Es gibt Zahlen, die eine Diagnose fast schon erklären, bevor man etwas über sie weiß. Bei der Quervain-Krankheit, einer besonderen Form der Sehnenscheidenentzündung am Daumen, ist es diese: Frauen sind etwa achtmal häufiger betroffen als Männer. Und sie tritt gehäuft ab dem 40. Lebensjahr auf, die stenosierende Sonderform bevorzugt bei Frauen nach den Wechseljahren.
Ein Faktor acht ist kein Zufall und keine Frage der Handarbeit. Er ist ein Hinweis darauf, dass hier etwas Biologisches im Spiel ist, das den einen Körper anfälliger macht als den anderen.
Was in der Sehnenscheide passiert
Sehnen laufen nicht frei durch den Körper. Dort, wo sie um Knochenkanten herumgeleitet werden, stecken sie in Hüllen, den Sehnenscheiden. Diese Hüllen sind innen mit einer dünnen Flüssigkeitsschicht ausgekleidet, damit die Sehne gleiten kann statt zu reiben.
Bei der Quervain-Krankheit betrifft es das erste Strecksehnenfach am Handgelenk, direkt unterhalb des Daumens. Dort laufen zwei Sehnen durch einen engen Kanal. Schwillt das Gewebe an oder verdickt sich die Hülle, wird der Kanal zu eng. Die Sehne gleitet nicht mehr, sie zwängt sich hindurch.
Das erklärt die typischen Beschwerden: Schmerz auf der Daumenseite des Handgelenks, der beim Greifen und beim Abspreizen des Daumens deutlich zunimmt. Manche spüren ein Knirschen oder Schnappen. Eine Kaffeetasse anzuheben oder einen Schlüssel zu drehen wird zur bewussten Handlung.
Der hormonelle Anteil
Östrogen wirkt an zwei Stellen, die hier zusammenkommen.
Erstens beeinflusst es die Struktur des Bindegewebes. Sehnen und Sehnenscheiden bestehen überwiegend aus Kollagen, dessen Auf- und Abbau unter hormoneller Kontrolle steht. Sinkt der Östrogenspiegel, verschiebt sich das Gleichgewicht, und das Gewebe verliert an Elastizität.
Zweitens wirkt Östrogen entzündungshemmend. Fällt dieser Effekt weg, reagiert Gewebe empfindlicher auf Reize, die es vorher weggesteckt hat. Eine Belastung, die mit 35 folgenlos blieb, führt mit 52 zu einer Reizung.
Beides zusammen ergibt genau das Muster, das die Statistik zeigt. Und es erklärt auch, warum dieselbe Erkrankung in anderen hormonellen Ausnahmesituationen gehäuft auftritt: in der Schwangerschaft, in der Stillzeit und unter oralen Kontrazeptiva.
Warum die Diagnose oft spät kommt
Handgelenkschmerzen werden zunächst der Tätigkeit zugeschrieben. Zu viel getippt, zu viel im Garten, das Kind zu oft gehoben. Das ist nicht falsch, denn eine Belastung löst die Beschwerden meist aus. Nur erklärt sie nicht, warum dieselbe Belastung Jahre lang gutging.
Hinzu kommt, dass diese Beschwerden selten allein auftreten. Wer sie hat, hat oft gleichzeitig steife Finger am Morgen, empfindliche Sehnenansätze an anderen Stellen oder einen schmerzenden Schleimbeutel an der Hüfte. Wir haben diesen Zusammenhang im Beitrag zu Sehnenproblemen in den Wechseljahren ausführlicher beschrieben. Wer die Beschwerden einzeln behandeln lässt, behandelt Symptome eines gemeinsamen Mechanismus.
Nützlich ist deshalb, in der Praxis nicht nur die Hand zu zeigen, sondern zu erwähnen, was sonst noch zieht und seit wann.
Was tatsächlich hilft, in dieser Reihenfolge
Belastung ändern, nicht einstellen. Die schmerzauslösende Bewegung ist meist eine bestimmte: das Abspreizen des Daumens unter Last, etwa beim Anheben einer Pfanne oder beim Auswringen. Diese eine Bewegung zu vermeiden bringt mehr als generelle Schonung, und generelle Schonung schwächt das Gewebe zusätzlich. Eine Schiene, aber befristet. Eine Daumenschiene, die das Grundgelenk ruhigstellt, nimmt in der akuten Phase den Reiz. Sie gehört für einige Wochen getragen, nicht für Monate. Dauerhafte Ruhigstellung führt zu Steifigkeit, und die ist schwerer zu behandeln als die ursprüngliche Entzündung. Entzündungshemmung. Örtlich als Gel oder kurzzeitig als Tablette, nach ärztlicher Rücksprache. Das behandelt den Reizzustand, nicht die Ursache. Kortisoninjektion. Bei der Quervain-Krankheit ist sie wirksamer als bei vielen anderen Sehnenproblemen, weil es sich um einen umschriebenen Engpass handelt. Sie hat aber Grenzen: wiederholte Injektionen schwächen das Gewebe. Ein bis zwei Versuche sind üblich, danach stellt sich die Frage anders. Operation. Der Eingriff spaltet das enge Sehnenfach und ist klein, ambulant und in der Regel sehr erfolgreich. Er kommt infrage, wenn konservative Maßnahmen über Monate nicht greifen. Krafttraining, wenn die akute Phase vorbei ist. Das klingt widersprüchlich, ist aber der Teil, der Rückfälle verhindert. Sehnengewebe passt sich an Belastung an, und wer nach dem Abklingen zur alten Belastung zurückkehrt, ohne die Struktur gestärkt zu haben, landet wieder am Anfang.Zur Hormontherapie
Naheliegend ist die Frage, ob eine Hormontherapie hilft, wenn Östrogenmangel der Hintergrund ist. Die ehrliche Antwort: Sie ist eine Abwägung, in der Sehnenbeschwerden ein Argument unter mehreren sind, und sie gehört in ärztliche Hände. Wer sie ohnehin aus anderen Gründen erwägt, kann dieses Thema mit ansprechen. Ein Grund für sich allein ist es selten.
Was Sie mitnehmen sollten
Eine Sehnenscheidenentzündung in dieser Lebensphase ist kein Zeichen dafür, dass Sie sich falsch bewegt haben. Sie ist die Folge eines Gewebes, das unter verändertem Hormonstatus empfindlicher reagiert.
Das ist keine gute Nachricht, aber eine brauchbare. Denn sie führt zu einer anderen Behandlung als die Annahme, man habe sich überlastet. Nicht dauerhaft schonen, sondern gezielt entlasten, den Reiz abklingen lassen und danach die Belastbarkeit wieder aufbauen.
Quellen: Gelenk-Klinik, "Sehnenscheidenentzündung der Hand: Symptome, Ursachen, Therapie" (gelenk-klinik.de, abgerufen 2026), zum hormonellen Zusammenhang und zur Häufung in und nach den Wechseljahren; Universitätsspital Zürich, "De Quervains Tendovaginitis" (usz.ch, abgerufen 2026); DEXIMED, "Quervain-Krankheit" (deximed.de, abgerufen 2026), zum Geschlechterverhältnis und zum Altersgipfel; DocCheck Flexikon, "Tendovaginitis stenosans de Quervain" (abgerufen 2026), zur Anatomie des ersten Strecksehnenfachs; Marien-Hospital Euskirchen, Patienteninformation zur Tendovaginitis de Quervain (abgerufen 2026). Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachkundige Hände.
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