Es beginnt selten mit einem Ereignis. Kein Sturz, kein Umknicken, kein Moment, an dem man später sagen könnte: da war es. Stattdessen zieht eines Morgens die Schulter beim Anziehen der Jacke. Ein paar Wochen später brennt die Ferse beim ersten Schritt aus dem Bett. Dann der Ellenbogen, obwohl niemand Tennis spielt. Jede dieser Stellen wäre für sich genommen eine Kleinigkeit. Zusammen ergeben sie ein Muster, das in Arztpraxen erstaunlich oft übersehen wird.
Die Zahlen dazu sind deutlich. Über 70 Prozent der Frauen in der Perimenopause berichten Muskel- und Gelenkschmerzen, und bei rund einem Viertel treten sie an mehreren Stellen gleichzeitig auf. Bei der glutealen Tendinopathie, also dem Sehnenansatzschmerz an der Hüftaußenseite, liegt die Häufigkeit bei über 20 Prozent aller Frauen zwischen 50 und 75 Jahren. Das ist jede fünfte.
Wer mehrere solcher Beschwerden gleichzeitig hat, hat meist nicht mehrere unabhängige Probleme. Er hat ein gemeinsames.
Was Östrogen mit Sehnen zu tun hat
Sehnen bestehen zum größten Teil aus Kollagen. Dieses Kollagen wird ständig ab- und wieder aufgebaut, und der Umbau steht unter hormoneller Kontrolle. Östrogen ist dabei ein zentraler Faktor: Es beeinflusst die Kollagensynthese, den Wassergehalt im Gewebe und damit die mechanischen Eigenschaften von Sehnen und Bändern.
Fällt der Östrogenspiegel, verschiebt sich dieses Gleichgewicht. Der Abbau läuft weiter, der Aufbau kommt langsamer hinterher. Sehnen verlieren an Elastizität und an Belastbarkeit, ohne dass äußerlich etwas zu sehen wäre.
Ein Befund aus der Sehnenforschung macht das noch konkreter. Bei Frauen findet sich eine höhere Genexpression von Kollagen Typ III im Verhältnis zu Kollagen Typ I. Typ I bildet die dicken, gut organisierten Fasern, die Zugkräfte aushalten. Typ III bildet dünnere, weniger geordnete Fibrillen. Ein verschobenes Verhältnis zugunsten von Typ III bedeutet Gewebe, das mechanisch weniger stabil ist und leichter Schaden nimmt.
Dazu kommt ein zweiter, oft übersehener Punkt: Schwankende Östrogen- und Progesteronspiegel verändern auch die neuromuskuläre Koordination und die Bandlaxität. Das Zusammenspiel zwischen Muskel und Sehne wird ungenauer, und ungenaue Bewegungsführung belastet Sehnenansätze anders als gewohnt.
Warum die Beschwerden wandern
Genau hier liegt der Grund, warum diese Schmerzen so schwer einzuordnen sind. Es handelt sich nicht um eine Erkrankung an einer Stelle, sondern um eine veränderte Eigenschaft eines Gewebetyps, der überall im Körper vorkommt.
Betroffen ist bevorzugt, was gerade am meisten arbeitet. Wer viel am Rechner sitzt, spürt es im Ellenbogen oder in der Schulter. Wer viel geht, spürt es in der Achillessehne oder unter der Ferse. Wer Treppen steigt oder auf der Seite schläft, spürt es an der Hüftaußenseite. Wechselt die Belastung, wandert der Schmerz mit.
Ein Beispiel aus der Schulter zeigt, wie still dieser Prozess ablaufen kann: Im Übergang in die Postmenopause steigt die Häufigkeit von Rissen der Rotatorenmanschette deutlich an, und zwar auch von solchen, die keine Beschwerden machen. Das Gewebe verändert sich also messbar, lange bevor jemand darüber klagt.
Was das für die Diagnose bedeutet
Der übliche Weg führt zum Orthopäden, und der schaut sich die Stelle an, die weh tut. Das ist richtig und wichtig, denn ein Sehnenriss oder eine Arthrose muss ausgeschlossen werden. Nur endet die Untersuchung dann oft mit einer lokalen Diagnose für ein Problem, das nicht lokal ist.
Hilfreich ist deshalb, den Zusammenhang selbst anzusprechen. Nicht als Selbstdiagnose, sondern als Beobachtung: dass die Beschwerden in den letzten ein bis zwei Jahren an verschiedenen Stellen aufgetreten sind, ohne erkennbaren Auslöser, und ob der Hormonstatus dabei eine Rolle spielen könnte.
Zwei Verwechslungen sind besonders häufig. Der Sehnenansatzschmerz an der Hüftaußenseite wird oft als Schleimbeutelentzündung behandelt, obwohl die Sehne das eigentliche Problem ist. Und Schmerzen, die vom Iliosakralgelenk auszugehen scheinen, haben ihren Ursprung nicht selten in den umliegenden Sehnenansätzen. Wir haben beide Themen an anderer Stelle ausführlicher behandelt.
Warum Schonung das Falsche ist
Hier liegt die unangenehmste Erkenntnis für alle, die gerade Schmerzen haben. Sehnen brauchen Belastung, um sich anzupassen. Der Reiz, der die Kollagensynthese anregt, ist mechanische Spannung. Wer eine schmerzende Sehne konsequent schont, verstärkt genau die Schwäche, die den Schmerz verursacht hat.
Das heißt nicht, in den Schmerz hineinzutrainieren. Es heißt, die Belastung so zu dosieren, dass sie einen Reiz setzt, ohne zu überfordern. In der Sehnenrehabilitation arbeitet man dafür mit langsamen, schweren Bewegungen unter Kontrolle, nicht mit schnellen oder federnden.
Zwei Punkte sind dabei entscheidend und werden meist unterschätzt.
Der erste ist Geduld. Sehnengewebe passt sich deutlich langsamer an als Muskelgewebe. Wer nach vier Wochen keine Veränderung spürt, hat nicht das falsche Programm, sondern zu früh gemessen. Verbesserungen zeigen sich über Monate. Der zweite ist der Ausgangspunkt. Eine gereizte Sehne verträgt zu Beginn oft nur sehr wenig, manchmal nur isometrische Anspannung ohne Bewegung. Wer dort anfängt, wo er vor drei Jahren aufgehört hat, provoziert einen Rückschlag.Was sonst noch eine Rolle spielt
Krafttraining generell. Muskelmasse und Sehnenbelastbarkeit hängen zusammen, und beide profitieren von denselben Reizen. Der Effekt geht über die schmerzende Stelle hinaus. Proteinzufuhr. Kollagensynthese braucht Bausteine. Wer im mittleren Lebensalter weniger isst und dabei überproportional an Eiweiß spart, entzieht dem Umbau das Material. Die Frage nach der Hormontherapie gehört in ärztliche Hände und lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie ist eine Abwägung, in der Sehnenbeschwerden ein Argument unter mehreren sind, und niemals das einzige. Was nicht hilft, sind wiederholte Kortisoninjektionen in eine chronisch veränderte Sehne. Sie nehmen kurzfristig den Schmerz und schwächen das Gewebe langfristig weiter.Der eigentliche Punkt
Sehnenbeschwerden in den Wechseljahren sind kein Zeichen dafür, dass der Körper anfängt kaputtzugehen. Sie sind die Folge einer veränderten Gewebeeigenschaft, die sich beeinflussen lässt, nur langsamer als früher und mit mehr Absicht.
Am schwersten wiegt dabei nicht der Schmerz selbst, sondern die Fehldeutung. Wer glaubt, an fünf verschiedenen Stellen fünf verschiedene Verschleißerscheinungen zu haben, hört auf, sich zu bewegen. Wer versteht, dass es ein gemeinsamer Mechanismus ist, kann gezielt etwas dagegen tun. Und Bewegung ist dabei nicht das Risiko, sondern die Behandlung.
Quellen: Übersichtsarbeit zu Besonderheiten von Tendinopathien bei Athletinnen, ScienceDirect (2026), zu Kollagen-Typ-Verhältnissen, hormonellen Einflüssen auf Bandlaxität und neuromuskuläre Koordination sowie zur Prävalenz der glutealen Tendinopathie bei Frauen zwischen 50 und 75 Jahren; MIS Medicine Information Services, "Peri-/Menopause und alle Gelenke, Muskeln und Sehnen schmerzen?" (medinfoservices.de, abgerufen 2026), zur Häufigkeit von Muskel- und Gelenkschmerzen in der Perimenopause; Übersichtsdarstellungen zum Zusammenhang von Östrogenmangel, Kollagensynthese und Gelenkfunktion (corridge.de, praxis-buchmann.info, abgerufen 2026). Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Schmerzen gehört die Abklärung in fachkundige Hände.
Noch keine Kommentare
Sei der Erste, der einen Kommentar hinterlässt.
Kommentar schreiben