie beurteilt Größe, Struktur und Knoten. Bei tastbaren Veränderungen oder auffälligen Werten folgt gegebenenfalls eine Szintigrafie, die die Funktion einzelner Bezirke sichtbar macht.

Für die Sprechstunde reicht in aller Regel die Bitte, den TSH-Wert mitbestimmen zu lassen. Das ist ein kleiner Zusatz bei einer ohnehin anstehenden Blutabnahme und beantwortet die Frage, die sonst über Jahre offenbleibt.

Warum der TSH-Wert allein nicht immer genügt

Ein Punkt, der in dieser Lebensphase besonders relevant ist: Ein TSH-Wert im Normbereich schließt eine Hashimoto-Thyreoiditis nicht aus.

Die Erkrankung verläuft über Jahre. In frühen Phasen kann die Schilddrüse den Untergang von Gewebe noch ausgleichen, der TSH-Wert bleibt dabei normal, und Beschwerden bestehen trotzdem. Erst später kippt die Funktion.

Wenn also die Beschwerden deutlich sind, der TSH-Wert aber unauffällig, ist die Bestimmung der TPO-Antikörper der nächste sinnvolle Schritt und nicht die Schlussfolgerung, es müsse dann eben an den Wechseljahren liegen.

Umgekehrt gilt dasselbe für den anderen Fehler: Ein erhöhter TSH-Wert erklärt nicht automatisch alle Beschwerden. Wer behandelt wird und nach Monaten immer noch unter Hitzewallungen leidet, hat möglicherweise beides, und dann braucht es beide Behandlungen.

Was das für die Behandlung bedeutet

Die beiden Bereiche werden getrennt behandelt, beeinflussen sich aber.

Eine Unterfunktion wird mit Levothyroxin ausgeglichen. Wichtig für Frauen, die zusätzlich eine Hormontherapie erwägen: Orale Östrogene können den Bedarf an Schilddrüsenhormon erhöhen, weil sie die Bindungsproteine im Blut steigern. Wer beides nimmt, sollte die Schilddrüsenwerte nach Beginn oder Änderung der Hormontherapie kontrollieren lassen.

Transdermale Anwendung, also Pflaster oder Gel, umgeht den Leberstoffwechsel und hat diesen Effekt in geringerem Maß. Das ist ein weiteres Argument in einer Abwägung, die wir im Beitrag zur Hormonersatztherapie ausführlicher behandelt haben.

Und ein praktischer Hinweis zur Einnahme: Levothyroxin wird nüchtern eingenommen, mit deutlichem Abstand zu Kalzium- und Eisenpräparaten, weil diese die Aufnahme verringern. Gerade in den Wechseljahren nehmen viele Frauen beides wegen der Knochendichte, und dann liegt die Ursache für einen schlecht eingestellten Wert nicht in der Dosis, sondern im Abstand.

Was Sie ansprechen sollten

Drei Sätze reichen, um die Abklärung anzustoßen.

Erstens die Bitte, den TSH-Wert mitbestimmen zu lassen.

Zweitens die Nennung der Symptome, die nicht zu den Wechseljahren passen, insbesondere dauerhaftes Frieren, Verstopfung und Veränderungen am Hals.

Drittens die Angabe, ob in der Familie Schilddrüsenerkrankungen vorkommen. Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse häufen sich familiär, und diese Information wird selten abgefragt und ist selten unwichtig.

Wenn Sie ohnehin wegen Erschöpfung oder Haarausfall abklären lassen, lohnt es sich, Schilddrüsenwerte und ein Blutbild mit Ferritin in derselben Blutabnahme zu erledigen. Die drei häufigsten erklärbaren Ursachen in dieser Lebensphase sind damit in einem Termin abgedeckt.


Quellen: Nuklearmedizin Harz, "Wechseljahre und Schilddrüse: Warum die Symptome so oft verwechselt werden" (nuklearmedizin-harz.de, abgerufen 09/2026), zur Überschneidung von Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gewichtsveränderungen und Erschöpfung, zur Häufung von Schilddrüsenerkrankungen bei Frauen ab 45, zum Altersgipfel der Hashimoto-Thyreoiditis zwischen 40 und 60 Jahren und zur diagnostischen Reihenfolge aus TSH, freiem T3 und T4, den Antikörpern TPO-AK und TRAK sowie hochauflösendem Ultraschall und gegebenenfalls Szintigrafie; Wechselweise, "Schilddrüse und Wechseljahre: Welche Rolle Morbus Hashimoto spielt" (wechselweise.net, abgerufen 09/2026), zum gehäuften Erstauftreten in hormonellen Umstellungsphasen; vitalessenz.de, "Hashimoto und Wechseljahre, häufig verwechselt" (abgerufen 09/2026), zur Angabe, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung betroffen sind und Frauen etwa zehnmal häufiger erkranken als Männer, sowie dazu, dass bei mehr als einem Drittel der über 45-jährigen Frauen Auffälligkeiten der Schilddrüse gefunden werden; Berufsverband Deutscher Nuklearmediziner, Pressemitteilung "Schilddrüse oder Wechseljahre" (Februar 2019), zur Einordnung des Problems durch die Fachgesellschaft. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachkundige Hände.

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