In der Studie von Hale und Kollegen aus Sydney schickten gesunde Frauen über einen ganzen Zyklus hinweg dreimal pro Woche eine Blutprobe ins Labor. Die Gruppe in der späten Menopausentransition (23 Frauen, 45 bis 55 Jahre) lieferte neun Zyklen ohne Eisprung. Bei den 21 Frauen im mittleren Fortpflanzungsalter waren es zwei, in der frühen Transition einer. Und jetzt der Teil, der in Foren selten erwähnt wird: Das Östradiol in Zyklen mit Eisprung war nicht niedriger, sondern stieg mit der Stufe an, während das Progesteron in der zweiten Zyklushälfte sank (Hale et al. 2007, PMID 17550960).
Kein Wunder, dass das Wort „Östrogendominanz" so gut ankommt. Es beschreibt etwas, das Frauen tatsächlich spüren: Brüste, die spannen, Blutungen, die aus dem Takt geraten, Nächte, in denen man um drei Uhr hellwach ist. Und es bietet eine Erklärung, die in einem Satz passt. Nur ist der Satz größer als der Befund. Hier kommt die Trennung.
Was in der Perimenopause hormonell passiert
Das Bild vom einfachen „Östrogen sinkt" ist für die Jahre vor der letzten Periode falsch. Henry Burger, der die Melbourne Women's Midlife Health Project mitgetragen hat, fasst es 2007 so zusammen: Die Eierstöcke verlieren Follikel, Inhibin B und Anti-Müller-Hormon fallen, das Hirn antwortet mit mehr FSH, und dieses FSH hält die Östradiolwerte bis spät im reproduktiven Leben oben. Die Übergangszeit nennt er „a time of marked hormonal instability", eine Phase deutlicher hormoneller Instabilität (Burger et al. 2007, PMID 17630397).
Jerilynn Prior, Endokrinologin an der University of British Columbia, geht seit den 1990er-Jahren noch einen Schritt weiter. Sie beschreibt Perimenopause als Zeit von drei Veränderungen, die bei regelmäßig menstruierenden Frauen schon ab Mitte dreißig beginnen können: unregelmäßig höheres Östradiol, weniger Progesteron (bei kurzer Gelbkörperphase oder ganz ohne Eisprung) und gestörte Rückkopplung zwischen Eierstock und Hirn. Etwa ein Drittel der perimenopausalen Zyklen enthält demnach einen Östradiolgipfel mitten in der Gelbkörperphase, den sie „luteal out of phase" (LOOP) nennt (Prior und Hitchcock 2011, PMID 21196391; ältere Übersicht: Prior 1998, PMID 9715373).
Das ist der Kern. Ohne Eisprung entsteht kein Gelbkörper, ohne Gelbkörper kein Progesteron, und das Östradiol schwankt trotzdem weiter, manchmal höher als früher. Wie das Zusammenspiel der beiden Hormone grundsätzlich aussieht, steht in Progesteron und Östrogen: der Unterschied.
Woher das Wort kommt
„Estrogen dominance" ist keine Wortschöpfung der Endokrinologie. Auf der Website des amerikanischen Arztes John R. Lee steht es selbst: ein Begriff, den Lee geprägt hat, definiert als abnorm hohes Verhältnis von Estradiol zu Progesteron. Nach eigener Darstellung setzte er in seiner Praxis fast ein Jahrzehnt lang transdermales Progesteron ein. Populär wurde die Idee durch sein Buch „What Your Doctor May Not Tell You About Menopause", das 1996 mit Virginia Hopkins bei Warner Books erschien, und durch das Nachfolgewerk zur Prämenopause 1999. Die Lösung, die er vorschlug, war ein Produkt: natürliche Progesteroncreme.
Das erklärt, warum der Begriff in Heilpraktikerpraxen, Coaching-Programmen und Foren so verbreitet ist und in Leitlinien fehlt. In der Kurzfassung der deutschen S3-Leitlinie zur Peri- und Postmenopause (Ortmann et al. 2020, PMID 32661753) kommt „Östrogendominanz" nicht vor. Die Leitlinie sagt stattdessen etwas Nüchternes: Die Phasen der Menopausentransition lassen sich überwiegend klinisch diagnostizieren, Hormonmessungen sind bei Frauen über 45 mit Beschwerden in der Regel nicht nötig.
Der Unterschied zwischen Beobachtung und Diagnose liegt hier: Dass Östradiol und Progesteron in der Perimenopause aus dem Gleichgewicht geraten können, ist gut belegt. Dass daraus ein einheitliches Krankheitsbild mit eigener Symptomliste und eigener Behandlung wird, ist eine Behauptung, für die ich in den Fachquellen keine Grundlage gefunden habe. Beschwerden wie Zyklusstörungen, Schlafprobleme oder Brustspannen haben viele mögliche Ursachen, darunter Schilddrüse, Eisenmangel, Stress und Medikamente.
Was dich an den Symptomlisten misstrauisch machen darf
Die typische Liste unter „Östrogendominanz" enthält Gewichtszunahme, Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen, schwere Blutungen, Brustspannen, Müdigkeit und Haarausfall. Jeder dieser Punkte kommt in der Perimenopause tatsächlich häufig vor. Aber eine Liste, die auf fast jede Frau zwischen 40 und 55 zutrifft, unterscheidet nichts.
Wie stark ein Teil davon mit dem Zyklus zusammenhängt, zeigt zum Beispiel das Thema PMS in der Perimenopause. Dort geht es um dieselbe Hormonlage, aber mit einer sauber abgegrenzten Fragestellung und belegten Optionen.
Wer sich in diesen Beschwerden wiedererkennt, bildet sich nichts ein. Strittig ist die Erklärung und das, was daraus folgen soll.
Speicheltests und Hormonprofile
Fast jedes Angebot rund um Östrogendominanz kommt mit einem Test: Speichel, Urin, Blut-Trockenspot, oft per Post, oft mit Auswertung in Form einer bunten Grafik. Der Gedanke ist naheliegend. Wenn das Verhältnis das Problem ist, misst man es eben.
Dazu gibt es eine große Datenauswertung, die man kennen sollte. Ein Team um Ruben Arslan (Universität Leipzig) hat Daten aus acht Zyklusstudien mit mehr als 1.200 Teilnehmerinnen und über 9.500 Messzeitpunkten zusammengeführt. Im Blut sagte die Zyklusphase die Hormonwerte sehr gut voraus. Im Speichel dagegen sagte sie die Östradiolwerte schlecht voraus, und die Werte lagen systematisch höher als im Serum. Bei Speichel-Progesteron war die Vorhersagbarkeit gemischt: gering bei enzymgekoppelten Tests, mäßig bei Massenspektrometrie. Die Autoren halten es für möglich, dass man mit dem bevölkerungsüblichen Verlauf aus dem Zyklustag zu verlässlicheren Werten kommt als mit der direkten Messung per Speichel-Immunoassay (Arslan et al. 2023, PMID 36527751).
Dazu kommt ein Problem, das nichts mit der Labortechnik zu tun hat: In der Perimenopause schwanken die Werte von Tag zu Tag und von Zyklus zu Zyklus. Eine einzelne Messung zeigt eine Momentaufnahme eines Systems, das sich gerade deshalb so anfühlt, weil es nicht stillhält. Prior weist selbst darauf hin, dass sich die Nähe zur Menopause mit FSH oder Inhibin B nicht zuverlässig vorhersagen lässt (PMID 21196391).
Die Endocrine Society hat 2016 in einem wissenschaftlichen Statement zu individuell gemischten „bioidentischen" Hormonpräparaten festgehalten, dass es keinen Grund für die routinemäßige Verordnung ungeprüfter, unregulierter und potenziell schädlicher Compounding-Hormone gibt (Santoro et al. 2016, PMID 27032319). Die Behandlung nach Speicheltest und Rezeptur ist damit nicht verboten, aber die Fachgesellschaft sieht für das Standardvorgehen keine Basis.
Was ein Test dagegen leisten kann: Wenn bei einer Frau unter 40 die Periode ausbleibt oder bei einer Frau mit Beschwerden etwas anderes im Raum steht, etwa die Schilddrüse, ist eine Blutuntersuchung in der Praxis sinnvoll. Das ist aber eine ärztliche Abklärung und kein Östrogendominanz-Profil. Eine Übersicht zu den frei verkäuflichen Tests steht in Wechseljahre-Test online.
Progesteroncreme: zwei Studien, zwei Ergebnisse
Lees Produkt war die Creme, und dazu gibt es tatsächlich randomisierte Studien. Sie widersprechen sich.
Leonetti und Kollegen (Obstetrics & Gynecology 1999, PMID 10432132) teilten 102 gesunde Frauen innerhalb von fünf Jahren nach der Menopause zufällig in Progesteroncreme (20 mg täglich) oder Placebo. Bei Hitzewallungen besserten sich oder verschwanden die Beschwerden in 25 von 30 Fällen (83 Prozent) in der Progesterongruppe und in 5 von 26 (19 Prozent) in der Placebogruppe. Die Knochendichte war nach einem Jahr nicht anders.
Wren und Kollegen (Menopause 2003, PMID 12544672) untersuchten in Sydney 80 postmenopausale Frauen über 12 Wochen mit 32 mg Progesteron täglich gegen Placebo. Ergebnis: keine nachweisbare Veränderung bei Hitzewallungen, Stimmung oder Sexualität, auch nicht bei Blutfetten oder Knochenmarkern, obwohl der Progesteronspiegel im Blut leicht anstieg. Die Autoren folgerten, dass über die Haut offenbar nicht genug Hormon aufgenommen wird, um eine biologische Wirkung zu erzielen.
Zwei kleine Studien, zwei Richtungen. Damit lässt sich die Creme weder als wirksam noch als unwirksam erklären. Beide Studien betrafen Frauen nach der Menopause und untersuchten Hitzewallungen, Knochen und Stimmung, nicht die Perimenopause mit ihren Zyklusbeschwerden und nicht den Schutz der Gebärmutterschleimhaut.
Genau dort liegt eine Verwechslung, die man kennen sollte. Wer Östrogen nimmt und noch eine Gebärmutter hat, braucht ein Gestagen, das die Schleimhaut zuverlässig schützt. Die S3-Leitlinie weist darauf hin, dass zu kurze Anwendung oder der Ersatz synthetischer Gestagene durch natürliches Progesteron das Risiko für eine Schleimhautwucherung erhöhen kann (PMID 32661753). Warum das eine Frage der Gestagenart und der Dauer ist und nicht der Creme, erklärt Hormonspirale in den Wechseljahren: Was sie schützt und was nicht.
Was du mit dem Wissen anfangen kannst
Eine Therapieempfehlung gibt es hier nicht. Aber drei Fragen lassen sich sauber trennen.
Was ist belegt? In der Perimenopause schwanken Östradiol und Progesteron, oft mit mehr Anovulation und weniger Progesteron in der zweiten Zyklushälfte. Das erklärt plausibel, warum Zyklus, Schlaf und Stimmung ab Mitte vierzig wackeln können. Was ist Behauptung? Dass ein einzelner Test eine „Dominanz" sichtbar macht und dass eine Creme sie behebt. Für beides gibt es keine tragfähige Evidenz, für die Creme nur widersprüchliche kleine Studien. Was hilft bei der Praxis? Ein Zyklustagebuch über zwei bis drei Monate, mit Blutungsstärke, Schlaf und Stimmung, sagt einer Ärztin mehr als jedes Speichelprofil. Wer ein Angebot mit Test und Rezeptur im Blick hat, kann fragen, wofür genau gemessen wird, welche Konsequenz ein Wert hätte und was passiert, wenn er ganz anders ausfällt als beim letzten Mal.Wer in der Heilpraktikerpraxis oder im Forum auf „Östrogendominanz" gestoßen ist, hat etwas Richtiges gelesen und eine zu große Schlussfolgerung bekommen. Die Beobachtung stimmt, der Name trägt nicht, und das Angebot dahinter hat weder eine Leitlinie noch belastbare Studien zu Speicheltests und Cremes im Rücken.
Quellen
- Hale GE, Zhao X, Hughes CL, Burger HG, Robertson DM, Fraser IS. Endocrine features of menstrual cycles in middle and late reproductive age and the menopausal transition classified according to the Staging of Reproductive Aging Workshop (STRAW) staging system. J Clin Endocrinol Metab 2007. PMID 17550960
- Burger HG, Hale GE, Dennerstein L, Robertson DM. A review of hormonal changes during the menopausal transition: focus on findings from the Melbourne Women's Midlife Health Project. Hum Reprod Update 2007. PMID 17630397
- Prior JC, Hitchcock CL. The endocrinology of perimenopause: need for a paradigm shift. Front Biosci (Schol Ed) 2011. PMID 21196391
- Prior JC. Perimenopause: the complex endocrinology of the menopausal transition. Endocr Rev 1998. PMID 9715373
- Ortmann O, et al. Peri- and postmenopause: diagnosis and interventions, interdisciplinary S3 guideline (AWMF 015/062), short version. Arch Gynecol Obstet 2020. PMID 32661753
- Arslan RC, et al. Not within spitting distance: salivary immunoassays of estradiol have subpar validity for predicting cycle phase. Psychoneuroendocrinology 2023. PMID 36527751
- Santoro N, et al. Compounded bioidentical hormones in endocrinology practice: an Endocrine Society scientific statement. J Clin Endocrinol Metab 2016. PMID 27032319
- Leonetti HB, Longo S, Anasti JN. Transdermal progesterone cream for vasomotor symptoms and postmenopausal bone loss. Obstet Gynecol 1999. PMID 10432132
- Wren BG, et al. Transdermal progesterone and its effect on vasomotor symptoms, blood lipid levels, bone metabolic markers, moods, and quality of life for postmenopausal women. Menopause 2003. PMID 12544672
- Lee JR, Hopkins V. What Your Doctor May Not Tell You About Menopause. Warner Books, New York 1996; johnleemd.com (Seite „Estrogen Dominance")
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