Tinnitus in den Wechseljahren: Was die Studien über Östrogen und Ohrgeräusche wirklich sagen

Tinnitus in den Wechseljahren: Was die Studien über Östrogen und Ohrgeräusche wirklich sagen

Im Jahr 2001 färbten Forscherinnen und Forscher am Karolinska-Krankenhaus in Stockholm Gewebeschnitte menschlicher Innenohren mit Antikörpern an. Sie suchten nach Andockstellen für Östrogen, und sie fanden welche: den Östrogenrezeptor alpha im Spiralganglion, also dort, wo die Hörnervenzellen sitzen, und den Rezeptor beta in der Stria vascularis, dem gut durchbluteten Gewebestreifen, der die Flüssigkeit der Hörschnecke im Gleichgewicht hält. Veröffentlicht wurde das in Hearing Research (Stenberg und Kollegen, 2001).

Das ist erst einmal nur ein Befund aus dem Labor. Aber er erklärt, warum die Frage überhaupt gestellt wird. Wenn das Ohr auf Östrogen reagieren kann, dann kann es auch darauf reagieren, dass Östrogen fehlt oder schwankt. Und genau das passiert in der Perimenopause.

Die ehrliche Antwort auf die Frage "Kommt mein Tinnitus von den Wechseljahren?" lautet trotzdem: Das weiß im Einzelfall niemand, und die Studienlage ist widersprüchlicher, als viele Ratgeberseiten tun. Resignieren muss deshalb niemand. Es gibt eine Handvoll Dinge, die gut belegt sind, und um die geht es weiter unten.

Wie häufig Tinnitus überhaupt ist

Ein Ohrgeräusch ist keine Seltenheit. Eine Metaanalyse in JAMA Neurology (Jarach und Kollegen, 2022) wertete 113 Studien aus den Jahren 1972 bis 2021 aus und kam auf eine weltweite Häufigkeit von 14,4 Prozent bei Erwachsenen. Bei den 18- bis 44-Jährigen waren es 9,7 Prozent, bei den 45- bis 64-Jährigen 13,7 Prozent. Hochgerechnet sind das mehr als 740 Millionen Menschen.

Bemerkenswert: Zwischen Männern und Frauen fand die Analyse keinen signifikanten Unterschied, 14,1 gegenüber 13,1 Prozent. Tinnitus ist also keine Frauenkrankheit und schon gar keine reine Wechseljahresbeschwerde. Er wird mit dem Alter häufiger, bei allen.

Im Internet kursiert die Zahl, bis zu 30 Prozent der Frauen bekämen in den Wechseljahren einen Tinnitus. Eine belastbare Studie dahinter habe ich nicht gefunden. Ich würde diese Zahl nicht weitererzählen.

Die Studien, die für einen Zusammenhang sprechen

Die stärkste Einzelstudie kommt aus Taiwan. Chen und Kollegen werteten 2018 in Oncotarget die Daten der nationalen Krankenversicherung aus: 13.920 Frauen zwischen 45 und 79 Jahren, die eine Hormonersatztherapie bekamen, verglichen mit 41.760 Frauen ohne. Beobachtet wurden sie im Mittel gut sechs Jahre. Tinnitus wurde bei 0,43 Prozent der Hormonanwenderinnen diagnostiziert und bei 0,59 Prozent der Vergleichsgruppe. Nach Abgleich weiterer Faktoren entsprach das einem etwa halbierten Risiko (Hazard Ratio 0,505).

Das klingt eindeutig, hat aber Haken, und die Autorinnen und Autoren nennen sie selbst: Dosis und Dauer der Hormontherapie waren nicht vollständig erfasst, und die Datenbank enthielt weder Hörtests noch eine genauere Einordnung des Tinnitus. Außerdem sind 0,5 Prozent diagnostizierter Tinnitus weit weg von den 13 Prozent, die in Befragungen angeben, ein Ohrgeräusch zu haben. Erfasst wurde also nur die Spitze, die bei Ärztinnen und Ärzten ankam.

Ein zweiter Hinweis kommt aus Korea, allerdings von jüngeren Frauen. Yu und Kollegen untersuchten 2019 in Scientific Reports 4.633 Frauen vor der Menopause aus der nationalen Gesundheitsbefragung. 21,6 Prozent hatten Tinnitus. Frauen mit unregelmäßigem Zyklus hatten häufiger Ohrgeräusche, und je länger die Unregelmäßigkeit dauerte, desto deutlicher: Das Chancenverhältnis lag bei 1,37 für bis zu drei Monate und bei 1,71 für mehr als drei Monate. Unregelmäßige Zyklen sind genau das, was die Perimenopause ausmacht. Aber es ist eine Querschnittsstudie. Sie zeigt ein gemeinsames Auftreten, keine Ursache.

Die Studie, die nicht ins Bild passt

Jetzt wird es unbequem. Die größte prospektive Untersuchung zum Thema Hören und Menopause kommt aus der Nurses' Health Study II in den USA. Curhan und Kollegen begleiteten 80.972 Frauen von 1991 bis 2013 und veröffentlichten die Ergebnisse 2017 in Menopause.

Die Menopause selbst, ob natürlich oder durch Operation, erhöhte das Risiko für Hörverlust insgesamt nicht. Frauen mit später Menopause ab 50 hatten ein leicht höheres Risiko (relatives Risiko 1,10). Und dann der Teil, den niemand erwartet hatte: Frauen, die Hormone in Tablettenform nahmen, hatten ein höheres Risiko für Hörverlust, und zwar umso höher, je länger sie sie nahmen. Nach fünf bis knapp zehn Jahren lag das relative Risiko bei 1,15, nach zehn und mehr Jahren bei 1,21.

Diese Studie hat Hörverlust untersucht, nicht Tinnitus. Aber das eine hängt eng am anderen: Laut der deutschen S3-Leitlinie haben über 90 Prozent der Menschen mit chronischem Tinnitus zugleich einen messbaren Hörverlust. Wer also aus der taiwanischen Studie ableitet, Hormone schützten das Ohr, muss die amerikanische Kohorte daneben legen, die über zwei Jahrzehnte das Gegenteil für das Hören fand.

Meine Einschätzung: Beide Studien sind Beobachtungsdaten, beide haben Schwächen, und keine rechtfertigt es, eine Hormontherapie wegen eines Ohrgeräuschs zu beginnen. Die Leitlinie zum Tinnitus erwähnt Hormone als Therapie nicht. Wer aus anderen Gründen über eine Hormontherapie nachdenkt, findet im Artikel zu den Risiken der Hormontherapie die Abwägung. Ein Tinnitus ist dabei kein Argument in die eine oder andere Richtung.

Warum die Wechseljahre trotzdem eine Rolle spielen können

Wenn Hormone nicht direkt als Ursache belegt sind, heißt das nicht, dass die Lebensphase egal ist. Die S3-Leitlinie "Chronischer Tinnitus" (AWMF-Register 017/064, 2021) beschreibt ausführlich, was einen Tinnitus verstärkt oder belastender macht: Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Angst und Depressivität gehören zu den typischen Begleiterkrankungen.

Das sind ausgerechnet die Beschwerden, die sich in der Perimenopause häufen. Wer nachts dreimal schweißnass aufwacht, hört in der Stille um drei Uhr das Pfeifen besonders laut. Wer ohnehin angespannt ist, empfindet es als Bedrohung. Mehr zum Schlaf steht im Artikel über Schlafstörungen in den Wechseljahren.

Einen zweiten Weg nennt die Leitlinie ausdrücklich: den somatosensorischen Tinnitus, der mit Beschwerden in Kiefer, Kaumuskulatur und Halswirbelsäule zusammenhängt. Bei dieser Untergruppe ist das Gehör meist normal, die Betroffenen sind im Schnitt jünger, und Frauen sind überrepräsentiert. Wer also ein Ohrgeräusch hat, das sich beim Zähnezusammenbeißen oder bei bestimmten Kopfbewegungen verändert, sollte das beim Termin erwähnen. Verspannungen im Nacken sind in dieser Lebensphase häufig, dazu mehr im Artikel über Nackenschmerzen in den Wechseljahren.

Und ein dritter Punkt, der schlicht vergessen wird: Die Schilddrüse. Die Leitlinie führt Schilddrüsenwerte unter den Laboruntersuchungen auf, die bei der Abklärung in Frage kommen. Schilddrüsenstörungen sind bei Frauen in diesem Alter häufig und überschneiden sich stark mit Wechseljahresbeschwerden, siehe Schilddrüse oder Wechseljahre.

Wann ein Ohrgeräusch nicht warten sollte

Die meisten Ohrgeräusche sind harmlos im medizinischen Sinn, auch wenn sie belasten. Einige Konstellationen gehören aber zügig zur HNO-Ärztin oder zum HNO-Arzt:

Wenn das Geräusch im Takt des Herzschlags pulsiert: Ein pulssynchroner Tinnitus entsteht oft gar nicht im Ohr, sondern in Blutgefäßen in der Nähe. Das Deutsche Ärzteblatt hat ihm einen eigenen Übersichtsbeitrag gewidmet. Mögliche Ursachen reichen von Bluthochdruck über Gefäßveränderungen bis zu seltenen Tumoren. Das ist kein Grund zur Panik, aber einer für eine gezielte Untersuchung, oft mit Bildgebung.

Wenn es nur auf einer Seite zu hören ist: Einseitiger Tinnitus sollte abgeklärt werden, weil hinter ihm andere Ursachen stehen können als hinter beidseitigem.

Wenn das Hören plötzlich schlechter wird: Ein Tinnitus zusammen mit einem plötzlichen Hörverlust, einem Druckgefühl im Ohr oder Drehschwindel ist ein Fall für einen raschen Termin, nicht für die nächste Routinekontrolle. Mehr zum Schwindel im Artikel über Schwindel und Benommenheit in den Wechseljahren.

Und wenn Lähmungen, Sprachstörungen, Sehstörungen oder heftige Kopfschmerzen dazukommen, ist das ein Notfall. Dann 112 wählen, nicht die Praxis anrufen.

Was laut Leitlinie hilft

Die S3-Leitlinie ist in dieser Hinsicht erfrischend deutlich, und zwar in beide Richtungen.

Am Anfang steht Aufklärung. Die Leitlinie nennt Aufklärung und Beratung ("Counselling") ausdrücklich als Grundlage jeder Therapie. Wer versteht, dass das Geräusch im Hörsystem entsteht und in aller Regel nicht gefährlich ist, verliert einen guten Teil der Angst davor.

Die beste Evidenz hat die kognitive Verhaltenstherapie. Eine Cochrane-Metaanalyse mit 28 Studien und 2.733 Teilnehmenden, auf die sich die Leitlinie stützt, zeigte, dass die tinnitusspezifische Verhaltenstherapie die Belastung verringert und Begleitsymptome wie Depressivität und Ängste mindert. Das Geräusch verschwindet dadurch meist nicht, es rückt in den Hintergrund. Klingt bescheiden. Wer nachts wegen eines Pfeifens wach liegt, wird das anders sehen.

Hat das Gehör nachgelassen, kommen Hörgeräte ins Spiel. Die Leitlinie empfiehlt Hörgeräte bei chronischem Tinnitus mit Hörverlust. Das ist naheliegend: Wenn das Ohr weniger Umgebungsgeräusch liefert, füllt das Gehirn die Lücke gewissermaßen selbst auf. Ein Hörtest gehört deshalb zu jeder Abklärung, auch wenn du selbst das Gefühl hast, gut zu hören.

Und dann gibt es noch eine App auf Rezept. Die Tinnitus-App Kalmeda, ein verhaltenstherapeutisches Programm, war die erste Anwendung im Verzeichnis digitaler Gesundheitsanwendungen des BfArM und wurde nach der Erprobungsphase dauerhaft aufgenommen. Sie kann ärztlich verordnet werden, die Kosten übernimmt dann die gesetzliche Krankenkasse.

Was laut Leitlinie nicht hilft

Hier wird es für viele ernüchternd. Die Leitlinie spricht sich mit starkem Konsens gegen eine medikamentöse Behandlung speziell des Tinnitus aus, weil es keinen ausreichenden Wirksamkeitsnachweis gibt, wohl aber mögliche Nebenwirkungen. Namentlich aufgeführt sind unter anderem Betahistin, Ginkgo, Antidepressiva (als Tinnitusmittel), Benzodiazepine, Zink, Melatonin, Cannabis, Steroide und Gabapentin. Auch für Nahrungsergänzungsmittel gibt es keine belastbare Grundlage.

Ginkgo steht in fast jeder Apotheke im Regal, oft mit dem Wort "Ohrgeräusche" auf der Packung. Die Leitlinie stützt sich hier auf Cochrane-Analysen, die keinen Nutzen fanden. Ich finde das eine der nützlichsten Informationen dieses ganzen Themas: Sie spart Geld und Hoffnung, die man besser in eine Verhaltenstherapie steckt.

Antidepressiva haben trotzdem ihren Platz, nämlich dann, wenn eine Depression oder Angststörung neben dem Tinnitus besteht. Dann wird die Depression behandelt, nicht das Geräusch.

Was du konkret tun kannst

Lass das Ohrgeräusch einmal gründlich abklären, mit Hörtest. Das ist die Voraussetzung für alles andere, und es schließt die seltenen, aber behandlungsbedürftigen Ursachen aus.

Beschreibe beim Termin genau: Pfeifen oder Rauschen, ein- oder beidseitig, pulsierend oder gleichbleibend, verändert es sich beim Kauen oder bei Kopfbewegungen, seit wann, und wie steht es um deinen Schlaf. Diese Angaben lenken die Diagnostik.

Frag nach tinnitusspezifischer Verhaltenstherapie oder der verordnungsfähigen App, wenn das Geräusch dich belastet. Und spar dir das Geld für Präparate, die die Leitlinie ausdrücklich nicht empfiehlt.

Und wenn du eine Hormontherapie nimmst oder erwägst: Besprich den Tinnitus mit deiner Frauenärztin, aber erwarte nicht, dass er ein Grund dafür oder dagegen ist. Die Daten geben das schlicht nicht her.


Quellen: Stenberg AE et al.: "Estrogen receptors in the normal adult and developing human inner ear and in Turner's syndrome", Hearing Research, 2001 (PMID 11470188) · Jarach CM et al.: "Global Prevalence and Incidence of Tinnitus: A Systematic Review and Meta-analysis", JAMA Neurology, 2022 (14,4 Prozent, 113 Studien) · Chen et al.: "Hormone replacement therapy decreases the risk of tinnitus in menopausal women: a nationwide study", Oncotarget, 2018 (n = 13.920 und 41.760, HR 0,505) · Yu JN et al.: "Association between menstrual cycle irregularity and tinnitus: a nationwide population-based study", Scientific Reports, 2019 (n = 4.633, OR 1,37 und 1,71) · Curhan SG et al.: "Menopause and postmenopausal hormone therapy and risk of hearing loss", Menopause, 2017 (n = 80.972, RR 1,15 und 1,21) · AWMF S3-Leitlinie "Chronischer Tinnitus", Register-Nr. 017/064, Stand September 2021 · Hesse G, Kastellis G, Mazurek B: "S3-Leitlinie zu chronischem Tinnitus überarbeitet", HNO Nachrichten, 2022 · Deutsches Ärzteblatt: "Pulssynchroner Tinnitus: Von Ohrgeräuschen, die nicht im Ohr entstehen" · BfArM, DiGA-Verzeichnis, Eintrag Kalmeda (00350) Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er fasst den veröffentlichten Forschungsstand zusammen; die Einordnung des Einzelfalls gehört in fachkundige Hände.

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