95 Prozent. So viele jüngere Erwachsene in Deutschland gelten laut der Sechsten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS 6) als parodontal erkrankt. Nur knapp 4 Prozent haben ein gesundes Zahnfleisch im fachlichen Sinn. Die Zahlen nennt Rainer Jordan vom Institut der Deutschen Zahnärzte in den Zahnärztlichen Mitteilungen, Ausgabe 12/2026. Die Studie ist die erste bevölkerungsweite, die die seit 2018 geltende neue Klassifikation der Parodontalerkrankungen angewendet hat. Die Datenerhebung endete im September 2023.
Bevor du jetzt in Panik gerätst: "erkrankt" heißt in dieser Einteilung auch Stadium I, also die leichte Form. Trotzdem steckt in der Studie ein Befund, der gerade für Frauen um die 50 interessant ist. Die Dynamik beginnt nicht erst im Seniorenalter. Innerhalb von neun Jahren entwickelten 19 Prozent der jüngeren Erwachsenen eine schwere Form, das ist laut Jordan eine Verdopplung der schweren Fälle in dieser Lebensphase. Und 63 Prozent der zuvor Gesunden erkrankten im selben Zeitraum.
Neun Jahre sind ziemlich genau das Fenster, in dem bei vielen Frauen die Perimenopause beginnt, die Menopause kommt und die Hormone sich neu sortieren. Ob die Wechseljahre dem Zahnfleisch zusätzlich zusetzen, ist eine berechtigte Frage. Die ehrliche Antwort lautet: wahrscheinlich ein bisschen, aber die Beweislage ist dünner, als viele Ratgeber behaupten.
Was die Studienlage zu Menopause und Zahnfleisch sagt
Die aktuellste Übersichtsarbeit stammt von einem Team um Martín und Rus und erschien im März 2026 in der Fachzeitschrift Clinical Oral Investigations (Martín et al., 2026). Sie verglich Frauen vor und nach der Menopause, die keine Hormontherapie nutzten. Neun Beobachtungsstudien erfüllten die Kriterien. Das Ergebnis: Nach der Menopause zeigten sich stärkerer Attachmentverlust (das Zahnfleisch haftet schlechter am Zahn), tiefere Zahnfleischtaschen und deutlichere Entzündungszeichen.
Der Haken steht im selben Abstract. Die Autoren stufen die Aussagesicherheit als mäßig bis niedrig ein, vor allem weil die Studien methodisch zu unterschiedlich sind. Sie nennen die Evidenz schwach und fordern hochwertige Langzeitstudien, bevor daraus Leitlinien werden. Das ist kein Freispruch für die Wechseljahre, aber auch kein Beweis. Die Studien vergleichen Gruppen, nicht dieselben Frauen über die Zeit. Alter spielt mit hinein, Rauchen, Zahnarztbesuche, Zucker. Das lässt sich nur teilweise herausrechnen.
Biologisch ist die Idee plausibel. In der Mundschleimhaut und den Speicheldrüsen sitzen Östrogenrezeptoren, das hat der Artikel über Zungenbrennen und Mundtrockenheit schon ausgeführt. Sinkt das Östrogen, sinkt auch der Speichelfluss, und der Speichel verliert antibakterielle Bestandteile. Weniger Speichel heißt mehr Plaque, die länger am Zahnfleischrand liegen bleibt. Das ist ein Erklärungsmodell, kein bewiesener Mechanismus für jede einzelne Frau.
Der Kieferknochen: Wo Osteoporose ins Spiel kommt
Zähne sitzen in einem Knochenfach, und das Zahnfleisch ist nur die Weichteilschicht darüber. Wenn der Knochen insgesamt nachgibt, steht die Frage im Raum, ob es dem Kiefer ähnlich geht. Hier ist die Datenlage etwas konkreter, aber ebenfalls kleinteilig.
Eine Forschergruppe um Penoni in Brasilien untersuchte 134 Frauen zwischen 65 und 80 Jahren. Knochenfragilität sagte über zehn Jahre schweren Attachmentverlust voraus. Wer den besseren Knochenstatus hatte, hatte auch seltener schwere Parodontitis und Zahnverlust. Bemerkenswert ist der zweite Teil: Sobald die Forscher die Einnahme von Osteoporosemedikamenten einrechneten, verschwand der Zusammenhang. Die Autoren folgern, dass die Medikamente womöglich auch den Zahnhalteapparat schützen, und dass regelmäßige parodontale Nachsorge den Effekt niedriger Knochendichte abfedert (Penoni et al., JDR Clinical & Translational Research 2018).
Eine Folgearbeit derselben Gruppe mit 110 Frauen drehte die Frage um. Macht Parodontitis den Knochen insgesamt schlechter? Nein, die Knochendichte hing nicht an der Parodontitis. Dafür hatten Frauen, deren Frakturrisiko-Score FRAX über der Interventionsschwelle lag, eine höhere Chance auf fortgeschrittene Parodontitis der Stadien III und IV (Odds Ratio 1,13) (Penoni et al., Archives of Osteoporosis 2019). Die Autoren halten den Score deshalb für ein brauchbares Signal, wann ein Blick auf das Zahnfleisch angebracht ist.
Praktisch heißt das: Wenn bei dir eine Osteoporose oder ein erhöhtes Frakturrisiko festgestellt wurde, sag es deiner Zahnarztpraxis. Und umgekehrt, wenn du erst durch den Zahnarzt auf Knochenabbau am Kiefer aufmerksam wirst, ist ein Gespräch über deine Osteoporose-Vorsorge sinnvoll. Die Studien sind klein und beziehen sich auf ältere Frauen, sie zeigen eine Richtung und keine Gewissheit. Auch Vitamin D gehört zur Knochenfrage, wobei hier keine Studie belegt, dass die Einnahme dein Zahnfleisch direkt verbessert.
Warnzeichen: Woran du Probleme erkennst
Parodontitis ist heimtückisch, weil sie lange nicht wehtut. Die Deutsche Gesellschaft für Parodontologie (DG PARO) schreibt, der Verlauf sei zumeist langsam und schmerzlos, leichte und moderate Formen zeigten über viele Jahre wenige Symptome. Gingivitis und frühe Parodontitis sind für Betroffene nicht zu unterscheiden. Die ersten und oft einzigen Anzeichen sind Veränderungen am Zahnfleisch, die viele nicht richtig einordnen, bis ein Zahn locker wird.
Die DG PARO nennt auf ihrer Patientenseite diese Warnsignale (DG PARO):
- häufiges Zahnfleischbluten, beim Putzen oder spontan, etwa beim Kauen
- gerötetes, geschwollenes Zahnfleisch
- dauerhafter Mundgeruch oder unangenehmer Geschmack
- Zahnfleisch, das sich zurückzieht, sodass die Zähne länger wirken
- empfindliche Zahnhälse
- Eiter an den Zahnfleischtaschen
- Zähne, die locker werden oder wandern
Zahnfleischbluten ist nach dieser Liste ein Entzündungszeichen und keine Nebensache. Wer es häufiger bemerkt, sollte es in der Praxis ansprechen, statt abzuwarten. Die DG PARO bietet außerdem einen mit der Universität Greifswald validierten Online-Selbsttest an.
Was hilft: Zwischenräume, Praxis, Kasse
Die DG PARO nennt individuelle Mundhygiene und Rauchverzicht als die beiden am stärksten beeinflussbaren Risikofaktoren. Für die Zahnzwischenräume empfiehlt sie Interdentalraumbürsten in passender Größe. Sind die Räume zu eng, ist Zahnseide das Mittel der Wahl. Das ist weniger glamourös als jede Mundspülung, aber es trifft genau die Stellen, an denen das Zahnfleisch zuerst leidet. Jordan weist in der DMS-6-Auswertung ebenfalls darauf hin, wie wichtig Fertigkeiten zur Reinigung der Interdentalräume sind. Sie sollten möglichst früh gelernt werden.
Bei Mundtrockenheit, die in den Wechseljahren häufiger wird, helfen Maßnahmen aus dem Artikel zu Zungenbrennen und Mundtrockenheit: kleine Mengen Wasser über den Tag verteilt, Speichelfluss anregen, reizarme Pflege ohne Alkohol in der Mundspülung. Der Artikel nennt auch engere Kontrollintervalle bei verringertem Speichelfluss.
Die Behandlung bezahlt in der Regel die Kasse. Seit 2021 gilt die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses zur systematischen Behandlung von Parodontitis und anderen Parodontalerkrankungen. Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung beschreibt sie als Neugestaltung der vertragszahnärztlichen Parodontitisbehandlung (KZBV). Zu dieser Behandlungsstrecke in der gesetzlichen Krankenversicherung gehört auch die Nachsorge, die Unterstützende Parodontitistherapie. Für die Praxis gilt: Wenn deine Zahnärztin oder dein Zahnarzt eine Parodontitis feststellt, ist die Behandlung kein Luxus, sondern Kassenleistung. Die Prävention, so Jordan, sei die größte sozialmedizinische Aufgabe, und die Behandlungsstrecke werde durch die Budgetierung ausgebremst. Es kann also sein, dass du auf einen Termin warten musst.Nach der Therapie ist die regelmäßige Nachsorge der Teil, der Ergebnisse hält. Die DMS 6 zeigt, dass Parodontitis in Schüben verläuft: lange stabile Phasen, unterbrochen von kurzen Episoden mit rasch zunehmender Krankheitsaktivität. Wer nach der Behandlung nicht mehr hingeht, verpasst genau diese Episoden.
Rauchen und Diabetes: die zwei großen Verstärker
Rauchen gehört laut DG PARO zu den am stärksten beeinflussbaren Risikofaktoren. Rauchende erkranken deutlich häufiger an Parodontitis, der Verlauf ist schwerer, und die Behandlung spricht schlechter an. Das gilt unabhängig von den Wechseljahren, und wer in dieser Lebensphase ohnehin mit Knochen und Herz-Kreislauf-System zu tun hat, gewinnt durch einen Rauchstopp gleich mehrfach.
Diabetes mellitus kann laut DG PARO erhebliche Auswirkungen auf die Mundhöhle haben und das Risiko für Parodontitis verstärken. Die Fachgesellschaft führt Parodontitis außerdem als mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaftskomplikationen und Demenz verbunden auf. Die DMS 6 hat beides mituntersucht, und das IDZ schreibt auf seiner Website, Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen hätten häufiger eine schwere Parodontitis. Falls du Bluthochdruck hast, lohnt sich der Blick in den Artikel zu Bluthochdruck in den Wechseljahren.
Und die Hormontherapie?
Naheliegend wäre der Gedanke: Fehlt Östrogen, gibst du es zurück, und das Zahnfleisch erholt sich. So einfach ist es nicht. Eine systematische Übersicht in Oral Diseases wertete 15 Studien zu Hormonersatztherapie und Parodontalparametern aus, alle an Frauen nach der Menopause (Chaves et al., 2020). Die Blutung auf Sondierung sank unter Hormontherapie um 9 bis 30,3 Prozent, die Befunde zu Taschentiefe und Attachmentgewinn waren uneinheitlich, der Knochenabbau im Röntgenbild blieb unbeeinflusst. Die Autoren bewerten die Evidenz als sehr schwach, wenn auch in der Blutungsfrage konsistent. Ihr Fazit: Es gibt keine Evidenz dafür, Hormone zum Zweck der Parodontalgesundheit zu verschreiben.
Die Hormontherapie ist also kein Zahnfleischmittel. Wenn du sie aus anderen Gründen nutzt oder erwägst, sind die Abwägungen in HRT 2026: Was wirklich zählt und Hormontherapie in den Wechseljahren: Risiken die richtige Grundlage. Dass sich das Zahnfleisch dabei vielleicht etwas beruhigt, ist ein möglicher Nebeneffekt, aber kein Argument.
Was du konkret tun kannst
Nichts davon ist spektakulär. Es deckt sich mit dem, was die DG PARO empfiehlt.
Beginne mit der Reinigung der Zahnzwischenräume, mit Bürstchen in passender Größe oder, wo es zu eng ist, mit Zahnseide. Lass bei der nächsten Kontrolle ausdrücklich den Zahnfleischbefund erheben, also die Messung der Taschentiefen und die Blutung auf Sondierung, und frag nach, was dabei herauskam. Erwähne dabei Wechseljahresbeschwerden, Mundtrockenheit, Osteoporose oder Medikamente, die du nimmst. Wenn du rauchst, ist das der wirksamste einzelne Hebel. Bei Diabetes sprich den Zahnfleischbefund ebenfalls an. Und wenn die Diagnose Parodontitis lautet, nimm die Kassenbehandlung samt Nachsorge wahr, auch wenn der Termin nicht sofort frei ist.
Die ehrliche Gesamtlage ist übrigens besser, als es die 95 Prozent aus der DMS 6 klingen lassen. Jordan weist darauf hin, dass Parodontitis grundsätzlich langsam und chronisch fortschreitet. Die durchschnittliche Tiefe der Zahnfleischtaschen nahm bei Erwachsenen in neun Jahren nur um 0,2 Millimeter zu. Wer früh hinschaut, hat in der Regel Zeit. Nur ist das Fenster eben nicht in der Seniorenpraxis, sondern genau jetzt.
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