Es gibt einen Satz, der in dieser Lebensphase sehr häufig fällt: Ihr Blutbild ist völlig in Ordnung.
Der Satz kann stimmen und trotzdem an der Ursache vorbeigehen. Denn er bezieht sich in aller Regel auf das Hämoglobin, und das ist der letzte Wert, der bei einem Eisenmangel absinkt. Vorher sind die Speicher schon leer.
Die Reihenfolge, in der ein Eisenmangel abläuft
Der Körper gibt Eisen ungern auf und tut das in Stufen.
Zuerst leeren sich die Speicher. Messbar wird das am Ferritin, dem Speichereiweiß. In dieser Phase ist das Hämoglobin unverändert normal, weil der Körper die Blutbildung aus den Reserven aufrechterhält.
Erst wenn die Reserven aufgebraucht sind, sinkt das Hämoglobin, und dann spricht man von einer Eisenmangelanämie.
Dazwischen liegt eine Phase, die je nach Quelle Eisenmangel ohne Anämie oder latenter Eisenmangel heißt. Sie kann Monate bis Jahre dauern, und sie macht bereits Beschwerden.
Was in dieser Phase auftritt
Beschrieben werden vor allem Müdigkeit, Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen, dazu Haarausfall und Restless Legs.
Wenn du diese Liste liest und denkst, das klingt nach dem, was man den Wechseljahren zuschreibt, dann ist das genau der Punkt. Die Überschneidung ist fast vollständig, und deshalb bleibt der Eisenmangel in dieser Lebensphase besonders oft unentdeckt.
Dazu kommt ein Umstand, der die Sache in der Perimenopause verschärft: Die Blutungen werden in dieser Zeit häufig stärker und unregelmäßiger. Verstärkte Monatsblutungen über Monate sind der häufigste Grund für Eisenverlust bei Frauen überhaupt. Was dabei normal ist und was abgeklärt gehört, steht im Artikel über Blutungen in der Perimenopause.
Die Zahlen, und warum es mehrere gibt
Hier wird es unübersichtlich, und das gehört dazu, weil es keinen einheitlichen Grenzwert gibt.
Die Weltgesundheitsorganisation definiert niedriges Ferritin bei Erwachsenen mit unter 15 Mikrogramm pro Liter. Das ist ein Schwellenwert für die Feststellung eines manifesten Mangels in der Bevölkerung, kein Behandlungsziel.
In der klinischen Praxis wird ein Eisenmangel häufig bereits unter 30 Mikrogramm pro Liter angenommen. Für den Bereich zwischen 30 und 100 wird empfohlen, zusätzlich die Transferrinsättigung und das CRP zu bestimmen, weil Ferritin als Akute-Phase-Protein bei Entzündungen falsch hoch ausfallen kann.
Als Therapieziel wird vielfach ein Wert um 100 Mikrogramm pro Liter genannt, mit Behandlung bis zur Normalisierung und zum Verschwinden der Symptome.
| Ferritin | Einordnung |
|---|---|
| unter 15 µg/l | Mangel nach WHO-Definition |
| unter 30 µg/l | in der Praxis häufig als Mangel gewertet |
| 30 bis 100 µg/l | Graubereich, Transferrinsättigung und CRP mitbestimmen |
| um 100 µg/l | häufig genanntes Therapieziel |
Warum Ferritin trotzdem irreführen kann
Zwei Fallen sind verbreitet genug, um sie zu kennen.
Die Entzündungsfalle. Ferritin steigt bei Infekten, chronischen Entzündungen, Lebererkrankungen und nach Operationen an. Ein Wert von 80 bei gleichzeitig erhöhtem CRP kann einen Mangel verdecken. Deshalb gehört das CRP mit auf den Zettel. Die Laborwert-Falle. Die Referenzbereiche auf dem Befund sind breit und häufig nach unten offen. Ein Wert von 18 erscheint dann als grün markiert und im Normbereich, obwohl er bei bestehenden Beschwerden behandlungswürdig sein kann. Wer nur auf die Markierung schaut, übersieht das.Es lohnt sich deshalb, nach dem Zahlenwert zu fragen und nicht nach der Einschätzung. Eine Auskunft wie "Eisen ist in Ordnung" sagt nichts darüber, ob überhaupt Ferritin bestimmt wurde.
Was auf den Laborzettel gehört
Wenn du das abklären lassen möchtest, sind vier Werte sinnvoll, und sie kosten zusammen wenig.
Ferritin als Speichermarker. Das kleine Blutbild mit Hämoglobin, um eine Anämie zu erkennen oder auszuschließen. CRP, um die Entzündungsfalle auszuschließen. Und die Transferrinsättigung, besonders im Graubereich.
Wer ohnehin dort ist: Vitamin B12 und Folsäure ergänzen sich sinnvoll, weil deren Mangel ähnliche Beschwerden macht und bei Erschöpfung in dieser Lebensphase genauso oft übersehen wird.
Zur Behandlung, kurz
Eisen wird üblicherweise als Tablette gegeben. Zwei Dinge sind dabei praktisch wichtig.
Erstens die Einnahme: nüchtern und mit etwas Vitamin C wird Eisen besser aufgenommen, Kaffee, Tee, Milch und Kalziumpräparate hemmen die Aufnahme. Ein Abstand von ein bis zwei Stunden zu diesen Dingen macht einen erheblichen Unterschied.
Zweitens die Dauer: Bis die Speicher gefüllt sind, vergehen Monate, nicht Wochen. Eine Kontrolle nach acht bis zwölf Wochen zeigt, ob es wirkt. Wer nach zwei Wochen keine Besserung spürt und absetzt, hat die Behandlung zu früh beendet.
Bei sehr niedrigen Werten, bei Unverträglichkeit der Tabletten oder bei Aufnahmestörungen im Darm kommt eine Infusion infrage. Das ist eine ärztliche Entscheidung und kein Wunschprogramm.
Und die naheliegende Warnung: Eisen auf Verdacht einzunehmen ist keine gute Idee. Ein Zuviel lagert sich ein und schadet. Diese Behandlung setzt eine Messung voraus.
Der Zusammenhang, der am häufigsten übersehen wird
Wenn du unter Restless Legs leidest, also dem Drang, die Beine abends bewegen zu müssen, ist Ferritin der erste Wert, der geprüft gehört. Der Zusammenhang ist hier besonders gut beschrieben, und die Zielwerte liegen bei dieser Beschwerde noch höher als sonst. Mehr dazu im Artikel über Restless Legs in den Wechseljahren.
Ähnliches gilt bei Haarausfall. Auch dort gehört Ferritin zur Grundabklärung, bevor über Präparate gesprochen wird, siehe den Artikel über Haarausfall in den Wechseljahren.
Was du mitnehmen solltest
Ein normales Blutbild schließt einen Eisenmangel nicht aus. Es schließt nur eine Anämie aus, und die ist die letzte Stufe.
Wenn du erschöpft bist, dich schlecht konzentrieren kannst und Haare verlierst, ist Ferritin einer der wenigen Werte, bei denen eine einfache Blutabnahme eine behandelbare Ursache aufdecken kann. Das ist mehr, als man von den meisten Beschwerden dieser Lebensphase sagen kann, und es ist der Grund, warum sich das Nachfragen lohnt.
Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Eisenpräparate gehören nicht ohne vorherige Messung eingenommen. Quellen: Übersichtsdarstellungen zum Eisenmangel ohne Anämie bei rosenfluh.ch und gpnotebook.com · Institut für Medizinische Diagnostik Berlin, Diagnostikinformation zu Ferritin und neuen Entscheidungsgrenzen · medix.ch, Guideline Eisenmangel, zu Grenzwerten, Transferrinsättigung und Therapiezielen · Hessisches Ärzteblatt, "Eisenmangel bei Anämie und Entzündung: Diagnose und Therapie", April 2022, zur Rolle des CRP
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