Es gibt eine Art von Schwindel, die sich vom Lagerungsschwindel klar unterscheiden lässt: Sie kommt beim Aufstehen, nicht beim Umdrehen. Aus dem Sitzen, aus der Hocke, morgens aus dem Bett. Dazu kommt oft ein kurzes Schwarzwerden vor den Augen, ein Rauschen in den Ohren, manchmal Herzklopfen.
Dafür gibt es einen Fachbegriff, die orthostatische Dysregulation, und es gibt eine Erklärung, die in Ratgebertexten regelmäßig steht: Der Östrogenspiegel falle, dadurch geriete die Kreislaufregulation durcheinander.
Die Erklärung klingt plausibel. Sie passt nur nicht zu dem, was die Forschung zur Orthostase-Toleranz bei Frauen zeigt.
Was beim Aufstehen passiert
Beim Wechsel vom Liegen zum Stehen versacken schlagartig mehrere hundert Milliliter Blut in den Beinen und im Bauchraum. Damit kommt weniger Blut am Herzen an, das Schlagvolumen sinkt, und der Blutdruck würde fallen.
Damit er es nicht tut, greift der Barorezeptorreflex ein. Druckfühler in Halsschlagader und Aortenbogen melden den Abfall, der Körper verengt die Gefäße in der Peripherie und erhöht die Herzfrequenz. Innerhalb weniger Sekunden ist der Druck wieder stabil.
Funktioniert das nicht schnell genug, entsteht genau die Lücke, in der es schwarz wird.
Definiert ist die orthostatische Hypotonie über Zahlen: Der systolische Blutdruck fällt innerhalb von drei Minuten nach dem Lagewechsel um mehr als 20 mmHg oder unter einen Absolutwert von 90 mmHg, der diastolische um mehr als 10 mmHg.
Der Befund, der die gängige Erklärung stört
Wenn fallendes Östrogen die Ursache wäre, müssten Frauen nach den Wechseljahren deutlich häufiger betroffen sein als vorher, und junge Frauen mit hohem Spiegel müssten die beste Kreislaufregulation haben.
Die Datenlage zeigt das Gegenteil.
Junge Frauen sind traditionell anfälliger für orthostatische Intoleranz als junge Männer. Und in einer Übersichtsarbeit zur Blutdruckregulation bei Frauen findet sich der Satz, dass der Unterschied zwischen jungen Männern und jungen Frauen weit auffälliger ist als der zwischen Frauen nach den Wechseljahren und gleichaltrigen Männern. Der geschlechtsbedingte Abstand verkleinert sich also mit sinkendem Hormonspiegel, statt zu wachsen.
Noch deutlicher wird es beim Mechanismus. Frauen mit geringer Orthostase-Toleranz zeigen eine ausgeprägtere Empfindlichkeit gegenüber der gefäßerweiternden Wirkung von Östradiol. Unter Östradiolgabe fällt ihre periphere Gefäßverengung während der Kreislaufbelastung geringer aus. Östrogen wirkt hier also nicht stabilisierend, sondern in die Gegenrichtung: Es erweitert die Gefäße, und genau die Verengung wäre beim Aufstehen nötig.
Dazu passt ein weiterer Befund: Eine Hormonersatztherapie bei Frauen nach den Wechseljahren dämpfte die Blutdruckreaktion auf eine standardisierte Kreislaufbelastung, sodass ältere Frauen mit niedrigen körpereigenen Sexualhormonen eine Reaktion zeigten, die der junger Frauen vergleichbar war.
Das heißt nicht, dass Hormontherapie den Kreislauf verschlechtert. Es heißt, dass die Vorstellung, Östrogen halte den Kreislauf stabil und sein Wegfall führe zu Schwindel, so nicht trägt.
Warum es sich in den Wechseljahren trotzdem häuft
Die Beschwerden sind real, auch wenn die verbreitete Begründung nicht stimmt. Für die Häufung in dieser Lebensphase gibt es mehrere Erklärungen, die besser zu den Daten passen.
Hitzewallungen erweitern die Gefäße. Eine Wallung ist eine plötzliche Weitstellung der Hautgefäße mit Schweißabgabe. Wer in oder direkt nach einer Wallung aufsteht, tut das mit bereits erweiterten Gefäßen und braucht länger, um gegenzusteuern. Das ist ein unmittelbarer, mechanisch nachvollziehbarer Zusammenhang. Flüssigkeitsverlust. Nachtschweiß über Wochen senkt das zirkulierende Blutvolumen, wenn nicht entsprechend nachgetrunken wird. Weniger Volumen heißt geringere Reserve beim Aufstehen. Schlafmangel. Unterbrochener Schlaf verändert die autonome Regulation. Wer über Monate nachts wach liegt, hat morgens eine trägere Kreislaufantwort. Zum Zusammenhang mit dem Schlaf haben wir den Beitrag zu nächtlichen Wachphasen. Medikamente. Blutdrucksenker, Entwässerungsmittel und bestimmte Antidepressiva senken den Ausgangsdruck oder dämpfen die Gegenregulation. In der Altersgruppe kommen sie häufiger neu dazu. Weniger Muskelmasse. Die Wadenmuskulatur wirkt beim Stehen als Pumpe. Mit abnehmender Muskelmasse fällt diese Unterstützung schwächer aus.Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: Die Wechseljahre schaffen mehrere Bedingungen, unter denen eine ohnehin vorhandene Neigung sichtbar wird. Das ist etwas anderes als eine hormonelle Ursache.
Wie sich das vom Lagerungsschwindel unterscheidet
Die Abgrenzung ist wichtig, weil die Behandlung völlig verschieden ist.
Orthostatische Dysregulation: Auslöser ist das Aufstehen, also der Wechsel in die aufrechte Position. Dazu Schwarzwerden vor den Augen, Ohrensausen, Schwitzen. Die Beschwerden bessern sich sofort beim Hinsetzen oder Hinlegen. Lagerungsschwindel: Auslöser ist die Kopfbewegung, auch im Liegen, etwa beim Umdrehen im Bett. Klarer Drehschwindel für Sekunden, kein Schwarzwerden, kein Zusammenhang mit der aufrechten Haltung. Dazu haben wir den benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel beschrieben.Der einfachste Unterscheidungstest im Alltag: Tritt es auch auf, wenn Sie sich im Liegen umdrehen? Dann ist es kein Kreislaufproblem.
Der Test, der Klarheit bringt
Die Diagnose lässt sich mit einem Verfahren sichern, das ohne Geräteaufwand auskommt und Schellong-Test heißt.
Der Ablauf: zehn Minuten ruhig liegen, dann zügig aufstehen und zehn Minuten stehen bleiben. In festen Abständen werden Blutdruck und Puls gemessen und die Beschwerden abgefragt.
Ausgewertet wird nicht nur der Blutdruck, sondern auch der Puls, und das ist der Teil, auf den es ankommt. Fällt der Druck und steigt der Puls kaum, spricht das für eine gestörte Gegenregulation. Steigt der Puls stark an, um mehr als dreißig Schläge, ohne dass der Druck nennenswert fällt, deutet das auf ein anderes Bild hin, das posturale Tachykardiesyndrom, das überwiegend Frauen betrifft.
Für die Sprechstunde heißt das: Es lohnt, nach dem Schellong-Test zu fragen, wenn er nicht von selbst angeboten wird. Eine einzelne Blutdruckmessung im Sitzen zeigt das Problem nicht, weil das Problem im Wechsel liegt und nicht im Ruhewert.
Was tatsächlich hilft
Das Erfreuliche an diesem Beschwerdebild ist, dass die wirksamsten Maßnahmen nichts kosten.
Langsamer aufstehen, in zwei Stufen. Erst im Bett aufsetzen, dreißig Sekunden sitzen bleiben, dann aufstehen. Das gibt der Gegenregulation die Zeit, die ihr fehlt. Vor dem Aufstehen die Beine bewegen. Ein paar Mal die Füße kreisen, die Waden anspannen. Das schiebt Blut aus den Beinen zurück, bevor die Schwerkraft es dort festhält. Mehr trinken, besonders morgens. Ein großes Glas Wasser direkt nach dem Aufwachen erhöht das zirkulierende Volumen messbar. Bei Nachtschweiß gilt das umso mehr. Salz nicht pauschal meiden. Bei niedrigem Blutdruck ohne Bluthochdruck in der Vorgeschichte ist strikte Salzreduktion kontraproduktiv. Das gehört allerdings ärztlich besprochen, weil es bei bestehendem Bluthochdruck genau falsch wäre. Wadenmuskulatur trainieren. Der einzige Punkt, der Wochen braucht, und der mit Abstand nachhaltigste. Treppensteigen, Zehenstände, Gehen. Kompressionsstrümpfe im Akutfall. Wirksam, unbeliebt, und für Phasen mit häufigen Episoden eine Überlegung wert.Was dagegen nicht hilft: Kaffee als Dauerlösung. Der Effekt auf den Blutdruck ist kurz und gewöhnt sich weg.
Wann es ärztlich abzuklären ist
Bei Ohnmacht, also einem tatsächlichen Bewusstseinsverlust, gehört die Abklärung immer dazu, unabhängig vom Alter. Ebenso bei Schwindel, der im Liegen anhält, bei begleitendem Brustschmerz oder Luftnot, und bei neu auftretenden Beschwerden nach dem Beginn eines neuen Medikaments.
Und ein Punkt, der oft übersehen wird: Wiederholtes Schwarzwerden beim Aufstehen kann auf eine Blutarmut hinweisen. In der Perimenopause sind starke oder verlängerte Blutungen häufig, und Eisenmangel ist eine der plausibelsten Erklärungen für Kreislaufbeschwerden in dieser Lebensphase. Ein Blutbild mit Ferritin beantwortet diese Frage in einem Schritt.
Quellen: Wikipedia, "Orthostatische Dysregulation" (de.wikipedia.org, abgerufen 09/2026) sowie apotheken.de, "Arterielle Hypotonie und orthostatische Dysregulation" (abgerufen 09/2026), zur Definition der orthostatischen Hypotonie mit einem systolischen Abfall um mehr als 20 mmHg innerhalb von drei Minuten oder unter 90 mmHg absolut und einem diastolischen Abfall um mehr als 10 mmHg, zum Ablauf des Schellong-Tests mit zehn Minuten Liegen und zehn Minuten Stehen und zum Mechanismus des Blutversackens in den Beinen; "Blood pressure regulation in women: differences emerge when challenged by orthostasis" (PMC3650689, abgerufen 09/2026), dazu, dass junge Frauen anfälliger für orthostatische Intoleranz sind als junge Männer, dass Frauen mit geringer Orthostase-Toleranz empfindlicher auf die gefäßerweiternde Wirkung von Östradiol reagieren und geringere periphere Gefäßverengung zeigen, und dazu, dass der Unterschied zwischen jungen Männern und Frauen deutlich ausgeprägter ist als der zwischen Frauen nach den Wechseljahren und gleichaltrigen Männern; "Women, orthostatic tolerance, and POTS: a narrative review", Autonomic Neuroscience 2025 (abgerufen 09/2026), zu Mechanismen wie Schlagvolumen, Blutvolumen und Gefäßverengung sowie zum überwiegenden Auftreten des posturalen Tachykardiesyndroms bei Frauen; "Mechanisms contributing to low orthostatic tolerance in women: the influence of oestradiol" (PubMed 23401618), zur Wirkung von Östradiol auf die Barorezeptor-vermittelte Herzfrequenzantwort. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachkundige Hände.
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