Ein Forschungsteam um den amerikanischen Radiologen Waleed Brinjikji hat 2015 die Bilder von 3.110 Menschen ausgewertet, die nie Rückenschmerzen hatten. Bei den 20-Jährigen zeigte das MRT oder CT in 37 Prozent eine abgenutzte Bandscheibe. Der Anteil stieg mit jedem Lebensjahrzehnt, bis er bei den 80-Jährigen 96 Prozent erreichte. Eine vorgewölbte Bandscheibe fand sich bei 30 Prozent der 20-Jährigen und bei 84 Prozent der 80-Jährigen, alle ohne Beschwerden (Brinjikji und Kollegen, AJNR, 2015).
Das ist der Satz, den man im Kopf behalten sollte, wenn man in den Wechseljahren plötzlich Schmerzen im unteren Rücken hat und im Netz liest, dass der Östrogenmangel die Bandscheiben zermürbt. Es stimmt vermutlich, dass sich die Wirbelsäule in dieser Zeit verändert. Es stimmt aber auch, dass Veränderungen auf dem Bild und Schmerzen im Alltag zwei verschiedene Dinge sind.
Dieser Artikel klärt, ob Frauen nach der Menopause tatsächlich häufiger Rückenschmerzen haben, was die Forschung über Östrogen und Wirbelsäule weiß und was bisher nur vermutet wird, welche Strukturen im unteren Rücken in Frage kommen und welche Behandlung am besten belegt ist. Außerdem: wann der Rücken ein Fall für den Arzt ist.
Haben Frauen nach der Menopause mehr Rückenschmerzen?
Die Zahlen sagen ja, aber sie beweisen keine Ursache. Eine Auswertung der Global-Burden-of-Disease-Daten für 2021 kommt für Frauen ab 55 Jahren auf eine 1,78-fach höhere Neuerkrankungsrate und eine 1,86-fach höhere Häufigkeit von Kreuzschmerzen als bei gleichaltrigen Männern. Zwischen 1990 und 2021 hat sich die Zahl der Betroffenen in dieser Gruppe auf 176,8 Millionen fast verdoppelt, was vor allem an der alternden Bevölkerung liegt. Als wichtigster beeinflussbarer Faktor erwies sich ein hoher Body-Mass-Index, der 14,2 Prozent der durch Kreuzschmerz verlorenen gesunden Lebensjahre erklärte, gefolgt von beruflichen Belastungen (12,6 Prozent) und Rauchen (7,3 Prozent) (Xu und Kollegen, Frontiers in Endocrinology, 2025).
Wichtig dabei: Die Studie vergleicht Frauen mit Männern, nicht Frauen vor und nach der Menopause. Dass Hormone den Unterschied erklären, ist eine Annahme der Autoren. Hormone lassen sich in so einer Auswertung nicht von anderen Unterschieden zwischen den Geschlechtern trennen.
Was Östrogen mit der Wirbelsäule zu tun haben könnte
Der Radiologe Yì-Xiáng Wáng von der Chinese University of Hong Kong hat 2016 die Idee formuliert, Kreuzschmerz sei bei Frauen nach der Menopause häufiger, weil das Östrogen sinkt. Er stützt sich auf drei Beobachtungen: Bei Frauen verengt sich der Bandscheibenraum schneller als bei gleichaltrigen Männern, Wirbelgleiten (Spondylolisthese) und Arthrose der kleinen Wirbelgelenke kommen häufiger vor, und Wirbelbrüche durch Osteoporose treten bevorzugt am Übergang von Brust- zu Lendenwirbelsäule auf. Er schreibt selbst, dass er ein Konzept vorschlägt, das weiter untersucht werden muss (Wang, Journal of Orthopaedic Translation, 2017). Es ist ein Übersichtsartikel mit einer These, kein Beweis.
Was seither dazukam, sind einzelne Studien, die zur These passen. Keine davon kann Ursache und Wirkung trennen:
- Bandscheiben und FSH. Chinesische Orthopäden haben bei 324 Frauen zwischen 45 und 55 Jahren die Bandscheiben im MRT beurteilt und das follikelstimulierende Hormon (FSH) im Blut gemessen, das in der Menopause ansteigt. Nach der Menopause waren die Bandscheiben stärker degeneriert als davor, auch im Vergleich gleichaltriger Frauen. Der FSH-Wert hing mit dem Schweregrad an allen fünf Lendenbandscheiben zusammen, mit Korrelationen zwischen 0,37 und 0,63. Es war eine Querschnittsstudie, sie zeigt ein gemeinsames Auftreten und keinen Mechanismus (Pan und Kollegen, Journal of Orthopaedic Surgery and Research, 2026).
- Frühe Menopause. In einer indischen Studie mit nur 50 Frauen, die alle wegen anhaltender Rückenschmerzen in der Klinik waren, hatten Frauen mit früher Menopause (vor 45) häufiger schwere Degeneration (50 Prozent gegenüber 23,8 Prozent bei normalem Zeitpunkt und 20 Prozent bei später Menopause) und höhere Schmerzwerte. Die Gruppe ist klein, es gab keine Vergleichsgruppe ohne Schmerzen (Ganguly und Kollegen, Journal of Orthopaedic Case Reports, 2026).
- Wirbelgelenke. Koreanische Chirurgen fanden bei der Operation von 17 Patientinnen und Patienten mit Wirbelgleiten mehr Östrogenrezeptoren im Knorpel der Wirbelgelenke als bei 15 Menschen mit reiner Spinalkanalverengung, und je schwerer die Arthrose, desto mehr Rezeptoren (Ha und Kollegen, Spine, 2005). Das deutet darauf hin, dass dieses Gewebe auf Östrogen reagiert. Ob mehr Rezeptoren schützen oder schaden, sagt die Studie nicht.
Die Lage ist also: plausibel, in Teilen beobachtet, aber nicht bewiesen.
Wirbelgleiten: das Beispiel, bei dem es konkret wird
Bei einer Spondylolisthese rutscht ein Wirbelkörper ein Stück über den darunter liegenden, meist im Lendenbereich bei L4/L5. Ein Review fasst zusammen, dass die Prognose meist günstig ist und die Behandlung zunächst nicht operativ erfolgt, also mit Schmerzmitteln, Physiotherapie und Kräftigung. Ausnahme sind neurologische Ausfälle wie Schmerzen in den Beinen beim Gehen oder Störungen von Blase und Darm. Die verschlechtern sich ohne Operation wahrscheinlich weiter (Kalichman und Hunter, European Spine Journal, 2008).
Zur Rolle der Hormone gibt es zwei Beobachtungsstudien. In einer französischen Querschnittsstudie mit 146 Frauen nach der Menopause hatten 8 Prozent derjenigen, die länger als ein Jahr eine Hormontherapie bekommen hatten, eine seitliche Wirbelverschiebung, gegenüber 30 Prozent bei den anderen (Marty-Poumarat und Kollegen, European Spine Journal, 2012). In der US-Studie an 481 afroamerikanischen Frauen ab 65 Jahren war das Wirbelgleiten bei Frauen mit Östrogentherapie seltener. Dabei war das Gleiten verbreitet (58,3 Prozent der Frauen) und hing nicht mit der Rückenfunktion zusammen (Vogt und Kollegen, Spine Journal, 2003).
Beide Studien zeigen nur, dass die Gruppen verschieden aussehen. Frauen, die eine Hormontherapie bekommen, unterscheiden sich auch sonst von denen, die keine bekommen. Eine randomisierte Studie, die Rückenschmerz als Ziel der Hormontherapie untersucht hat, habe ich nicht gefunden. Rückenschmerz allein ist deshalb kein Grund für eine Hormontherapie. Was sie sonst kann und wann sie in Frage kommt, steht in HRT 2026: Was wirklich zählt.
Der Befund und der Schmerz sind nicht dasselbe
Zurück zu Brinjikji. Weil Veränderungen so häufig sind, ist ein Bericht mit "Bandscheibendegeneration, Facettenarthrose, Protrusion" bei einer 52-Jährigen im Grunde ein Hinweis auf ihr Alter. Die Autoren schreiben, viele dieser Befunde seien wahrscheinlich Teil des normalen Alterns und nicht mit Schmerz verbunden, und müssten im Zusammenhang mit den Beschwerden gelesen werden.
Auch der Lancet-Übersichtsartikel zu Kreuzschmerz sagt es klar: Bei fast allen Betroffenen lässt sich keine spezifische Schmerzursache feststellen. Nur ein kleiner Teil hat eine gut verstandene Ursache wie einen Wirbelbruch, einen Tumor oder eine Infektion. Die meisten neuen Episoden klingen schnell ab, Rückfälle sind aber häufig, und ein kleiner Teil wird dauerhaft. Hohe Anfangsschmerzen, psychische Belastung und Schmerzen an mehreren Körperstellen erhöhen das Risiko, dass sich der Schmerz festsetzt (Hartvigsen und Kollegen, Lancet, 2018).
Die Nationale VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz in der Fassung von 2017 zieht daraus die Konsequenz: Eine Bildgebung ist nicht Routine. Bei anhaltenden, den Alltag einschränkenden oder zunehmenden Schmerzen trotz leitliniengerechter Behandlung nach vier bis sechs Wochen soll geprüft werden, ob ein MRT sinnvoll ist. Das ist die Prüfung der Indikation, nicht der automatische Auftrag.
Was am besten belegt ist: Bewegung
Die Cochrane-Auswertung von 249 Studien zu Bewegungstherapie bei chronischem unspezifischem Kreuzschmerz (länger als zwölf Wochen) kommt auf einen Vorteil gegenüber keiner Behandlung, Standardversorgung oder Placebo von etwa 15 Punkten auf einer Skala von 0 bis 100 (95-Prozent-Konfidenzintervall 12,2 bis 18,3). Das ist genau die Schwelle, die die Autoren als klinisch bedeutsam definiert haben. Die Sicherheit der Evidenz stufen sie als moderat ein. Für die Alltagsfunktion war der Effekt kleiner und erreichte die Schwelle nicht (Hayden und Kollegen, Cochrane Database of Systematic Reviews, 2021).
Bewegung war besser als reine Aufklärung (12,2 Punkte) und besser als Elektrotherapie und passive Physiotherapie (10,4 Punkte), aber nicht besser als manuelle Therapie. Welche Art von Bewegung am besten ist, ließ sich nicht klären. Die Teilnehmenden waren im Schnitt 43,7 Jahre alt, die Studie sagt also nichts speziell über Frauen nach der Menopause. Einen Hinweis, dass es nach der Menopause anders wäre, gibt es aber nicht.
Bei akuten Schmerzen ist die Botschaft ähnlich: Wer aktiv bleibt, kommt etwas besser zurecht als wer sich ins Bett legt. Zwei Studien mit zusammen 401 Menschen zeigten kleine Vorteile für das Aktivbleiben bei Schmerz (Effektstärke 0,22) und Funktion (0,29) (Dahm und Kollegen, Cochrane, 2010). Das heißt nicht, dass du durch den Schmerz hindurchtrainieren sollst. Es heißt, dass Schonung nichts bringt.
Für die Praxis bleibt ein unspektakulärer Rat: Gehen, Schwimmen, Radfahren oder Krafttraining für Rumpf und Beine, regelmäßig und über Wochen. Warum Krafttraining in den Wechseljahren ohnehin sinnvoll ist, steht in Krafttraining für Frauen in den Wechseljahren. Falls dein Gewicht in den letzten Jahren gestiegen ist, ist das der einzige Faktor aus der Global-Burden-Auswertung, den du direkt beeinflussen kannst (mehr dazu in Gewichtszunahme in den Wechseljahren).
Wenn es nicht der Lendenrücken ist
Nicht jeder Schmerz, der "im Rücken" sitzt, kommt von der Lendenwirbelsäule. Je nach Lage lohnt der Blick in die Nachbarthemen:
- Schmerz knapp über dem Gesäß, seitlich neben der Wirbelsäule, oft einseitig: Schmerzen im Kreuz-Darmbein-Gelenk
- Schmerz im Nacken und zwischen den Schulterblättern: Nackenschmerzen in der Perimenopause
- Schmerz seitlich unter den Rippen, bis in die Flanke: Flankenschmerzen in den Wechseljahren
- Ziehen im Unterbauch, das in den Rücken ausstrahlt: Unterleibsschmerzen in den Wechseljahren und Gebärmuttersenkung
- Schmerz in der Leiste, der beim Gehen in den Oberschenkel zieht: Hüftarthrose
Warnzeichen: Wann der Rücken zum Arzt gehört
Die meisten Rückenschmerzen sind harmlos, aber manche nicht. Ein Wirbelbruch durch Osteoporose ist selten, aber in den Wechseljahren und danach nicht ausgeschlossen. Eine Cochrane-Übersicht über die Aussagekraft von Warnzeichen fand, dass in der Hausarztpraxis 0,7 bis 4,5 Prozent der Menschen mit Kreuzschmerz einen Wirbelbruch haben. Brauchbare Hinweise darauf waren ein deutliches Trauma, höheres Alter und die Einnahme von Kortison. Einzelne Warnzeichen allein sind unzuverlässig, mehrere zusammen aussagekräftiger (Williams und Kollegen, Cochrane, 2013).
Lass den Rücken ärztlich ansehen, wenn:
- der Schmerz nach einem Sturz oder Stoß begonnen hat, besonders wenn du Kortison einnimmst oder eine Osteoporose bekannt ist (siehe Osteoporose in den Wechseljahren)
- der Schmerz in Ruhe und nachts nicht nachlässt oder stetig zunimmt
- Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder allgemeine Schwäche dazukommen
- sich Taubheit, Kribbeln oder Schwäche in einem Bein ausbreiten
- die Beine beim Gehen nach kurzer Strecke schmerzen oder schwer werden und sich beim Hinsetzen bessern (typisch für eine Verengung des Spinalkanals, siehe auch Kalichman und Hunter)
- du das Wasserlassen oder den Stuhlgang nicht mehr richtig kontrollieren kannst oder die Innenseiten der Oberschenkel und der Genitalbereich taub werden. Das ist ein Notfall und gehört sofort in die Klinik. Das ist ärztlicher Standard, nicht das Ergebnis einer der oben genannten Studien.
Was ich davon halte
Mich beschäftigt an diesem Thema die Lücke zwischen der Geschichte, die sich leicht erzählen lässt, und dem, was die Studien tragen. "Der Östrogenmangel zermürbt deine Bandscheiben" ist eine eingängige Geschichte, und sie hat ein paar Daten hinter sich. Aber die Daten sind Querschnittsstudien, Hypothesen und kleine Fallgruppen. Wer daraus ableitet, dass das MRT mit den Befunden die Erklärung für den Schmerz ist, liegt wahrscheinlich daneben, denn dieselben Befunde haben auch Menschen, die nichts spüren.
Mein Rat in dieser Reihenfolge: Erstens bei neuen starken Schmerzen die Warnzeichen oben durchgehen. Zweitens, wenn keines zutrifft, in Bewegung bleiben und nicht ins Bett legen, und den Schmerz drei bis vier Wochen beobachten. Drittens, wenn er trotzdem bleibt, zur Ärztin gehen und fragen, ob Bildgebung sinnvoll ist, statt sie als Erstes zu verlangen. Viertens eine Trainingsform wählen, die du über Monate durchhältst, denn die Wirkung der Bewegungstherapie kommt aus der Regelmäßigkeit und nicht aus der besten Übung. Und ob eine Hormontherapie aus anderen Gründen für dich passt, ist eine eigene Frage, die nicht vom Rücken abhängen sollte.
Quellen: Brinjikji W et al.: "Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations", AJNR Am J Neuroradiol, 2015 (PMID 25430861) · Xu J et al.: "Global, regional, and national burden of low back pain in postmenopausal women from 1990 to 2021", Front Endocrinol, 2025 (PMID 41079199) · Wang YXJ: "Menopause as a potential cause for higher prevalence of low back pain in women than in age-matched men", J Orthop Translat, 2017 (PMID 30035087) · Pan C et al.: "Associations between the serum follicle-stimulating hormone (FSH) levels and intervertebral disc degeneration severity during the menopausal transition", J Orthop Surg Res, 2026 (PMID 41618338) · Ganguly S et al.: "Influence of Menopause Onset on the Progression of Lumbar Degenerative Disease", J Orthop Case Rep, 2026 (PMID 42273481) · Ha KY et al.: "Expression of estrogen receptor of the facet joints in degenerative spondylolisthesis", Spine, 2005 (PMID 15738791) · Kalichman L, Hunter DJ: "Diagnosis and conservative management of degenerative lumbar spondylolisthesis", Eur Spine J, 2008 (PMID 18026865) · Marty-Poumarat C et al.: "Does hormone replacement therapy prevent lateral rotatory spondylolisthesis in postmenopausal women?", Eur Spine J, 2012 (PMID 22033571) · Vogt MT et al.: "Lumbar spine listhesis in older African American women", Spine J, 2003 (PMID 14589183) · Hartvigsen J et al.: "What low back pain is and why we need to pay attention", Lancet, 2018 (PMID 29573870) · Bundesärztekammer, KBV, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz, 2. Auflage, Version 1, 2017 (AWMF-Register nvl-007) · Hayden JA et al.: "Exercise therapy for chronic low back pain", Cochrane Database Syst Rev, 2021 (PMID 34580864) · Dahm KT et al.: "Advice to rest in bed versus advice to stay active for acute low-back pain and sciatica", Cochrane Database Syst Rev, 2010 (PMID 20556780) · Williams CM et al.: "Red flags to screen for vertebral fracture in patients presenting with low-back pain", Cochrane Database Syst Rev, 2013 (PMID 23440831) Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er fasst den veröffentlichten Forschungsstand zusammen; die Einordnung des Einzelfalls gehört in fachkundige Hände.
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