Gebärmuttersenkung in den Wechseljahren: Was ein Deszensus bedeutet, was hilft und wann eine Operation Thema wird

Gebärmuttersenkung in den Wechseljahren: Was ein Deszensus bedeutet, was hilft und wann eine Operation Thema wird

In den Vereinigten Staaten wurden über 27.000 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren, die an der großen Women's Health Initiative teilnahmen, bei der Aufnahme in die Studie gynäkologisch untersucht. Nicht, weil sie Beschwerden hatten, sondern weil es zum Protokoll gehörte. Bei den Frauen mit Gebärmutter fand sich in 14,2 Prozent der Fälle eine Gebärmuttersenkung, bei 34,3 Prozent eine Blasensenkung und bei 18,6 Prozent eine Enddarmsenkung (Hendrix und Kollegen, American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2002).

Man darf die Zahlen ruhig kurz sacken lassen. Sie heißen: Wer in den Wechseljahren oder danach zum ersten Mal hört, die Gebärmutter sei "etwas abgesenkt", gehört zu einer sehr großen Gruppe. Und sie heißen auch, dass ein Befund beim Frauenarzt allein noch keine Krankheit ist. Entscheidend ist, ob du etwas davon merkst und wie sehr es dich stört.

Dieser Artikel erklärt, was bei einer Senkung eigentlich passiert, warum die Wechseljahre dabei eine Rolle spielen (und welche nicht), woran du sie erkennst und was die aktuelle deutsche Leitlinie zu Beobachten, Beckenbodentraining, Pessar und Operation sagt.

Was "Senkung" eigentlich heißt

Medizinisch heißt das Ganze Descensus genitalis, in der Alltagssprache Senkung. Gemeint ist, dass Organe im kleinen Becken tiefer treten, als sie sollten: die Blase (Zystozele), der Enddarm (Rektozele), die Gebärmutter, die Scheide selbst oder Dünndarmschlingen. Die Organe werden von Beckenboden, Bändern und Bindegewebe gehalten. Lässt diese Haltefunktion nach, rutscht etwas nach unten in Richtung Scheidenausgang.

Die AWMF-Leitlinie zum Thema (S2e, Registernummer 015-006, Fassung 2026) macht eine feine Unterscheidung, die in der Praxis oft verloren geht: Ein Deszensus, der über den Scheideneingang hinausgeht, heißt im deutschsprachigen Raum Prolaps. In der englischsprachigen Literatur wird dagegen jede Senkung "prolapse" genannt. Wenn du also internationale Studien liest, ist mit "Prolaps" meist das gemeint, was wir hier Senkung nennen.

Ärztinnen und Ärzte stufen den Befund nach einem Schema namens POP-Q in Stadien ein. Zum Verständnis reicht eine Faustregel aus der Leitlinie: Symptome treten häufig erst auf, wenn die tiefste Stelle den Hymenalsaum, also den Rand des Scheideneingangs, erreicht. Nur etwa ein Viertel der Frauen mit einem Stadium-II-Befund gibt überhaupt einen Leidensdruck an.

Woran du es merkst

Die Leitlinie nennt als typische Beschwerden, die meist ab Stadium 2 auftreten:

  • Fremdkörpergefühl, als säße etwas in der Scheide
  • Ziehen im Unterleib und das Gefühl, dass etwas nach unten drückt
  • eine tastbare oder sichtbare Vorwölbung am Scheideneingang
  • Probleme mit der Blase: das Gefühl, nicht ganz leer zu werden, häufiger Harndrang, bei größeren Befunden schwacher Strahl und Pressen beim Wasserlassen
  • Probleme mit dem Stuhlgang, bei manchen Frauen auch beim Sex

Viele Frauen beschreiben, dass der Druck nach langem Stehen, Tragen oder Husten stärker wird. Das ist plausibel, weil Schwerkraft und Bauchdruck dann am stärksten wirken, ist aber meine Einordnung und keine Aussage der Leitlinie.

Wenn dein Hauptproblem ein diffuses Ziehen im Unterbauch ist und du nicht weißt, woher es kommt, hilft zuerst der Überblick im Artikel Unterleibsschmerzen in den Wechseljahren. Eine Senkung ist dort nur eine von mehreren möglichen Ursachen.

Was die Wechseljahre damit zu tun haben, und was nicht

Hier lohnt sich Genauigkeit, denn im Netz wird die Rolle der Hormone gern größer gemacht, als sie belegt ist.

Der größte Risikofaktor für eine Senkung sind nicht die Wechseljahre, sondern Schwangerschaften und Geburten. In der Women's-Health-Initiative-Auswertung waren die Zahl der Geburten und starkes Übergewicht eng mit allen Senkungsformen verknüpft (Hendrix und Kollegen, 2002). Die Leitlinie führt als weitere anerkannte Risikofaktoren auf:

  • Übergewicht
  • Rauchen
  • chronische Verstopfung und starkes Pressen beim Stuhlgang
  • Asthma und COPD (durch den Dauerhusten)
  • schweres Heben, auch beruflich
  • angeborene Bindegewebserkrankungen wie das Marfan- oder Ehlers-Danlos-Syndrom

Die Wechseljahre kommen ins Spiel, weil Scheide, Beckenbodenmuskulatur und Bindegewebe Östrogenrezeptoren tragen und das Gewebe nach der Menopause dünner und weniger elastisch wird. Dass der Östrogenmangel selbst eine Senkung verursacht, ist daraus nicht zu schließen. Die Leitlinie sagt es sogar ausdrücklich in die andere Richtung: Eine systemische Hormonersatztherapie ist für die Beckenbodenfunktion nicht vorteilhaft und soll nicht verordnet werden, um einen Deszensus oder eine Inkontinenz zu behandeln. Zur Einordnung der Hormonersatztherapie insgesamt: HRT 2026: Was wirklich zählt.

Die überraschende Nachricht: Eine Senkung bildet sich manchmal zurück

Traditionell galt ein Deszensus als etwas, das nur fortschreiten kann. Eine Studie mit Frauen aus der Hormontherapie-Studie der Women's Health Initiative (Handa und Kollegen, American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2004) fand etwas anderes. Die Forscherinnen untersuchten die Teilnehmerinnen über zwei bis acht Jahre jedes Jahr gynäkologisch. Bei Studienbeginn hatten 31,8 Prozent der Frauen irgendeine Form von Senkung.

Im Verlauf traten pro 100 Frauenjahre 1,5 neue Gebärmuttersenkungen auf. Bei leichten Befunden (Grad 1) gingen die Senkungen dagegen deutlich häufiger zurück, als sie fortschritten: Die Rückbildungsrate lag bei der Gebärmutter bei 48 pro 100 Frauenjahre, die Fortschrittsrate bei 1,9. Das Fazit der Autorinnen: Ein Deszensus ist nicht immer chronisch und fortschreitend, spontane Rückbildung kommt besonders bei Grad 1 oft vor.

Vorsicht bei der Übertragung: Untersucht wurden Teilnehmerinnen einer Hormonstudie, und bei Befunden wie dem ärztlichen Tasten schwankt auch die Messung selbst. Aber die Botschaft passt zur Leitlinie, die ausdrücklich empfiehlt, im Aufklärungsgespräch auch die reine Beobachtung als Option zu nennen. Ein leichter Befund ohne Beschwerden braucht keine Therapie, und eine Operation soll nur bei vorhandenen Symptomen und Leidensdruck erfolgen.

Was du selbst tun kannst: Beckenbodentraining

Das Beckenbodentraining ist die Maßnahme mit der besten Datenlage. Die Leitlinie gibt ihr die höchste Empfehlungsstärke: Ein gezieltes, spezifisches Beckenbodentraining soll bei Senkungen im Stadium I und II angeboten werden (Evidenzgrad 1a). In einer zusammengefassten Auswertung von fünf randomisierten Studien sank das Risiko für Senkungsbeschwerden auf 0,41 gegenüber der Vergleichsgruppe.

Die bekannteste dieser Studien heißt POPPY. 447 Frauen mit neu festgestellter, beschwerdeverursachender Senkung der Stadien I bis III wurden per Los entweder einem individuellen Training zugeteilt oder bekamen nur ein Merkblatt mit Alltagstipps. Nach zwölf Monaten hatten die Trainierenden deutlich weniger Beschwerden, gemessen mit einem Fragebogen (Unterschied 1,52 Punkte, Konfidenzintervall 0,46 bis 2,59; Hagen und Kollegen, The Lancet, 2014).

Interessant ist die Langzeitnachbeobachtung. Elf Jahre später hatten 43,6 Prozent der Trainingsgruppe eine weitere Behandlung der Senkung gebraucht, in der Vergleichsgruppe waren es 52,8 Prozent. Das Training senkte die Chance auf eine spätere Behandlung um knapp 40 Prozent (angepasstes Odds Ratio 0,61; Fenocchi und Kollegen, International Urogynecology Journal, 2023). Beide Zahlen zeigen auch: Wer trainiert, ist nicht vor weiteren Behandlungen gefeit, nur seltener darauf angewiesen.

Das Wichtige an POPPY ist das Wort "individuell". Die Frauen wurden einzeln von Physiotherapeutinnen angeleitet, ob sie die Muskeln überhaupt richtig anspannen. Das Internet-Video "Beckenboden in fünf Minuten" ist nicht dasselbe. Die britische NICE-Leitlinie, die die deutsche zitiert, empfiehlt für Stadium 1 und 2 ein Training über mindestens 16 Wochen. Wie du Kraft aufbaust, ohne den Beckenboden zu überfordern, steht auch im Artikel Krafttraining in den Wechseljahren.

Die Anleitung zum Training bekommst du über eine Verordnung der Frauenärztin an eine Physiotherapie mit Beckenboden-Schwerpunkt. Ohne diese Anleitung ist die Gefahr groß, dass du die falschen Muskeln anspannst oder mit dem Bauch gegenhältst.

Was dir im Alltag nützt

Aus der Liste der Risikofaktoren folgen Dinge, die tatsächlich in deiner Hand liegen. Die Leitlinie nennt Gewichtsabnahme bei Übergewicht, die Behandlung einer Verstopfung, Pressen beim Stuhlgang vermeiden, schweres Heben vermeiden und Nikotinverzicht. Der Evidenzgrad dafür ist bei dieser Gruppe von Maßnahmen niedrig (GoR C in der internationalen Empfehlung), das heißt, es sind vernünftige, aber nicht in Studien abgesicherte Tipps. Weiter hilft es manchen Frauen, bei Verstopfung mit den Fingern am Damm gegenzustützen, die Leitlinie nennt das "digitale Unterstützung der Defäkation".

Wenn die Verstopfung eigentlich ein größeres Thema ist, könnte Blähbauch und Reizdarm in den Wechseljahren weiterhelfen, bei Gewichtsthemen Gewichtszunahme in den Wechseljahren.

Pessar: der unterschätzte Mittelweg

Ein Pessar ist ein Silikonring, eine Schale oder ein Würfel, den die Ärztin in die Scheide einlegt und der die Organe stützt. Die Leitlinie empfiehlt, die Pessartherapie als konservative Option immer anzubieten (Evidenzgrad 1b). Einige Zahlen daraus:

  • Bei den meisten Frauen kann ein Pessar erfolgreich angepasst werden, in Beobachtungsstudien in etwa 50 bis 100 Prozent der Fälle. Die erfolgreiche Weiterführung ist mit 14 bis 67 Prozent deutlich geringer.
  • Das Pessar bessert nicht nur Senkungsbeschwerden, sondern in 23 bis 45 Prozent der Fälle auch eine Belastungsinkontinenz sowie eine überaktive Blase und Stuhlprobleme.
  • Bei bis zu 56 Prozent der Anwenderinnen traten Komplikationen wie Blutungen, Druckstellen, Verstopfung oder Schmerzen auf. Deutlich seltener wurden Fisteln beschrieben.
  • Besonders ältere Frauen, die keinen Geschlechtsverkehr haben, ziehen ein Pessar häufig der Operation vor.

Hier kommt das Östrogen ins Spiel, und zwar das lokale. Die Leitlinie sieht es als hilfreich an, um Druckstellen, Blutungen und Gewebeschäden unter dem Pessar vorzubeugen. Eine systematische Übersicht kam ebenfalls zu dem Schluss, dass vaginales Östrogen bei Beckenbodenproblemen nach der Menopause als Ergänzung nützlich sein kann, die Studienlage aber von schwacher bis mäßiger Qualität ist (Rahn und Kollegen, International Urogynecology Journal, 2015). Gegen die Senkung selbst hilft es nach einem Cochrane-Review nicht, gegen wiederkehrende Blasenentzündungen schon. Mehr dazu in Östrogencreme: Erfahrungen und Vaginale Trockenheit: Was hilft.

Wenn eine Operation Thema wird

Die Leitlinie ist hier klar: Operiert wird bei Beschwerden und Leidensdruck, nicht wegen eines Befunds. Dass es dann nicht selten dazu kommt, zeigt eine amerikanische Auswertung von über zehn Millionen Frauen: Das Risiko, bis zum 80. Lebensjahr wegen einer Senkung operiert zu werden, lag bei 12,6 Prozent, die jährliche Rate stieg bis etwa 71 bis 73 Jahre auf 4,3 pro 1.000 Frauen (Wu und Kollegen, Obstetrics and Gynecology, 2014). Das ist hoch, heißt aber im Umkehrschluss auch: Rechnerisch bleiben rund 87 von 100 Frauen ohne Operation.

Es gibt mehrere Verfahren, mit Entfernung der Gebärmutter oder ohne (sogenannte Hysteropexie, bei der die Gebärmutter an ihrem Platz befestigt wird). Welches passt, hängt von Befund, Alter, Sexualleben und Begleiterkrankungen ab. Die Details gehören in ein ausführliches Gespräch mit einer Beckenbodenspezialistin, am besten an einem zertifizierten Beckenbodenzentrum. Frag dort ausdrücklich, ob ein Training oder ein Pessar zuerst versucht werden kann.

Ein Wort zum Training vor der Operation: Das Beckenbodentraining unmittelbar rund um die OP hat in einer Cochrane-Auswertung und einer weiteren Übersicht keine zusätzlichen Vorteile für das Ergebnis gebracht. Das spricht nicht gegen das Training an sich, sondern nur gegen die Erwartung, ein paar Wochen vor dem Termin würden den Eingriff erübrigen.

Wann du nicht abwarten solltest

Eine Senkung ist selten ein Notfall, aber einige Situationen gehören zeitnah in die Praxis:

  • Du kannst plötzlich kaum noch oder gar nicht Wasser lassen (Harnverhalt)
  • Du hast wiederkehrende Blasenentzündungen oder bemerkst Restharngefühl
  • Das Gewebe am Scheideneingang blutet, ist offen oder wund
  • Du spürst eine Vorwölbung, die nicht mehr zurückgeht
  • Du hast Blutungen nach der Menopause, unabhängig von einer Senkung (siehe Blutungen in der Perimenopause: wann zum Arzt)

Wer Probleme mit der Blase hat, findet mehr in Blasenschwäche und Harndrang, bei Schmerzen beim Sex in Schmerzen beim Sex in den Wechseljahren.

Was ich davon halte

Mich beschäftigt an diesem Thema der Unterschied zwischen Befund und Beschwerde. Wenn in dem großen amerikanischen Datensatz jede dritte Frau eine Blasensenkung hat und nur ein Viertel der Frauen mit mittlerem Stadium einen Leidensdruck angibt, dann ist das Wort "Senkung" in der Sprechstunde oft weit furchterregender als das Ergebnis. Viele Frauen gehen mit der Vorstellung nach Hause, ihr Körper falle auseinander und eine Operation sei unvermeidlich. Die Zahlen sagen etwas anderes: leichte Befunde bilden sich oft zurück, Training wirkt, und selbst bei Beschwerden bleibt zwischen "nichts tun" und "operieren" ein großer Raum.

Mein Rat deshalb: Wenn du ein Ziehen oder ein Fremdkörpergefühl spürst, lass es einmal genau ansehen und dir das Stadium nennen. Frag nach Beckenbodentraining mit Anleitung und, falls nötig, nach einem Pessar. Und wenn jemand dir als Erstes eine Operation vorschlägt, ist eine zweite Meinung in einem Beckenbodenzentrum kein Misstrauensvotum, sondern gute Praxis.


Quellen: AWMF: S2e-Leitlinie "Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau", Registernummer 015-006, Fassung 2026 (Vorversion: Baeßler K et al., Geburtshilfe Frauenheilkd 2016, PMID 28042167) · Hendrix SL et al.: "Pelvic organ prolapse in the Women's Health Initiative: gravity and gravidity", Am J Obstet Gynecol, 2002 (PMID 12066091) · Handa VL et al.: "Progression and remission of pelvic organ prolapse: a longitudinal study of menopausal women", Am J Obstet Gynecol, 2004 (PMID 14749630) · Hagen S et al.: "Individualised pelvic floor muscle training in women with pelvic organ prolapse (POPPY): a multicentre randomised controlled trial", Lancet, 2014 (PMID 24290404) · Fenocchi L et al.: "Long-term effects and costs of pelvic floor muscle training for prolapse: trial follow-up record-linkage study", Int Urogynecol J, 2023 (PMID 35763050) · Rahn DD et al.: "Vaginal estrogen use in postmenopausal women with pelvic floor disorders: systematic review and practice guidelines", Int Urogynecol J, 2015 (PMID 25392183) · Wu JM et al.: "Lifetime risk of stress urinary incontinence or pelvic organ prolapse surgery", Obstet Gynecol, 2014 (PMID 24807341) Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er fasst den veröffentlichten Forschungsstand zusammen; die Einordnung des Einzelfalls gehört in fachkundige Hände.

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