Es gibt eine Form von Schwindel, die sich von allen anderen durch eine einzige Beobachtung unterscheiden lässt: Sie kommt beim Umdrehen im Bett.
Nicht beim Aufstehen, nicht bei Anstrengung, nicht diffus über den Tag verteilt. Sondern in dem Moment, in dem der Kopf die Lage ändert. Dann dreht sich für zehn bis dreißig Sekunden alles heftig, danach ist es vorbei, bis der Kopf sich das nächste Mal bewegt.
Dieses Muster hat einen Namen, benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel, abgekürzt BPLS, und es hat eine Besonderheit, die in dieses Magazin gehört: Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Der vermutete Grund dafür ist ein Risikofaktor, der bei Frauen nach den Wechseljahren häufiger auftritt, nämlich Osteoporose.
Was im Ohr passiert
Im Innenohr sitzt das Gleichgewichtsorgan mit drei Bogengängen, die in verschiedenen Ebenen liegen und Drehbewegungen registrieren. Daneben liegen zwei Bereiche mit kleinen Kalziumkarbonatkristallen, den Otokonien, die für die Wahrnehmung von Schwerkraft und Linearbeschleunigung zuständig sind.
Beim Lagerungsschwindel lösen sich einzelne dieser Kristalle und geraten dorthin, wo sie nicht hingehören, nämlich in einen der Bogengänge. In etwa 80 Prozent der Fälle ist das der hintere Bogengang.
Bewegt sich der Kopf, wandern die Kristalle mit der Schwerkraft durch die Flüssigkeit im Bogengang und lösen dabei eine Reizung aus, die das Gehirn als heftige Drehbewegung interpretiert. Weil das Auge dieser Bewegung nicht folgt, entsteht der Schwindel. Und weil die Kristalle nach einigen Sekunden zur Ruhe kommen, hört er von selbst auf.
Die Lebenszeitprävalenz liegt bei 2,4 Prozent. Von hundert Menschen erleben also zwei bis drei irgendwann in ihrem Leben diese Form von Schwindel.
Die Verbindung zur Knochendichte
Otokonien bestehen aus Kalziumkarbonat. Damit stehen sie im selben Stoffwechsel wie der Knochen, und genau hier liegt die Erklärung für die Geschlechterverteilung.
In Untersuchungen trat Osteoporose häufiger bei Frauen mittleren und höheren Alters auf, die wiederkehrenden idiopathischen Lagerungsschwindel hatten. Idiopathisch heißt: ohne erkennbare andere Ursache wie Kopfverletzung oder Infektion.
Noch deutlicher wird der Zusammenhang in einem Tiermodell. Dort fanden sich bei Osteoporose Otokonien mit größerem Durchmesser und geringerer Dichte. Das ist ein plausibler Mechanismus: Verändert sich der Kalziumstoffwechsel, verändert sich auch die Struktur dieser Kristalle, und weniger dichte, größere Kristalle lösen sich leichter aus ihrer Verankerung.
Damit ergibt sich eine Kette, die den Zusammenhang mit den Wechseljahren erklärt. Der Östrogenabfall beschleunigt den Knochenabbau. Der veränderte Kalziumstoffwechsel wirkt auch auf die Otokonien. Lockere Kristalle geraten häufiger in die Bogengänge. Wir haben den Knochenaspekt selbst im Beitrag zur Osteoporosevorsorge in den Wechseljahren ausführlicher beschrieben.
Wichtig ist die Einordnung: Das ist ein gut begründeter Zusammenhang und keine bewiesene Kausalkette. Nicht jede Frau mit Osteoporose bekommt Lagerungsschwindel, und nicht jeder Lagerungsschwindel hat mit Knochendichte zu tun.
Die Behandlung, die in einer Sitzung wirkt
Hier kommt die eigentlich gute Nachricht, und sie ist bemerkenswert, weil sie ohne Medikament auskommt.
Die Behandlung der ersten Wahl beim Lagerungsschwindel des hinteren Bogengangs ist das Epley-Manöver, eine festgelegte Folge von Kopf- und Körperlagerungen, die die Kristalle aus dem Bogengang heraus und zurück in den Bereich befördert, in den sie gehören.
Die Erfolgsraten liegen bei 80 bis 90 Prozent nach einer einzigen Sitzung. Übersichten nennen für die verschiedenen Manöver zusammen eine Spanne von 50 bis 90 Prozent bereits bei erstmaliger Durchführung.
Das ist für eine Erkrankung, die sich so dramatisch anfühlt, ein außergewöhnlich gutes Ergebnis. Es erklärt auch, warum die Abgrenzung zu anderen Schwindelformen so wichtig ist: Beim Lagerungsschwindel gibt es eine mechanische Lösung, bei anderen Ursachen nicht.
Zwei Punkte zur Einordnung. Erstens gehört die Diagnose in fachkundige Hände, weil sich das Manöver nach dem betroffenen Bogengang richtet und ein falsch gewähltes Manöver die Kristalle in einen anderen Bogengang verlagern kann. Zweitens gibt es Anleitungen zum Selbstdurchführen, und sie sind sinnvoll bei wiederkehrenden Episoden mit gesicherter Diagnose, nicht beim ersten Auftreten.
Was die Rückfälle betrifft
Lagerungsschwindel neigt zur Wiederkehr, und das ist der Teil, der Betroffene am meisten belastet. Eine bevölkerungsbezogene Auswertung auf Basis der koreanischen Krankenversicherungsdaten fand eine Rückfallquote von insgesamt 20,8 Prozent. Bei Personen mit Vitamin-D-Mangel lag sie mit 25,2 Prozent deutlich höher.
Genau daran setzte eine randomisierte Studie an, die 2020 in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht wurde. Sie lief in acht Krankenhäusern zwischen Dezember 2013 und Mai 2017. Teilnehmende, deren Lagerungsschwindel mit Repositionsmanövern erfolgreich behandelt worden war, wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: 518 Personen in die Interventionsgruppe, 532 in die Beobachtungsgruppe.
Die Interventionsgruppe nahm ein Jahr lang zweimal täglich 400 Internationale Einheiten Vitamin D und 500 Milligramm Kalziumkarbonat, sofern der Vitamin-D-Spiegel im Serum unter 20 Nanogramm pro Milliliter lag. Die Beobachtungsgruppe wurde ohne weitere Bestimmung und ohne Supplementierung nachverfolgt.
Ergebnis: In der Interventionsgruppe hatten 37,8 Prozent einen Rückfall, in der Beobachtungsgruppe 46,7 Prozent. Der Unterschied war statistisch signifikant. Am deutlichsten war der Effekt bei denen, deren Vitamin-D-Spiegel zu Beginn niedrig war.
Was daraus folgt, formulieren die Autoren zurückhaltend: Eine Ergänzung von Vitamin D und Kalzium kann bei häufigen Anfällen in Betracht kommen, besonders wenn der Vitamin-D-Spiegel unter dem Normbereich liegt.
Diese Zurückhaltung ist begründet. Rund vier von zehn Personen bekamen auch mit Supplementierung einen Rückfall. Es handelt sich um eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeit, nicht um einen Schutz. Und der Effekt zeigte sich bei Mangel, nicht bei normalem Spiegel, was gegen eine pauschale Einnahme spricht. Was zur Vitamin-D-Versorgung in dieser Lebensphase sonst gilt, steht im Beitrag dazu.
Wie sich BPLS von anderem Schwindel unterscheidet
Weil die Behandlung so spezifisch ist, lohnt die Abgrenzung. Vier Merkmale sprechen für Lagerungsschwindel:
Auslöser ist die Kopflage. Umdrehen im Bett, Hinlegen, Aufrichten, Kopf in den Nacken legen, etwa beim Blick ins obere Regal oder beim Haarewaschen. Kurze Dauer. Sekunden bis maximal eine Minute pro Episode, nicht Stunden. Drehschwindel, nicht Benommenheit. Betroffene beschreiben eine klare Drehbewegung, nicht ein Gefühl von Nebel oder Unsicherheit. Keine Ohrsymptome. Kein Hörverlust, kein Tinnitus, kein Druckgefühl im Ohr. Treten diese auf, kommen andere Ursachen in Betracht.Dagegen sprechen: Schwindel, der beim Aufstehen aus dem Sitzen entsteht und mit Schwarzwerden vor den Augen einhergeht, deutet eher auf eine Kreislaufregulationsstörung. Schwindel über Stunden mit Kopfschmerzen und Lichtempfindlichkeit passt eher zur vestibulären Migräne, die häufig gemeinsam mit Migräne in den Wechseljahren auftritt. Und diffuse Benommenheit ohne Drehkomponente hat oft andere Gründe, wie wir im Beitrag zu Schwindel und Benommenheit beschrieben haben.
Was Sie in der Sprechstunde sagen sollten
Der entscheidende Satz ist nicht mir ist schwindelig, sondern die Beschreibung des Auslösers.
Sagen Sie, in welcher Bewegung es auftritt, wie lange eine Episode dauert und ob Hören oder Ohrgeräusche mit betroffen sind. Diese drei Angaben führen in den meisten Fällen direkt zur richtigen Untersuchung, nämlich einem Lagerungstest.
Und wenn die Diagnose steht, ist die naheliegende zweite Frage, ob die Knochendichte je gemessen wurde. Bei wiederkehrenden Episoden ohne andere Ursache, in oder nach den Wechseljahren, ist das keine abwegige Frage, sondern folgt dem, was über den Zusammenhang bekannt ist.
Quellen: DocCheck Flexikon, "Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel" (abgerufen 09/2026), zur Lebenszeitprävalenz von 2,4 Prozent, zum etwa doppelt so häufigen Auftreten bei Frauen und zur Vermutung, dass der häufigere Risikofaktor Osteoporose dafür verantwortlich ist; MSD Manual, Profi-Ausgabe, "Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel" (msdmanuals.com, abgerufen 09/2026), zur Beteiligung des hinteren Bogengangs in etwa 80 Prozent der Fälle und zu Erfolgsraten des Epley-Manövers von 80 bis 90 Prozent nach einer Sitzung; AWMF, S2k-Leitlinie Vestibuläre Funktionsstörungen, Register-Nr. 017/078 (2021), zu Diagnostik und Manövern; Jeong SH, Kim JS, Kim HJ et al., "Prevention of benign paroxysmal positional vertigo with vitamin D supplementation: A randomized trial", Neurology 2020, Band 95, Heft 9, Seiten e1117 bis e1125 (DOI 10.1212/WNL.0000000000010343), zur multizentrischen Studie in acht Krankenhäusern zwischen Dezember 2013 und Mai 2017, zu 518 Personen in der Interventions- und 532 in der Beobachtungsgruppe, zur Dosierung von zweimal täglich 400 IE Vitamin D und 500 mg Kalziumkarbonat bei einem Serumspiegel unter 20 ng/ml und zu Rückfallquoten von 37,8 gegenüber 46,7 Prozent; Deutsches Ärzteblatt, Meldung zur Studie (aerzteblatt.de, abgerufen 09/2026); "The Impact of Vitamin D Deficiency and Osteoporosis on Benign Paroxysmal Positional Vertigo Recurrence", populationsbezogene Auswertung des koreanischen Krankenversicherungsdatensatzes (PMC13036271), zur Gesamtrückfallquote von 20,8 Prozent und 25,2 Prozent bei Vitamin-D-Mangel; "Assessment of Osteoporosis and Vitamin D3 Deficiency in Patients with Idiopathic Benign Paroxysmal Positional Vertigo" (PMC10221187), zur Häufung von Osteoporose bei Frauen mittleren und höheren Alters mit wiederkehrendem idiopathischem BPLS und zu größeren Otokonien geringerer Dichte im Tiermodell. Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachkundige Hände.
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