Es gibt eine Zahl aus dem Endoprothesenregister Deutschland, die für sich genommen schon eine Geschichte erzählt. Im Jahr 2024 wurden hierzulande 199.052 künstliche Hüftgelenke erstmals eingesetzt. 60 Prozent der Patienten waren Frauen. In rund 80 Prozent der Ersteingriffe an der Hüfte lautete die Diagnose Arthrose (EPRD-Jahresbericht 2025, Daten aus 2024).
Sechs von zehn. Das ist kein Zufallsbefund und auch kein statistisches Rauschen, sondern ein Muster, das sich über Jahre hält.
Eine große retrospektive Auswertung aus Spanien kommt bei Erwachsenen zwischen 50 und 75 Jahren zu einem ähnlichen Bild: Die Diagnose Hüft- oder Kniearthrose wurde bei Frauen anderthalb- bis zweimal so häufig gestellt wie bei Männern derselben Altersgruppe. Und der Anstieg beginnt nicht irgendwann, sondern ziemlich genau im Alter um 50.
Der Zeitpunkt ist der Hinweis
Wenn eine Erkrankung bei Frauen im Zeitraum der Menopause steiler ansteigt als bei Männern, liegt eine hormonelle Beteiligung nahe. Bei der Arthrose ist dieser Verdacht inzwischen gut belegt, wenn auch nicht in jeder Einzelheit verstanden.
Östrogenrezeptoren sitzen nicht nur dort, wo man sie vermutet. Sie finden sich im Gelenkknorpel, im darunterliegenden Knochen und in der Gelenkinnenhaut. Das Hüftgelenk ist also ein Organ, das auf Östrogen reagiert, und zwar an drei verschiedenen Stellen gleichzeitig.
Fällt der Spiegel ab, ändert sich das Zusammenspiel dieser drei Schichten. Der subchondrale Knochen, also die Knochenplatte direkt unter dem Knorpel, wird umgebaut. Er verliert an Struktur und wird gleichzeitig stellenweise dichter. Der Knorpel darüber, der seine Stoßdämpfung zu einem guten Teil aus dem elastischen Verhalten dieser Unterlage bezieht, arbeitet dann unter veränderten Bedingungen. Forschungsarbeiten der letzten Jahre beschreiben das als verstärkten Austausch zwischen subchondralem Knochen und Knorpel nach der Menopause, der die Arthrose vorantreibt.
Dazu kommt der Effekt auf die Gelenkinnenhaut. Östrogen dämpft entzündliche Prozesse. Ohne diese Dämpfung reagiert das Gelenk auf dieselbe Belastung stärker.
Das erklärt eine Erfahrung, die viele Frauen in dieser Lebensphase machen und die ihnen niemand recht glaubt: Sie tun nichts anders als vorher, und trotzdem tut es plötzlich weh.
Was genau die Coxarthrose vom Rest unterscheidet
Hüftschmerz ist eine Sammelbezeichnung für mindestens vier verschiedene Dinge, und die Unterscheidung ist keine akademische Übung. Sie entscheidet darüber, ob Krafttraining hilft oder schadet, ob eine Spritze sinnvoll ist und ob überhaupt ein Röntgenbild gemacht werden muss.
Die Coxarthrose sitzt tief im Gelenk. Der Schmerz liegt in der Leiste, oft mit Ausstrahlung in den vorderen Oberschenkel, manchmal bis ins Knie. Typisch ist der Anlaufschmerz: Die ersten Schritte nach dem Aufstehen oder nach längerem Sitzen sind unangenehm, danach wird es besser. Die Innenrotation ist eingeschränkt und schmerzhaft. Wer sich flach hinlegt und das gestreckte Bein von jemand anderem nach innen drehen lässt, merkt den Unterschied deutlich. Im Röntgenbild ist eine fortgeschrittene Coxarthrose sichtbar. Die gluteale Tendinopathie sitzt außen. Der Druckpunkt liegt seitlich über dem Trochanter, dem tastbaren Knochenvorsprung. Es tut weh beim Liegen auf der betroffenen Seite und beim Treppensteigen. Die Leiste ist frei. Dazu gibt es einen eigenen Artikel über gluteale Tendinopathie in den Wechseljahren. Der ISG-Schmerz sitzt hinten. Er liegt über dem Kreuzbein, nicht in der Leiste, und wird beim Aufstehen aus dem Sitzen und beim einbeinigen Stand schlimmer. Mehr dazu im Artikel über ISG-Schmerzen durch Östrogenmangel. Der nächtliche Hüftschmerz kann von allen dreien kommen und hat eine eigene Systematik, die im Artikel Hüftschmerzen nachts steht.Die häufigste Fehlzuordnung in dieser Altersgruppe geht übrigens in die andere Richtung: Seitlicher Hüftschmerz wird als Arthrose behandelt, obwohl es eine Sehnenreizung ist. Das kostet Zeit, weil die falsche Behandlung nicht wirkt.
Was tatsächlich hilft
Die unangenehme Wahrheit zuerst: Knorpel wächst nicht nach. Kein Präparat, keine Spritze und keine Ernährungsumstellung bauen verlorenen Gelenkknorpel wieder auf. Wer etwas anderes verspricht, verkauft etwas.
Das heißt nicht, dass sich nichts tun lässt. Es heißt nur, dass die wirksamen Maßnahmen unspektakulär sind.
Bewegung ist die erste. Das klingt widersinnig bei einem Gelenk, das weh tut, ist aber gut belegt. Knorpel hat keine eigene Blutversorgung und ernährt sich durch Diffusion aus der Gelenkflüssigkeit. Diese Diffusion funktioniert über Be- und Entlastung, also über Bewegung. Ein geschontes Gelenk wird schlechter versorgt, nicht besser. Sinnvoll ist alles, was zyklisch belastet, ohne zu stauchen: Radfahren, Schwimmen, zügiges Gehen auf ebenem Untergrund, Crosstrainer. Kraft ist die zweite. Eine kräftige Hüftmuskulatur nimmt dem Gelenk Last ab und stabilisiert es in der Bewegung. Besonders die Abduktoren an der Außenseite sind entscheidend, weil sie das Becken beim Gehen waagerecht halten. Fällt das Becken bei jedem Schritt zur Seite ab, arbeitet das Gelenk in einer ungünstigen Stellung. Zwei Trainingseinheiten pro Woche reichen, um das messbar zu ändern. Das Körpergewicht ist die dritte. Auf das Hüftgelenk wirkt beim Gehen ein Vielfaches des Körpergewichts, weil der Hebelarm des Beckens die Last verstärkt. Jedes Kilo weniger zählt an dieser Stelle mehrfach. Das ist in den Wechseljahren keine leichte Aufgabe, aber es ist der Hebel mit der größten mechanischen Wirkung.Schmerzmittel haben ihren Platz, aber als Mittel zum Zweck: Wer wegen der Schmerzen nicht trainieren kann, kommt in eine Abwärtsspirale. Ein Schmerzmittel, das Bewegung wieder möglich macht, ist sinnvoll. Eines, das dauerhaft läuft, damit man sich weiter schonen kann, ist es nicht.
Und die Hormontherapie?
Hier wird es interessant, und die Datenlage ist ehrlicher gesagt widersprüchlich.
Die größte randomisierte Untersuchung dazu stammt aus der Women's Health Initiative. Cirillo und Kollegen veröffentlichten 2006 in Arthritis and Rheumatism eine Auswertung von 26.321 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren, die zuvor kein künstliches Gelenk hatten. Frauen nach Gebärmutterentfernung erhielten reines konjugiertes Östrogen oder Placebo, mittlere Nachbeobachtung 7,1 Jahre. Die übrigen erhielten Östrogen plus Gestagen oder Placebo, mittlere Nachbeobachtung 5,6 Jahre.
Im reinen Östrogenarm lag die Rate an Gelenkersatzoperationen insgesamt signifikant niedriger: Hazard Ratio 0,84 bei einem Konfidenzintervall von 0,70 bis 1,00, p = 0,05. Für die Hüfte allein betrug die Hazard Ratio 0,73, allerdings mit einem Konfidenzintervall von 0,52 bis 1,03 und p = 0,07, also knapp nicht signifikant. Im Arm mit Östrogen plus Gestagen zeigte sich gar kein Effekt, für die Hüfte lag die Hazard Ratio bei 1,14.
Das ist ein Hinweis, kein Beweis. Und er wird dadurch komplizierter, dass eine neuere Metaanalyse für eine Hormontherapie über mehr als fünf Jahre ein erhöhtes Risiko für einen Hüftgelenkersatz fand, also die Gegenrichtung.
Die vernünftige Schlussfolgerung daraus: Eine Hormontherapie ist keine Arthrosebehandlung, und sie sollte nicht wegen der Hüfte begonnen werden. Wenn sie aus anderen Gründen ohnehin infrage kommt, gehört dieser mögliche Nebeneffekt in die Abwägung, mehr aber auch nicht.
Wann es zum Arzt gehört
Es gibt ein paar Punkte, an denen Abwarten die falsche Entscheidung ist.
Wenn der Schmerz in der Leiste sitzt und beim Drehen des Beins deutlich schlimmer wird, gehört das abgeklärt, weil das die typische Konstellation ist. Wenn die Gehstrecke sich über Wochen verkürzt, ebenfalls. Wenn nachts Ruheschmerz auftritt, also Schmerz ohne jede Belastung, ist das ein Zeichen für eine aktivierte Arthrose oder etwas anderes und in beiden Fällen ein Grund für eine Untersuchung.
Und ein Punkt, der oft übersehen wird: Ein plötzlicher, starker Hüft- oder Leistenschmerz ohne erkennbaren Anlass kann auch eine Insuffizienzfraktur sein, also ein Ermüdungsbruch im Knochen. In der Postmenopause mit vermindertem Knochenmineralgehalt ist das keine Seltenheit, und im normalen Röntgenbild ist es anfangs nicht zu sehen.
Was sich daraus mitnehmen lässt
Die Hüfte gehört zu den Gelenken, bei denen der Zusammenhang mit der Menopause besonders klar zutage tritt. Der Anstieg der Diagnosen ab 50, der Frauenanteil von 60 Prozent beim Gelenkersatz und die Verteilung der Östrogenrezeptoren im Gelenk ergeben zusammen ein stimmiges Bild.
Was daraus folgt, ist aber weniger dramatisch, als die Zahlen klingen. Die wirksamen Maßnahmen sind Bewegung, Kraft und Gewicht, und sie wirken bei Frauen in dieser Lebensphase genauso wie bei allen anderen. Der Unterschied liegt nicht in der Behandlung, sondern darin, dass der Anlass, damit anzufangen, früher kommt als erwartet.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Beschwerden gehört die Abklärung in fachkundige Hände. Quellen: Endoprothesenregister Deutschland (EPRD), Jahresbericht 2025 mit Daten aus 2024, zitiert nach BVMed · Cirillo DJ, Wallace RB, Wu L, Yood RA, "Effect of hormone therapy on risk of hip and knee joint replacement in the Women's Health Initiative", Arthritis and Rheumatism 2006, Band 54, Seiten 3194 bis 3204 · Übersichtsarbeit zu Alterung und Östrogen bei Arthrose, npj Women's Health 2025 · retrospektive Kohortenanalyse zur geschlechtsspezifischen Arthroseprävalenz, Spanien, zitiert in derselben Übersichtsarbeit
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