Welt-Menopause-Tag 2026: Chronische Schmerzen in der Lebensmitte

Welt-Menopause-Tag 2026: Chronische Schmerzen in der Lebensmitte

In dem Fachartikel, der den diesjährigen Welt-Menopause-Tag trägt, steht ein Satz, den man zweimal lesen darf: Etwa die Hälfte der Frauen in der Lebensmitte hat chronische Schmerzen, häufig gleich mehrere Schmerzsyndrome übereinander, etwa Fibromyalgie, Migräne und chronische Unterleibsschmerzen. Und dieser Schmerz, schreiben die Autorinnen und Autoren, werde häufig nicht erkannt, nicht diagnostiziert und unzureichend behandelt (Mailis und Kollegen, Climacteric, 2026).

Das ist das offizielle Jahresthema der International Menopause Society (IMS) für den 18. Oktober 2026: "Chronic Pain at Midlife", chronischer Schmerz in der Lebensmitte. Dieser Artikel erklärt, was es mit dem Tag auf sich hat, was das Thema in der Forschung bedeutet, wo die Datenlage stark ist und wo dünn, und führt dich danach zu den passenden Artikeln, falls du selbst eine Schmerzstelle mitbringst.

Was der Welt-Menopause-Tag ist

Die International Menopause Society hat den Welt-Menopause-Tag 2009 ins Leben gerufen. Die Gesellschaft selbst gibt es seit 1978, sie versteht sich als weltweiter gemeinnütziger Zusammenschluss von Fachleuten. Der Tag findet jedes Jahr am 18. Oktober statt. Das Ziel laut IMS: das Bewusstsein für die Menopause schärfen und die Erfahrung von Frauen auf der ganzen Welt verbessern.

Die IMS legt jedes Jahr ein Thema fest, gibt ein White Paper in Auftrag und stellt Material für Frauen, Fachleute und die Öffentlichkeit bereit (IMS, World Menopause Day 2026 Event Toolkit, August 2026). Wichtig für die Einordnung: Das ist ein Aktionstag einer Fachgesellschaft, kein Gesetzesakt und keine Studie. Er verschafft einem Thema Aufmerksamkeit, er beweist nichts. Die Frage ist also, ob das Thema 2026 die Aufmerksamkeit verdient. Ich finde, ja, und die Gründe stehen unten.

Das Jahresthema 2026: Chronic Pain at Midlife

Laut dem Toolkit der IMS rückt die Kampagne in diesem Jahr in den Mittelpunkt, dass chronischer Schmerz einen großen Teil der Frauen während und nach dem Übergang betrifft, in Forschung und Versorgung aber unterschätzt wird. Das 2026er White Paper fasst den Stand der Evidenz zu den häufigsten Schmerzsyndromen der Lebensmitte zusammen. Es steht in der Fachzeitschrift Climacteric, Erstautorin ist A. Mailis, unter den Mitautoren sind R. E. Nappi und T. Simoncini (Mailis und Kollegen, 2026).

Die Kernaussagen der Zusammenfassung, ohne Ausschmückung:

  • Chronischer Schmerz betrifft Frauen überproportional, und Meilensteine des Fortpflanzungslebens beeinflussen, wie er sich zeigt.
  • Wichtigste Einflussgrößen sind Alter, hormonelle Veränderungen und psychische Gesundheit. Veränderungen des Östradiols wirken wechselseitig mit dem Verschleiß am Bewegungsapparat, mit einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit von Nervensystem und Immunsystem und mit weiteren persönlichen und gesellschaftlichen Faktoren zusammen.
  • Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungstiefs, Brain Fog und Erschöpfung können zum Schmerzerleben beitragen.
  • Die Behandlung soll mehrgleisig sein: Das Papier behandelt neurobiologische Mechanismen, Lebensstil, kulturelle Faktoren und Hormontherapie.

Beachtenswert ist die Formulierung "wechselseitig". Hier wird nicht behauptet, Östrogenmangel verursache Schmerzen. Es wird gesagt, mehrere Dinge verstärken sich gegenseitig. Das klingt weniger griffig als "Hormone sind schuld", ist aber die ehrlichere Aussage.

Wie häufig Schmerz in der Lebensmitte ist: die Zahlen

Die bekannteste Zahl stammt aus einer Metaanalyse der Arbeitsgruppe um Lu, die 2020 in der Zeitschrift Neural Plasticity erschien. Sie wertete 16 Studien mit insgesamt 5.836 Frauen aus. Von ihnen hatten in der Perimenopause 71 Prozent Schmerzen am Bewegungsapparat (Konfidenzintervall 64 bis 78 Prozent). Gegenüber Frauen vor den Wechseljahren war das Risiko erhöht (Odds Ratio 1,63), gegenüber Frauen nach der Menopause nicht (Odds Ratio 1,07). Mittelschwere bis schwere Schmerzen waren nach der Menopause häufiger als davor (Lu und Kollegen, 2020).

Zwei Einschränkungen gehören dazu: Von den 16 Studien waren nur sieben Vergleichsstudien mit Referenzgruppe, die übrigen beschrieben nur, das räumen die Autoren selbst als Verzerrungsrisiko ein. Und 14 der 16 waren Querschnittsstudien, die eine Momentaufnahme liefern und keine Entwicklung über die Jahre zeigen. Die 71 Prozent sind also eine grobe Größenordnung, kein Messwert, der für jede Frau gilt.

Eine ähnliche Zahl taucht in einem Übersichtsartikel von 2024 auf, der in Climacteric einen neuen Begriff vorschlug, das "Musculoskeletal Syndrome of Menopause". Die Autorinnen und Autoren um Wright schreiben, mehr als 70 Prozent der Frauen erlebten in den Wechseljahren muskuloskelettale Symptome, bei 25 Prozent führe das zu Einschränkungen im Alltag. Zum Syndrom zählen Gelenkschmerzen, Muskelabbau, Knochenschwund und das Fortschreiten von Arthrose (Wright und Kollegen, Climacteric, 2024). Wichtig: Das ist ein Übersichtsartikel, der einen Sammelbegriff vorschlägt, keine Diagnose mit festen Kriterien. Mehr dazu in Schmerzen überall in den Wechseljahren.

Und noch eine Beobachtung, die Mut macht: Eine Durchsicht von 115 Studien aus den Jahren 2014 bis 2024 fand fünf Schmerzgruppen (Bewegungsapparat, Urogenitaltrakt, Verdauungstrakt, Mund und Gesicht, mehrere Stellen oder unklar). Der Schmerz war häufig in der frühen Menopause am stärksten und ließ danach nach, wobei der Verlauf je nach Schmerzart und Begleiterkrankungen unterschiedlich war (Ertmane und Lulle, Menopause, 2026). Das passt nicht ganz zu den Querschnittszahlen oben, die für später eher mehr schwere Schmerzen zeigen. Beides kann stimmen, denn die Studien messen Unterschiedliches. Ich nehme daraus mit: Nicht jeder Wechseljahresschmerz bleibt, aber verlassen darf man sich darauf auch nicht.

Was bei der Behandlung belegt ist und was nicht

Hier lohnt es sich, genau zu sein, denn das ist die Stelle, an der im Netz am meisten versprochen wird.

Bewegung hat die beste Evidenz. In der erwähnten Durchsicht von 115 Studien zeigten Bewegungsprogramme den gleichmäßigsten Nutzen für die Funktion. Die Wirkung von Hormontherapie und ergänzenden Verfahren fiel uneinheitlich aus und hing vom Schmerztyp ab (Ertmane und Lulle, 2026). Bei der Hormontherapie ist die Datenlage gemischt. Eine Metaanalyse von 2026 wertete 57 Studien mit zusammen 3.958.702 Teilnehmerinnen aus. Beim allgemeinen Schmerz am Bewegungsapparat fand sich zwischen Frauen, die je Hormone genommen hatten, und Frauen, die nie welche genommen hatten, kein Unterschied (relatives Risiko 1,00; Konfidenzintervall 0,96 bis 1,04). Bei Arthrose und Rheuma waren die Studien zu verschieden, um sie zusammenzurechnen, und die Ergebnisse widersprachen sich. Die Autorinnen und Autoren halten ausdrücklich fest, dass es bislang keine Leitlinie gibt, die Hormone gegen solche Beschwerden empfiehlt (Overton und Kollegen, Post Reproductive Health, 2026).

Das heißt nicht, dass Hormone nie helfen. Es heißt, dass die Gesamtschau keinen Schmerzeffekt zeigt, der für alle gilt. Ob einzelne Untergruppen profitieren, bleibt offen.

Und es gibt einen Befund, der in die Gegenrichtung zeigt. In der norwegischen HUNT-Studie mit 6.007 Frauen ohne Rückenschmerzen zu Beginn hatten diejenigen, die zu Beginn systemische Hormontherapie nutzten, nach elf Jahren ein um 30 Prozent höheres Risiko für chronische Kreuzschmerzen (relatives Risiko 1,30). Bei reinem Östrogen lag es bei 1,49, bei der Kombination mit einem Gestagen bei 1,35 (Heuch und Kollegen, BMC Musculoskeletal Disorders, 2023). Das ist eine Beobachtungsstudie. Frauen mit Beschwerden bekommen eher Hormone, deshalb kann der Zusammenhang auch daran liegen, wer behandelt wird. Als Warnung vor Hormonen taugt die Studie nicht, als Mahnung, kein Schmerzmittel-Wunder zu erwarten, schon.

Meine Einschätzung, ausdrücklich als solche: Wer wegen Hitzewallungen, Schlafproblemen oder trockener Scheide über Hormone nachdenkt, kann das aus diesen Gründen tun und eine mögliche Schmerzlinderung als Zugabe betrachten. Wer Hormone allein gegen Schmerz einsetzen will, stützt sich auf dünnes Eis. Das ist ein Gespräch mit der Frauenärztin, kein Selbstversuch. Den Stand zur Hormontherapie insgesamt findest du in Hormontherapie 2026: Was wirklich zählt.

Warum der Schmerz so oft übersehen wird

Das White Paper nennt chronischen Schmerz in der Lebensmitte ausdrücklich unterschätzt und unterbehandelt (Mailis und Kollegen, 2026). Aus meiner Sicht kommen drei Dinge zusammen. Erstens sitzt der Schmerz selten an einer Stelle. Wer mit Knie, Nacken und Migräne zugleich zur Hausärztin kommt, bekommt oft drei Einzelbehandlungen statt einer Gesamtbetrachtung. Zweitens fällt der Beginn mit Schlafmangel, Stimmungstiefs und Brain Fog zusammen, die alle den Schmerz verstärken können, und kaum jemand setzt sie in Verbindung. Drittens hört man leicht "Das ist das Alter". Das stimmt manchmal, und manchmal ist es eine Ausrede, die eine Behandlung verhindert.

Das ist nicht in der Studie gemessen, sondern meine Lesart der Zusammenfassung. Die Studie sagt nur: Der Schmerz ist da, und er wird zu selten erkannt.

Dein Weg durch das Schmerz-Cluster dieses Magazins

Wir haben im Lauf des Jahres zu den meisten Schmerzstellen eigene Artikel geschrieben. Such dir die, die zu deinem Beschwerdebild passt.

Der ganze Körper tut weh Rücken, Becken, Hüfte Gelenke, Sehnen, Hände Nacken, Schulter, Kiefer, Kopf Nerven, Muskeln, Krämpfe Unterleib und Brust

Wann Schmerz ärztlich abgeklärt werden sollte

Schmerzen in der Lebensmitte sind häufig, aber nicht automatisch harmlos und nicht automatisch "die Wechseljahre". Lass sie ärztlich ansehen, wenn:

  • der Schmerz neu ist, stark oder zunehmend, oder dich nachts weckt
  • er nach einem Sturz oder Stoß begonnen hat
  • Fieber, ungewollter Gewichtsverlust, geschwollene oder gerötete Gelenke oder ausgeprägte Schwäche dazukommen
  • Taubheit oder Lähmungserscheinungen auftreten, oder Blase und Darm nicht mehr zuverlässig funktionieren (dann sofort)
  • Brustschmerz mit Atemnot, Druck oder Ausstrahlung in Arm und Kiefer auftritt (dann den Notruf 112)
  • der Schmerz länger als drei Monate anhält und deinen Alltag einschränkt, denn dann ist er nach gängiger Definition chronisch und braucht einen Plan

Hormonelle Veränderungen sind eine mögliche Erklärung, Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, Rheuma, Arthrose und Nervenengpässe sind andere. Die Reihenfolge der Abklärung gehört in ärztliche Hände.

Was ich von diesem Tag halte

Aktionstage sind selten der Grund, etwas zu ändern. Dieses Jahr ist der Anlass aber gut gewählt, weil das Thema eine Lücke füllt: Über Hitzewallungen redet inzwischen fast jede, über Gelenke, Rücken und Nerven in den Wechseljahren kaum. Eine Fachgesellschaft, die ausdrücklich sagt, der Schmerz werde in Forschung und Versorgung unterschätzt, schiebt das Thema in die Praxis. Das ist mehr, als die meisten Aktionstage schaffen.

Mein Rat am 18. Oktober: Führ eine Woche lang ein Schmerztagebuch, mit Stelle, Stärke von 0 bis 10, Schlaf und Hitzewallungen in der Nacht davor. Und bring es zum nächsten Arzttermin mit. Es ist unspektakulär, und es hilft deiner Ärztin mehr als der Satz "Mir tut alles weh".


Quellen: International Menopause Society: "World Menopause Day 2026 Event Toolkit: Chronic Pain at Midlife", imsociety.org, August 2026 · Mailis A et al.: "Chronic pain at midlife" (IMS White Paper 2026), Climacteric, 2026 (PMID 42714958) · Lu CB et al.: "Musculoskeletal Pain during the Menopausal Transition: A Systematic Review and Meta-Analysis", Neural Plasticity, 2020 (PMID 33299396) · Wright VJ et al.: "The musculoskeletal syndrome of menopause", Climacteric, 2024 (PMID 39077777) · Ertmane E, Lulle A: "Menopause-associated pain: a decade review of patterns, determinants, and research priorities", Menopause, 2026 (PMID 42412599) · Overton R et al.: "The effect of hormone replacement therapy on musculoskeletal pain in menopausal women: A systematic review and meta-analysis", Post Reproductive Health, 2026 (PMID 41344380) · Heuch I et al.: "Menopausal hormone therapy, oral contraceptives and risk of chronic low back pain: the HUNT Study", BMC Musculoskelet Disord, 2023 (PMID 36721124) Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er fasst den veröffentlichten Forschungsstand zusammen; die Einordnung des Einzelfalls gehört in fachkundige Hände.

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